Fastenaktion leitet eine internationale Gruppe von Entwicklungsorganisationen, die sich für die Verwirklichung bäuerlicher Rechte einsetzt – in einzelnen Ländern und auf globaler Ebene. 2023 hat das Projekt RAISE einiges erreicht, doch es gibt noch viel zu tun.

Ein Text von Ralf Kaminski, Redaktor bei Fastenaktion 

RAISE steht für «Rights-based and Agroecological Initiatives for Sustainability and Equity in Peasant Communities» (rechtebasierte und agrarökologische Initiativen für Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit in bäuerlichen Gemeinschaften): Kleinbäuerinnen und -bauern, Viehalter:innen und andere Menschen, die in ländlichen Regionen arbeiten, setzen sich für die Verwirklichung von bäuerlichen Rechten in ihren Ländern und auf globaler Ebene ein. 

Unterstützt werden sie dabei von Fastenaktion und weiteren Entwicklungsorganisationen. Sie setzen das Projekt RAISE seit Anfang 2022 mit Partnerorganisationen in Burkina Faso, Indien, Kenia, Mali, Nepal, Niger und Südafrika um. RAISE wird von der Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) kofinanziert und läuft dort unter dem Programm «Menschenrechte in Ernährungssystemen». 

Ziel ist, die «Erklärung für die Rechte von Kleinbäuerinnen, -bauern und anderen Menschen, die in ländlichen Regionen arbeiten» (UNDROP) umzusetzen, die der Uno-Menschenrechtsrat 2018 verabschiedet hat. Dies geschieht unter anderem mittels Schulungen zu diversen Themen, etwa über lokal angepasste agrarökologische Landwirtschaft. Zudem werden Behörden und Regierungen der einzelnen Länder ebenso wie internationale Gremien für diese Themen sensibilisiert.  

RAISE war auch 2023 sehr aktiv – die Ergebnisse werden nachfolgend anhand der vier Hauptziele dargestellt, die sich das Projekt gesetzt hat:

1. Bäuerinnen und Bauern kennen ihre Rechte und werden gestärkt, um diese auch einzufordern 

Der Jahresbericht von RAISE zieht zu diesem Ziel eine sehr positive Bilanz. Unter Berücksichtigung der lokalen Situation haben sämtliche Partnerorganisationen einen eigenen Zugang entwickelt, um bäuerliche Gemeinschaften zu schulen. So hat etwa die Organisation Rural Women’s Assembly in mehreren Ländern rund 50 Workshops organisiert und damit über 1500 Personen erreicht, die Mehrheit davon in Südafrika. Und CEMIRIDE, eine weitere Partnerorganisation, hat in Kenia die Anliegen von Kleinbäuerinnen und -bauern bei der Entwicklung des nationalen Klimaaktionsplans 2023-27 eingebracht, was die Anerkennung von traditionellem, indigenem Wissen bei diesem Thema gestärkt hat. 

RAISE hat zudem kleinbäuerlichen Stimmen aus dem Globalen Süden Zugang zu internationalen Grossveranstaltungen ermöglicht, etwa bei der Uno in Genf. Die verschiedenen beteiligten Organisationen haben diese Anliegen mit Medienauftritten und Social-Media-Beiträgen auch in die breite Öffentlichkeit getragen.

 

2. Regierungen, Behörden und andere Verantwortliche kennen die bäuerlichen Rechte und sorgen für ihre Umsetzung 

Hier war RAISE mit einigen Herausforderungen konfrontiert, da es in mehreren Fokusländern Regierungswechsel oder gar Militärputschs gab. Dies führte nicht nur zu politischer Instabilität etwa in Burkina Faso oder Niger, sondern auch zu abrupten Wechseln von Verantwortlichen in relevanten Positionen, was die Zusammenarbeit erschwerte. Auch beklagen Menschenrechtsaktivist:innen eine zunehmende Verschlechterung der Sicherheitslage sowie die Einschränkung von Handlungsspielräumen. 

Trotz solcher erschwerten Bedingungen hat RAISE auch bei diesem Ziel einiges erreicht und war an vielen politischen Strategiedialogen zu agrarökologischen Techniken, Menschenrechtsverletzungen sowie Land- und Saatgutrechten beteiligt. So hat etwa die Partnerorganisation RBM in Burkina Faso und Niger juristische Prozesse zu Landrechten begleitet und hochrangige Treffen mit Regierungsvertreter:innen organisiert. Und SWI Nepal organisierte eine nationale Jugendkonferenz, an der ein landesweites Netzwerk etabliert wurde, das sich an öffentlichen Veranstaltungen für eine chemiefreie Landwirtschaft engagiert.

Ein Mitglied der Rural Women’s Assembly präsentiert einen frisch geernteten Kohl.

3. Mit Unterstützung der Uno werden bäuerliche Rechte in globalen Regelwerken gestärkt

Ein wichtiger Meilenstein für RAISE war 2023 der Beschluss des Uno-Menschenrechtsrats, eine Gruppe von Expert:innen einzusetzen, um die Umsetzung seiner Bauernrechtsdeklaration UNDROP von 2018 weltweit zu überwachen und zu fördern. RAISE will eng mit dieser Gruppe zusammenarbeiten, damit sich Bäuerinnen und Bauern noch mehr Gehör verschaffen können – bei ihren Regierungen und auf internationaler Ebene.   

Daneben waren mehrere Partnerorganisationen an Veranstaltungen von Uno-Ausschüssen präsent und konnten dort ihre Positionen vertreten. Es gab auch regelmässigen Austausch mit Michael Fakhri, dem Uno-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Und gemeinsam mit anderen Entwicklungsorganisationen hat Fastenaktion eine informelle Gruppe gegründet, die die Sensibilisierung für UNDROP in der EU koordiniert.

 

4. Austausch mit potenziellen Allianzpartnern, um bäuerliche Rechte weiter zu stärken

Es konnten erfolgreich neue Kontakte mit relevanten Organisationen der Zivilgesellschaft geknüpft werden. Dies führte unter anderem zu einem lehrreichen Erfahrungsaustausch im Umgang mit Behörden und Regierungen. 

Fastenaktion und CEMIRIDE organisierten beispielsweise im Juni 2023 ein Treffen in Kenia, das erstmals sämtliche Partnerorganisationen von RAISE persönlich zusammenbrachte. Eine Woche lang wurden in Nairobi Erkenntnisse aus der bisherigen Arbeit ausgetauscht und Möglichkeiten zur effektiveren Kooperation und Kommunikation diskutiert.  

Zudem präsentierte Fastenkation das Projekt RAISE am Jahrestreffen der Plattform «defendingpeasantsrights.org», an der rund 25 Organisationen aus aller Welt teilnahmen. Dies weckte zusätzliches Interesse an RAISE und seiner Arbeit.  

Noch fehlt es allerdings an einer systematischen Dokumentation besonders erfolgreicher Strategien und Praktiken, damit diese noch breiter genutzt werden. Und es braucht zusätzliche Aktivitäten, um das Partnernetzwerk zu erweitern und Synergien noch besser zu nutzen, um auf breiter Front die Umsetzung der Bauernrechte einzufordern.

Erfahren Sie hier mehr über das Projekt RAISE.

RAISE setzt sich dafür ein, dass Bäuerinnen und Bauern Gehör finden – lokal und international.

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Seit über 50 Jahren leidet Kolumbien unter Gewalt, Entführungen und Zwangsumsiedlungen. Zudem hat sich eine problematische Landwirtschaft etabliert, die Wälder und Böden zerstört. Vicaría del Sur, eine Partnerorganisation von Fastenaktion, gibt Gegensteuer. Sie unterstützt Gemeinschaften mit agrarökologischen Techniken und bei der Verteidigung ihrer Rechte. Inzwischen können sie die Früchte ihrer Bemühungen ernten.

Wir laden Sie ein, mit einem Klick auf «Eintreten» in unsere multimediale Geschichte einzutauchen.

Erfolgreicher Weg aus Hunger und Elend
Die Wirkung von Fastenaktion in Kolumbien
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Im Auftrag von Fastenaktion reiste die Kunststudentin Sofia Poku (24) im August 2023 drei Wochen durch den Senegal und hielt ihre Beobachtungen in Zeichnungen fest. Trotz Hitze und Magenproblemen hat sie viele positive Eindrücke von Land und Leuten mitgenommen. Klicken Sie auf «Eintreten», um die kreative Reise in den Senegal zu beginnen.

Eine Reise durch den Senegal in Zeichnungen
Kalebassen und Klimawandel
Eintreten
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Im folgenden Interview mit unserem Redaktor Ralf Kaminski beantwortet Sofia Poku die spannendsten Fragen rund um ihre Reise in den Senegal und die Hintergründe ihrer Arbeit.

Wie kam es zu dieser Kooperation mit Fastenaktion?

Durch Zufall. Im Juni 2022 waren die Zeichnungen meiner Bachelorarbeit zu Felsbildern in Marokko an meiner Hochschule ausgestellt, und Vreni Jean-Richard, die Programmverantwortliche für den Senegal, lief wegen einer Weiterbildung zufälligerweise daran vorbei. Ihr gefielen die Bilder, und sie kontaktierte mich und fragte, ob ich sowas auch für den Senegal machen könnte. Ich fand: Warum nicht?

Was genau war dein «Auftrag»?

Die Arbeit der Solidaritätskalebassen aufzuzeigen, ausserdem die Auswirkungen der Klimaerwärmung auf Land und Leute. Die Idee war, die Zeichnungen bei Anlässen hier in der Schweiz zu verwenden, um auf diese Weise Eindrücke vom Senegal zu vermitteln. Aber Vreni liess mir für die Arbeit alle Freiheiten.

Warst du schon mal im Senegal?

Nein, das war das erste Mal. Zwar habe ich selbst westafrikanische Wurzeln – mein Vater kommt aus Ghana –, aber ich hatte diese Region Afrikas zuvor noch nie besucht. Deshalb hat mich dieses Projekt auch so gereizt. Ich reiste allein, betreut von AgriBio, dem langjährigen Koordinationsbüro von Fastenaktion im Senegal. Und ich war schon ein bisschen nervös, weil ich dort ja überhaupt niemanden kannte.

Wie hast du das Land und seine Menschen erlebt?

Ich habe gestaunt, wie gesprächig und kontaktfreudig die Menschen sind. Das fing schon an, als ich nach der Ankunft am Flughafen darauf wartete, von AgriBio abgeholt zu werden. Da kam plötzlich ein Soldat auf mich zu. Und ich befürchtete schon irgendwas Schlimmes, aber er wollte nur plaudern – ohne weitere Hintergedanken. So war es auf der ganzen Reise. Wenn ich beim Frühstück im Hotel allein sass, setzte sich sofort jemand dazu und fing an zu reden. (lacht) Die Menschen sind sehr herzlich. Und es gehört zur Gastfreundschaft in islamischen Ländern, dass man immer gleich Tee und Essen angeboten bekommt.

Du hast also viel gegessen?

Oh ja! Das Essen ist deftig, und die Leute servieren ihren Gästen Portionen, die locker für drei reichen würden – zum Beispiel ein ganzes Poulet. Und sie sind sehr enttäuscht, wenn man dann nicht alles aufisst. «Il faut bien manger», haben sie immer gesagt. Das gehört zur Gastfreundschaft, und dafür wird notfalls auch das «letzte Hemd» gegeben. Bei mir führte das viele Essen allerdings auch zu vielen Magenproblemen und Durchfall. Die hygienischen Verhältnisse sind halt schon sehr anders als in der Schweiz – und ich habe ohnehin einen empfindlichen Magen. Aber ich hatte eigentlich keine andere Wahl als trotzdem zu essen. (lacht) Irgendwann wurde es aber so schlimm, dass ich meinen Aufenthalt im Norden Senegals verkürzt habe und zurück in die Stadt Thiès in ein Hotel ging, um mich dort bei Klimaanlage und reduzierter Ernährung zu erholen. Ich hatte da etwa 40 Grad Fieber, also etwa gleich wie die Lufttemperatur. Im Süden war es nicht ganz so heiss, aber richtig gebessert hat sich meine Gesundheit erst in der Schweiz.

Im Norden hast du Projekte von Fastenaktion besucht?

Genau, ich verbrachte dort einige Tage bei einer grossen Gastfamilie, sah mich um, sammelte Eindrücke – begleitet und betreut vom senegalesischen Künstler Mahanta, der parallel zu mir ebenfalls Bilder malte.

Habt ihr euch ausgetauscht über eure Werke?

Schon ein bisschen, aber letztlich hat er seine Sachen gemacht und ich meine. Oft sind es die gleichen Themen, aber in einem anderen Stil und aus anderer Perspektive.

Sofia Poku gibt unserer senegalesischen Partnerorganisation AgriBio Services während ihrer Reise ein Interview.

Du hast Menschen, Tiere und Landschaften gezeichnet, ab und zu auch mal Leute mit Aussagen. Es hat auch viel Grün.

Ja, im August ist Regenzeit, aber es hat weniger geregnet als üblich, was eine Folge der Klimaerwärmung ist. Und man sieht auf den Zeichnungen, dass ich auch in sehr trockenen Regionen unterwegs war – je nördlicher, desto trockener und heisser. Wer kann, wäscht sich mehrmals am Tag, denn durch die Hitze schwitzt man extrem. In vielen Dörfern jedoch haben sie kein Wasser oder nur aus Ziehbrunnen.

Was war dein Eindruck von der Arbeit von Fastenaktion dort?

Ich habe einiges gesehen, die Landwirtschaft, die Solidaritätskalebassen, aber auch, wie gut die Partnerorganisationen ausgerüstet sind, um ihre Arbeit zu machen und deren Wirkung zu dokumentieren. Bei einem Kalebassen-Treffen versammelten sich ausschliesslich Frauen, sassen auf Stühlen um das Gefäss und redeten und redeten, begleitet von Animateur:innen. Mein Eindruck: Je lustiger es die Frauen haben, desto mehr zahlen sie in die Kasse ein. (lacht)

Und wie geht es den Menschen bei all dem?

Sie sind schon arm, aber die Arbeit von Fastenaktion bewirkt wirklich etwas. Auch deshalb, weil die Ansätze die Traditionen der Menschen berücksichtigen. Von den Frauen bei den Kalebassen habe ich einige Geschichten gehört, wie sie dank diesen finanziellen Mitteln Schwierigkeiten lösen konnten, die sonst ein Problem gewesen wären. Insbesondere können sie sich so eine gewisse Unabhängigkeit von ihren Männern verschaffen. Ich selbst habe trotz der Armut weder Obdachlose noch Bettler:innen gesehen, wohl auch weil es in der senegalesischen Kultur tief verankert ist, den Ärmsten zu helfen. Aber es hat überall wahnsinnig viel Abfall, ein Entsorgungssystem gibt es auch in den Städten nicht. Es riecht natürlich auch nicht besonders gut. Jemand sagte mir mal: «Armut stinkt» – und das hat wirklich was.

Das sieht man auf den Zeichnungen aber nie.

Stimmt, Abfall und Gerüche habe ich weggelassen, aber eigentlich gar nicht bewusst. Es ist mehr so passiert. Eigentlich wäre das ja noch wichtig, denn es ist eine Folge der Situation, in der die Menschen leben. Aber anderes hat bei mir schlicht mehr Eindruck hinterlassen.

Gab es neben den Magenproblemen andere schwierige Erlebnisse?

Die Armut führt dazu, dass viele mehr oder weniger diskret nach Unterstützung fragen. Selten auch mal direkt nach Geld, vor allem aber um Hilfe, irgendwie in die Schweiz zu kommen. Sie sehen das als einmalige Chance, mit jemandem direkt zu tun zu haben, der aus einem wohlhabenden Land kommt. Da entstanden schon ab und zu unangenehme Situationen, aber mir fällt es nicht schwer, solche Bitten freundlich zu verneinen und eine gewisse Distanz zu wahren. Vielleicht weil ich das von meinem Vater kenne, der seiner Familie in Ghana zwar hilft, aber auch regelmässig mehr Anfragen bekommt, als er erfüllen kann.

Wie und wo entstanden deine Zeichnungen?

Es gab Tage, an denen ich gar nicht gezeichnet habe, besonders im Norden, als ich gesundheitliche Probleme hatte. Es war mir dort auch zu heiss und manchmal etwas zu laut. So richtig losgelegt habe ich erst im letzten Teil im Hotel in der Stadt, aus dem Gedächtnis oder auf Basis meiner Fotos. Mehr als die Hälfte entstanden aber erst, als ich zurück in der Schweiz war. Die Eindrücke mussten sich erst etwas setzen.

Weshalb hast du manchmal in Farbe und manchmal schwarzweiss gezeichnet?

Die Bleistiftskizzen machte ich ganz am Anfang, als ich noch nicht so recht wusste, wie ich mit den Farben umgehen soll. Die farbigen Bilder entstanden mit Farb- und Filzstiften sowie Neocolor. Und die reinen Farbmuster digital am Computer.

Was soll das Publikum aus deinen Zeichnungen mitnehmen?

Dass der Senegal ein sehr lebendiges, pulsierendes, buntes Land ist, in dem es nicht einfach allen Leuten nur furchtbar geht. Auch dass die Menschen stolz sind auf ihre Kultur und ihre Traditionen. Ich möchte zeigen, wie vielschichtig und reich das Land ist. Senegal hat Potenzial! Da ist eine Basis, auf der man aufbauen kann.

Sofia Poku mit Mitgliedern unserer Partnerorganisation, die sich für eine nachhaltige Landwirtschaft einsetzt.

Zur Person

Sofia Poku (24) macht ein Masterstudium in Kunstvermittlung mit Vertiefung Kunstpädagogik an der Zürcher Hochschule der Künste in Zürich. Sie lebt in einer WG in Winterthur und bei ihren Eltern in Rebstein SG. Ihre berufliche Zukunft sieht Sofia entweder als Gymnasiallehrerin oder im sozialen Bereich.

Verheerende Naturkatastrophen, problematische Einmischungen von aussen, krasse Korruption und eine tragische koloniale Historie: Die Gründe für die scheinbar endlose Krise auf Haiti sind vielfältig. Mehr Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft würde helfen – aber nur, wenn dabei das Wohl der Bevölkerung im Zentrum steht und nicht geschäftliche oder politische Interessen der unterstützenden Länder.

Text: Ralf Kaminski, Redaktor bei Fastenaktion

Die indigenen Ureinwohner der Karibikinsel, die Taino, nannten sie einst Kiskeya (wunderbares Land) oder Ayiti (gebirgiges Land). Aus letzterem entstand der Name Haiti. Doch die Tragödie der heute Hispaniola genannten Insel, die sich Haiti und die Dominikanische Republik teilen, begann bereits 1492 mit der Ankunft von Christoph Kolumbus. Mehrere 100‘000 Indigene sollen damals dort gelebt haben. Diese wurden zuerst von den eingeschleppten Seuchen der spanischen Eroberer dezimiert, ab 1503 dann zusätzlich von einem System sklavenartiger Zwangsarbeit.

Ende des 17. Jahrhunderts erkämpfte sich Frankreich den Westteil der Insel und führte ihn zu einer enormen wirtschaftlichen Blüte, die auf Plantagenanbau von Zuckerrohr und Kaffee beruhte. Saint-Domingue, wie Haiti damals hiess, galt für einige Jahrzehnte als Perle der Karibik und war die reichste Kolonie Frankreichs. In den 1780er-Jahren stammten etwa 40 Prozent des Zuckers und 60 Prozent des Kaffees, der in Europa konsumiert wurde, aus Haiti.

 

Revolution brachte Freiheit und neue Probleme

Dies funktionierte nur, weil jährlich Zehntausende Menschen aus Afrika dorthin verschleppt wurden und als Sklav:innen auf den Plantagen schufteten – unter so erbärmlichen Lebensumständen, dass viele nicht überlebten. Die fürstlichen Profite derweil landeten in Frankreich.

Im Nachgang der Französischen Revolution kam es 1791 zur Haitianischen Revolution, einem Aufstand der Sklavinnen und Sklaven, die zu der Zeit rund 90 Prozent der Bevölkerung ausmachten. In einem langen und brutalen Befreiungskrieg erkämpfte sich Haiti schliesslich 1804 als erste «schwarze Nation» seine Unabhängigkeit – misstrauisch beäugt von den benachbarten Sklavenhalternationen, die ein Überspringen befürchteten.  

Die Freude auf der Insel jedoch war von kurzer Dauer. Schon bald übernahm eine Elite von ehemaligen Freiheitskämpfern die Herrschaft und unterdrückte ihrerseits weite Teile der Bevölkerung. Zudem nahm Frankreich den Verlust seiner Kolonie nicht einfach so hin und drohte mit einem erneuten Krieg, falls keine Kompensationszahlungen geleistet würden.

 

Haitis Reichtum floss nach Frankreich

Ein Rechercheteam der «New York Times» kalkulierte 2022, dass Haiti durch diese Zahlungen an die früheren Kolonialherren insgesamt über 100 Milliarden US-Dollar im heutigen Wert verloren gingen – laut internationalen Historiker:innen «die wohl abscheulichste Staatsschuld der Geschichte». Das Fazit der Recherche: Wäre dieses Geld in Haiti geblieben und dort in die Entwicklung der Bevölkerung, der Wirtschaft und der Infrastruktur investiert worden, ginge es dem Land heute sehr viel besser, vergleichbar mit dem Inselnachbarn Dominikanische Republik.

Stattdessen musste Haiti seine Wirtschaft darauf ausrichten, horrende Beträge ins Ausland zu entrichten. Es fokussierte zuerst auf Kaffee, dann auf Tropenholz. In kurzer Zeit verlor das Land 90 Prozent seiner Waldbestände – mit dramatischen Folgen für die Landwirtschaft. Zudem musste sich Haiti anderswo im Ausland verschulden und wurde zwischenzeitlich noch zwei Jahrzehnte von den USA besetzt und ausgeplündert.

Faktisch war die Entwicklung der haitianischen Wirtschaft über 125 Jahre gelähmt. Abbezahlt waren die Schulden an Frankreich erst 1950. Das Land weigert sich bis heute, diese historische Schuld an Haitis Misere angemessen zu kompensieren. Und während die normale Bevölkerung litt, führte eine kleine Elite Haitis weiterhin ein gutes Leben, dank diktatorischen Anführern und krasser Korruption.

In unseren Projekten unterstützen wir gemeinsam mit lokalen Partnerorganisationen Kleinbäuerinnen und Kleinbauern dabei, ihre Ernährung langfristig zu sichern.

Naturkatastrophen und politische Instabilität

Hinzu kommen schwere Naturkatastrophen. So wurde etwa die Hauptstadt Port-au-Prince am 12. Januar 2010 vom schwersten Erdbeben in der Geschichte Nord- und Südamerikas zerstört: Es gab 300’000 Tote, Hunderttausende Verletzte und 1.8 Millionen Obdachlose. Zudem erlebt Haiti immer wieder verheerende Wirbelstürme und Dürren. Allein zwischen 1998 und 2016 verursachten diverse Naturkatastrophen Schäden in Höhe von mehr als 12.5 Milliarden US-Dollar.

Auch die politische Situation bleibt seit dem Sturz der diktatorisch herrschenden, maximal korrupten Duvalier-Familie 1986 instabil. Und seit der Ermordung von Präsident Jovenel Moisé 2021 herrscht faktisch Anarchie. Weite Teile der Hauptstadt werden von kriminellen Banden kontrolliert, Entführungen und Morde sind an der Tagesordnung. Die Polizei ist komplett überfordert – und oft selbst korrupt. Wer kann, verlässt das Land. So gehen die gescheitesten Köpfe verloren, die Haiti so dringend brauchen würde.  

 

Ausbeutung statt Investitionen

Es gibt jedoch noch einen weiteren wichtigen Grund für die Missstände im Land: «Im Gegensatz zu anderen karibischen Ländern hat Haiti nie grosse internationale Investitionen angezogen, weder in die Zuckerindustrie noch in den Tourismus, der in der Karibik seit den 1970er-Jahren floriert», sagt der Koordinator von Fastenaktion auf Haiti. «Solche ausländischen Investitionen kurbeln nicht nur die Wirtschaft an, sie zwingen die Investoren auch, in diesen Ländern die richtigen Entscheide zu treffen, um ihre Investitionen zu schützen.»

Stattdessen unterstütze die internationale Gemeinschaft eine lokale korrupte Wirtschaftselite, die das schnelle Geld im Import-Export-Handel suche. «Natürlich trägt Haiti einen Teil der Verantwortung für die derzeitige Situation», sagt unser Koordinator, dessen Namen wir zu seiner eigenen Sicherheit nicht nennen. «Aber seit über 30 Jahren haben die verschiedenen Regierungen ihre strategischen Entscheidungen entweder in Komplizenschaft oder unter den Forderungen der internationalen Geberländer getroffen. Es gibt also eine gemeinsame Verantwortung.»

 

Ohne Hilfe von aussen geht es nicht

Dass die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft derzeit auf anderen Krisenherden liegt, erschwert die Situation zusätzlich. «Aber es überrascht hier niemanden», sagt unser Koordinator. «Die Konflikte um die Ukraine und in Gaza haben eine geostrategische Bedeutung, die in Haiti fehlt. Und die menschliche Tragödie scheint nicht auszureichen, um die notwendigen Ressourcen zu mobilisieren.»

Dabei bräuchte Haiti gerade jetzt Hilfe von aussen, auch wenn das Land in den letzten Jahrzehnten damit oft negative Erfahrungen gemacht hat. «Wichtig wäre, die Kompetenz der Haitianer:innen bei der Lösung der Herausforderungen einzubeziehen wie das etwa Fastenaktion mit ihrer Unterstützung von Partnerorganisationen vor Ort macht.»

Für eine Besserung braucht es minimale politische Stabilität in Form einer Übergangsregierung sowie die Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung mit externer Hilfe. «Ausserdem freie Wahlen und eine funktionierende Regierung», sagt Benno Steffen, der bei Fastenaktion für das Landesprogramm Haiti zuständig ist. Er fürchtet, dass sich die prekäre Sicherheitslage ansonsten von den aktuellen Hotspots auf weitere Regionen ausbreiten könnte.

Fastenaktion leistet gezielte Nothilfe vor Ort, um die Ernährung der Menschen zu sichern. Erfahren Sie hier mehr darüber.

Haiti wird häufig von Wirbelstürmen heimgesucht. Sie hinterlassen eine Schneise der Verwüstung und zerstören wichtige Infrastrukturen.

In Haiti setzen multiple Krisen der Bevölkerung zu. Die Ernährung von mehr als 3,6 Millionen Menschen ist gefährdet. Erfahren Sie hier mehr über unseren Einsatz im Land.

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Die Schweiz und die drei weiteren Staaten der Europäischen Freihandelszone EFTA gefährden das Recht auf Nahrung. Dies schreibt der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Michael Fakhri, in einem Brief an die vier Länder. Er bezieht sich auf eine Klausel in den Freihandelsverträgen der EFTA mit Ländern des globalen Südens. Diese drängt die Partnerländer, strenge Sortenschutzrechte gemäss dem internationalen Übereinkommen UPOV 91 einzuführen. Fastenaktion und die Schweizer Koalition Recht auf Saatgut fordern seit Jahren die EFTA-Länder auf, diese Klausel zu streichen. Sie bedroht das bäuerliche Saatgut, in vielen Ländern das Rückgrat der Ernährungssicherheit. 

Seit über zwanzig Jahren machen die EFTA-Länder – Island, Liechtenstein, Norwegen und die Schweiz – in ihren Freihandelsabkommen Druck auf ihre Partnerländer im globalen Süden, Sortenschutzrechte, patentähnliche Rechte auf Saatgut, durchzusetzen. Dies in dem sie in den Verhandlungen die Einhaltung des internationalen Übereinkommens UPOV91 verlangen. Dessen starre Vorgaben für Sortenschutz verunmöglichen es Ländern, eigene Regelungen zu erlassen, welche den dortigen landwirtschaftlichen Realitäten angepasst sind. Die UPOV-Praxis der EFTA gefährde die Verwirklichung des Rechts auf Nahrung, schreibt der Sonderberichterstatter Fakhri in seinem Brief an die EFTA-Länder anlässlich deren aktuellen Verhandlungen mit Malaysia und Thailand.  

Seit vielen Jahren fordert Fastenaktion zusammen mit bäuerlichen Partnerorganisationen und als Mitglied der Schweizer Koalition Recht auf Saatgut die EFTA-Staaten auf, auf die UPOV-Klausel zu verzichten. Diese widerspricht dem Recht auf Saatgut, das in der UN-Bauernrechtsdeklaration UNDROP verankert ist. Im Antwortschreiben auf den Brief Fakhris äussert die EFTA keine Absicht, ihre gegenwärtige Praxis in Bezug zu UPOV91 zu überdenken. Der Verzicht auf die UPOV-Klausel in Freihandelsabkommen wäre ein bedeutender Beitrag zur Erreichung der Ziele der Vereinten Nationen für eine nachhaltige Entwicklung, insbesondere dem Ziel Nr.2 (Kein Hunger) und dem Ziel Nr. 15, welches dem Verlust der biologischen Vielfalt ein Ende setzen will. 

Die Schweizer Bischofskonferenz, die Römisch-Katholische Zentralkonferenz der Schweiz und Fastenaktion gründen ab Herbst dieses Jahres eine gemeinsame Dienststelle „Ethik und Gesellschaft“. Ziel der neuen Fachstelle ist es, die sozial-, bio- und umweltethische Stimme der römisch-katholischen Kirche in der Schweiz zu stärken.

Die Dienststelle „Ethik und Gesellschaft“ wird zu wichtigen ethischen Fragen Stellung nehmen und kirchliche Institutionen und Organisationen beraten. Sie wird Hintergrundinformationen, Entscheidungsgrundlagen, Stellungnahmen und Positionspapiere zu anstehenden Abstimmungen und Referenden erarbeiten.

Das Team der neuen Dienststelle wird sich auf nationaler und internationaler Ebene vernetzen und Dialogangebote und -anlässe schaffen. Die Dienststelle wird strategisch durch einen Steuerungsausschuss von Vertretern und Vertreterinnen der drei Trägerorganisationen geleitet und von den Präsident/-innen der Kommissionen für «Bioethik» und «Justitia et Pax» ergänzt.

Der Steuerungsausschuss wird sich im zweiten Quartal 2024 formieren sowie die zukünftigen thematischen Prioritäten festlegen.

Gemeinsam möchten die Träger mit der Dienststelle ihre sozialethische Stimme in der Öffentlichkeit durch Publikationen, Öffentlichkeitsarbeit und Bildungsangebote stärken.

Sozialethik kann einen wichtigen Beitrag leisten für eine Welt, in der die Menschenwürde, die Freiheit und der Planet geachtet werden. Sie zeigt gesellschaftliche Zusammenhänge auf, beschreibt Herausforderungen und wirft Fragen auf. Sie gibt Orientierung bei Fragen nach Gerechtigkeit, Verantwortung, Nachhaltigkeit, Solidarität oder Subsidiarität.

Seit dem Beginn der Kämpfe 1996 starben in der Demokratischen Republik Kongo rund sechs Millionen Menschen. Auslöser des bis heute andauernden Konflikts war der Völkermord im Nachbarland Ruanda 1994. Inzwischen befeuern ihn jedoch vor allem wirtschaftliche Interessen – und mangelndes Engagement der internationalen Gemeinschaft.

Text: Ralf Kaminski, Redaktor bei Fastenaktion

Seit bald 30 Jahren bekämpfen sich im Osten der Demokratischen Republik Kongo (DR Kongo) verschiedene Gruppen aus unterschiedlichen Gründen. Die Folgen: Rund sechs Millionen Tote und über 6,5 Millionen Vertriebene innerhalb des Landes – eine halbe Million allein 2023. Ein Viertel der Bevölkerung von rund 100 Millionen leidet unter Hunger und Unterernährung.  

Die aktuellen Ursachen der Krise sind vielfältig. «Im Osten des Landes gibt es viele wirtschaftlich wichtige Mineralien, die Begehrlichkeiten von aussen wecken», sagt Germain Nyembo, Koordinator von Fastenaktion in der DR Kongo, der zudem seit mehreren Jahren an Friedensprojekten im Ost-Kongo arbeitet. «Hinzu kommen schlechte Regierungsführung, institutionalisierte Korruption, verschiedene Diskriminierungen, Gewalt sowie das Fehlen eines offenen Dialogs mit Nachbarländern, die sich Ressourcen aus unserem Land aneignen und dabei bewaffnete Gruppen unterstützen.»

In der Provinzhauptstadt Goma leben Hunderttausende Vertriebene in Zeltlagern.

Rivalitäten zwischen Hutu und Tutsi

Die historischen Wurzeln der Krise hingegen liegen in den Rivalitäten zwischen den Ethnien der Hutu und der Tutsi. Während der besonders fürchterlichen belgischen Kolonialisierung wurden nicht nur über 10 Millionen Menschen getötet. Die Kolonialherren schürten zudem die Rivalitäten zwischen den beiden Ethnien, indem sie den Tutsi Leitungsaufgaben zusprachen. Im Jahr 1994 kam es schliesslich im östlichen Nachbarland Ruanda zu einem Völkermord, bei dem extremistische Hutu innert drei Monaten über 800‘000 Tutsi und moderate Hutu umbrachten. Knapp zwei Millionen Hutu flüchteten über die Grenze in die Republik Zaire (wie DR Kongo damals noch hiess) und siedelten sich in Flüchtlingscamps in Nord- und Süd-Kivu an.

Dadurch weitete der Konflikt in Ruanda sich auf das Nachbarland aus, was zu zwei grossen Kriegen führte, in denen einige Nachbarländer die DR Kongo unterstützen, einige die neue ruandische Regierung unter Präsident Paul Kagame. Dieser argumentierte stets, seinem Land drohe weiterhin Gefahr seitens extremistischer Hutu-Milizen im Osten Kongos.

Obwohl der Zweite Kongo-Krieg 2002 mit einem Friedensabkommen beendet wurde, blieb der Osten des Landes unruhig. Schon bald bildeten sich neue Rebellengruppen – die bekannteste heisst M23, besteht primär aus ethnischen Tutsis und erlangte ab 2012 machtpolitische Bedeutung. Weil M23 laut Uno-Analysen von der ruandischen Regierung unterstützt wird, bleibt das Verhältnis zwischen den beiden Ländern bis heute schwierig.

Gier nach wertvollen Rohstoffen

Ergänzend zu dieser komplexen politischen Gemengelage gewannen wirtschaftliche Interessen ab den 2000er-Jahren immer mehr an Bedeutung und verschärften die Krise. Im Boden der DR Kongo lagern die grössten Reserven der Welt an seltenen Erden und Metallen, die für die Produktion von Smartphones, Computern und Elektroautos zwingend notwendig sind: etwa Kobalt, Coltan, Kupfer, Uran oder Zink. Diese wertvollen natürlichen Ressourcen befinden sich zu grossen Teilen im Osten des Landes. Und zu den diversen lokalen Interessensgruppen, die davon profitieren wollen, kommen noch internationale Geschäftsinteressen hinzu.

Zu Beginn waren vor allem amerikanische Konzerne im Besitz der Minen, heute haben chinesische Firmen weitgehend übernommen. Aber auch die Schweizer Firma Glencore betreibt noch zwei grosse Minen im Land. Die kongolesische Armee kam schon mehrfach zum Einsatz, um chinesische Geschäftsinteressen zu schützen. China wiederum hilft der kongolesischen Regierung mit Drohnen und anderen Waffen, die lokalen Rebellengruppen zu bekämpfen. Hinzu kommen Korruptionsvorwürfe, etwa dass die Chinesen sich die Schürfrechte im Kongo dank Schmiergeld an die Kabila-Regierung sicherten.

Ende 2021 flammte der Konflikt mit Ruanda erneut auf, als die M23-Gruppe nach einigen Jahren Ruhe die Kontrolle über weite Teile von Nord-Kivu erkämpfte – laut der kongolesischen Regierung und der Uno mit finanzieller und logistischer Unterstützung von Ruanda. Dessen Regierung der DR Kongo wiederum vorwirft, erneut extremistische Hutu zu stärken. Gleichzeitig haben Ruanda und andere Nachbarländer, die Milizen im Kongo unterstützen, finanzielle Anteile an den Minen dort. 

Germain Nyembo: «Wir empfinden dies als sehr ungerecht!»

Der Kongo ist reich an wertvollen Rohstoffen wie Kobalt oder Zink, die für die Energiewende benötigt werden.

Wo bleibt die internationale Gemeinschaft?

Mittlerweile mischt auch der Islamische Staat im Ost-Kongo mit, und bisher sind alle Versuche gescheitert, die rivalisierenden Gruppen zu einer anhaltenden Waffenruhe zu bewegen. Germain Nyembo hofft dennoch auf Besserung. «Es gibt einige diplomatische Bemühungen auf regionaler und internationaler Ebene, die Krise zu lösen. Zentral dafür wäre ein aufrichtiger Dialog mit Ruanda und Uganda unter Einbezug der internationalen Gemeinschaft.» Deren Aufmerksamkeit wird jedoch von anderen Krisen absorbiert, wie den Kriegen in der Ukraine und im Nahen Osten.

«Wir empfinden dies als sehr ungerecht», sagt Germain. «Während die ganze Welt den russischen Angriff auf die Ukraine anprangert, scheint sich niemand für die vielen Toten, Vertriebenen und vergewaltigten Frauen im Ost-Kongo zu interessieren. Wird hier mit zweierlei Ellen gemessen?» Er fürchtet gar ein Komplott zur Aufspaltung des Landes. Teile der internationalen Gemeinschaft würden davon profitieren, darunter auch multinationale Konzerne, die von Ruanda und Uganda aus operierten.

«Vor allem aber fehlt der politische Wille der Machthaber», hält Germain fest. «Sie alle führen antidemokratische Regimes, gieren nach Macht und den Einnahmen aus den natürlichen Ressourcen im Kongo. Stattdessen müssten sie den Dialog und ein friedliches Zusammenleben zwischen unseren Ländern fördern. Mehr internationale Solidarität wäre dafür enorm hilfreich, denn letztlich kann nur eine politische Lösung zu einer dauerhaften Beruhigung führen.» 

Erfahren Sie mehr über die Auswirkungen der Krisen im Kongo.

Fastenaktion arbeitet im Kongo mit lokalen Partnerorganisationen zusammen, um den Hunger langfristig zu mindern. In unseren innovativen Projekten sichern wir so die Ernährung von 16’000 Kongolesinnen und Kongolesen. Möchten Sie uns mit einer Spende helfen, noch mehr Menschen im Kongo zu erreichen? 

Germain Nyembo, lokaler Koordinator von Fastenaktion im Kongo, wünscht sich mehr internationale Solidarität.

Kriminelle Banden auf der Karibikinsel haben sich zusammengeschlossen und kontrollieren nun etwa 80 Prozent der Hauptstadt Port-au-Prince. Die Regierung hat den Notstand ausgerufen, die internationalen Flughäfen sind geschlossen, ebenso die Grenze zur Dominikanischen Republik. Der Programmkoordinator von Fastenaktion sitzt in einem Vorort der Hauptstadt fest – vorerst mit ausreichend Vorräten. Unsere Arbeit im Landesprogramm geht dennoch weiter.

Text: Ralf Kaminski, Redaktor bei Fastenaktion

Die Sicherheitslage in Haiti ist schon seit Jahren prekär, doch in den letzten Tagen hat sie sich nochmals dramatisch verschärft. Normalerweise verfeindete kriminelle Banden haben sich zusammengeschlossen, einige Polizisten getötet und die Kontrolle über die Hauptstadt Port-au-Prince weitgehend übernommen. Rund 4000 zum Teil hoch gefährliche Häftlinge wurden aus zwei Gefängnissen befreit. Die Gangs fordern den Rücktritt von Premierminister Henry, der sich aktuell im Ausland befindet und nicht ins Land zurückkehren kann. Die internationalen Flughäfen in Port-au-Prince und Cap Haitien sind geschlossen, ebenso die Grenze zum Inselnachbarn, der Dominikanischen Republik.

Alle Botschaften geschlossen

Die haitianische Regierung hat den Notstand ausgerufen und nachts eine Ausgangssperre verhängt, die in der Hauptstadt aber kaum durchsetzbar sein dürfte. Die Schweiz hatte wie andere Länder ihre Botschaft bereits letztes Jahr geschlossen, nun sind auch die verbleibenden diplomatischen Vertretungen zu. Die USA haben ihre Bürger:innen dazu aufgerufen, Haiti umgehend zu verlassen, was derzeit allerdings kaum möglich ist.  

Der Programmkoordinator von Fastenaktion, dessen Namen wir zu seiner Sicherheit nicht nennen, lebt in einem Vorort von Port-au-Prince und arbeitet von zu Hause aus. Derzeit sind sämtliche Strassen aus seinem Quartier raus blockiert, weshalb er es nicht verlassen kann. Er hat jedoch genügend Wasser und Vorräte im Haus, um einige Zeit ausharren zu können.

Die Mehrheit unserer Partnerorganisationen auf Haiti arbeitet auf dem Land.

Fastenaktion vor allem auf dem Land aktiv

Die Mehrheit unserer Partnerorganisationen auf Haiti arbeitet auf dem Land, wo die Gangs bisher nur eingeschränkt aktiv sind. Die meisten Projektaktivitäten können deshalb trotz der Eskalation weitergehen. Dies sichert für die Menschen eine Versorgung mit lokalen Nahrungsmitteln.

Allerdings ist der Zugang zu Banken, die sich alle in Städten befinden, noch schwieriger als sonst. Zudem ist zu befürchten, dass einige der entflohenen Kriminellen in ihre Heimatregionen zurückkehren, was auch auf dem Land zu einer Destabilisierung führen könnte. Und die Versorgungslage wird generell immer prekärer. In einem der ärmsten Länder der Erde erhöht dies das Risiko, dass schon bald noch mehr Menschen hungern als zuvor.


Banden als neue politische Akteure

Doch was ist das Ziel dieser Eskalation seitens der kriminellen Banden? Benno Steffen, der bei Fastenaktion in Luzern für das Programm in Haiti verantwortlich ist, hat mit unserem Koordinator gesprochen. «Die Gangs wollen sich auf diese Weise wohl als politisch anerkannte Akteure positionieren», sagt Steffen. Es sei ja geplant, dass schon bald ausländische Polizeikräfte mit Uno-Mandat bei der Stabilisierung der Lage auf der Karibikinsel helfen sollen. «Es wird vermutet, dass die Banden sich im Vorfeld eine gute Verhandlungsposition sichern wollen, um später Straffreiheit auszuhandeln, so ähnlich wie dies schon in anderen lateinamerikanischen Ländern passiert ist.»

Die meisten Projektaktivitäten können deshalb trotz der Eskalation weitergehen.

In Haiti setzen multiple Krisen der Bevölkerung zu. Die Ernährung von mehr als 3,6 Millionen Menschen ist gefährdet. Erfahren Sie hier mehr über unsere wirksamen Projekte im Land.

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Für die Bäuerinnen und Bauern Guatemalas wird es schwieriger, ihre Ernährung sicherzustellen. Die Klimaerwärmung führt zu mehr Dürren und Wirbelstürmen, was Anbau und Ernte von Nahrungsmitteln erschwert. Und Menschen zum Auswandern treibt.

Wie so viele Länder des Südens bekommt auch Guatemala den Klimawandel sehr direkt zu spüren: Neben Extremen wie Dürren oder Wirbelstürmen hat auch die Unberechenbarkeit des Alltagswetters zugenommen. «Entweder es vertrocknet alles, weil es zu lange gar nicht regnet – oder es schwemmt alles weg, weil es plötzlich tagelang sehr heftig regnet», sagt Inés Pérez, die Koordinatorin von Fastenaktion in Guatemala. «Die Wettervorhersagen sind ausserdem weniger verlässlich als früher, was es den Bäuerinnen und Bauern erschwert, zu entscheiden, wann gesät und wann geerntet werden soll.»

Die Folge: Viele Menschen müssen mangels Alternativen ihr Saatgut essen und haben dann keines mehr für die nächste Aussaat. «Und sie müssen inzwischen fast immer Mais dazukaufen, weil sie nicht mehr genug ernten können», sagt Inés. Mais ist die Grundlage für die Tortillas, die fast zu allen Mahlzeiten auf den Tisch kommen. Dass sich die Preise für dieses Grundnahrungsmittel in letzter Zeit mehr als verdoppelt haben, erschwert den kleinbäuerlichen Familien das Leben noch mehr.


Klimawandel gefährdet Landwirtschaft in Guatemala

Wegen der vielen unterschiedlichen Mikroklimas gilt Guatemala eigentlich als Land des ewigen Frühlings. Doch das ändert sich zurzeit dramatisch. «Es gibt Gegenden, wo es fast gar nicht mehr regnet, und wir sorgen uns, dass in diesem Trockenkorridor, der sich durch mehrere Länder Zentralamerikas zieht, irgendwann gar keine Landwirtschaft mehr möglich sein wird.»

Inés Pérez, Koordinatorin in Guatemala, steht vor einer blühenden Hecke.
Inés Pérez ist unsere Koordinatorin in Guatemala und sorgt sich um die Folgen der Klimaerwärmung in ihrem Land.

Schon jetzt wandern Menschen ab, besonders die Jungen. «Viele Männer gehen auf die Fincas der Grossgrundbesitzer an der Küste, wo sie zu einem Hungerlohn auf Plantagen arbeiten», erklärt Inés. Andere machen sich auf den Weg Richtung USA in der Hoffnung auf ein besseres Leben. «Doch dafür müssen sie ihr letztes Hab und Gut verkaufen – und viele überleben die gefährliche Reise am Ende nicht.»


Unterstützung von Fastenaktion wirkt

Die Projekte, die Fastenaktion in Guatemala unterstützt, geben Gegensteuer. «Die Familien, mit denen wir arbeiten, können dank agrarökologischer Anbaumethoden auf die Klimaerwärmung reagieren, haben bessere landwirtschaftliche Erträge und erreichen sogar eine gewisse wirtschaftliche Unabhängigkeit.» Dies führt dazu, dass weniger abwandern, auch weil sie dank besserer Ausbildung Jobs finden.

Vermehrt gelingt es dank der Unterstützung auch, dass Familien Landtitel bekommen und sich so nicht mehr davor fürchten müssen, von ihrem Land vertrieben zu werden. «Es sind kleine Tropfen der Verbesserung in einem Ozean von Problemen», sagt Inés. «Aber eben auch Hoffnungsschimmer – und Zeichen, dass man etwas verändern kann.»

Fastenaktion entwickelt gemeinsam mit lokalen Partnern Projekte, mit denen wir die Ernährung in Guatemala sichern und den Hunger abwenden. Erfahren Sie hier mehr über unsere Wirkung in Guatemala.

Ein Bäuerin arbeitet mit agrarökologischen Methoden und sammelt Blätter ein.
Agrarökologische Anbaumethoden sichern die Ernährung von bäuerlichen Familien.

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Viele Menschen unterstützten die katholische Kirche weiterhin, weil sie noch immer viel Gutes tue, nicht zuletzt durch Fastenaktion, sagt Weihbischof Josef Stübi, der neue Stiftungsratspräsident der Organisation. Zur christlichen Kernbotschaft der Nächstenliebe gehöre auch, ein Bewusstsein für die vielfältige Not und ihre Ursachen zu schaffen.

Text: Ralf Kaminski, Redaktor bei Fastenaktion

Wie wurden Sie zum Nachfolger von Felix Gmür? Haben Sie sich bei der Bischofskonferenz beworben, hatten Sie gar Konkurrenz?

Nein, weder habe ich mich beworben, noch gab es Konkurrenten. Es brauchte einen Nachfolger aus der Bischofskonferenz, und das Gremium fragte mich an. Ich sagte nach kurzer Bedenkzeit zu, auch weil ich die Arbeit von Fastenaktion gut und wichtig finde.

Haben Sie sich denn zuvor schon mit internationaler Entwicklungszusammenarbeit beschäftigt?

Nicht in der Intensität und Komplexität, wie dies bei Fastenaktion geschieht. Aber in meiner 30-jährigen Zeit als Pfarrer habe ich immer wieder Gemeinschaften im Süden besucht, um Projekte ideell oder finanziell zu unterstützen. In Indien zum Beispiel hat die lokale Ordensgemeinschaft in Kerala zwölf Wohnhäuser finanziert, für Menschen, die zuvor in einem Slum gelebt haben. Auf der Insel Flores in Indonesien ging es darum, eine Handwerkerschule für junge Leute aufzubauen, die heute erfolgreich läuft. Ausserdem haben wir in meiner Zeit als Stadtpfarrer von Baden jedes Jahr einen Basar veranstaltet, an dem für ein soziales Projekt gesammelt wurde, immer wieder auch für Projekte im Süden.

Wissen Sie noch, wie Sie Fastenaktion ursprünglich kennengelernt haben?

Aber sicher: bereits als Kind. Wir hatten daheim in Dietwil (AG) immer ein Fastenopfer-Säckchen zu Hause, in dem über die Zeit von der ganzen Familie ein gewisser Batzen zusammenkam. Den haben wir dann am Fastenopfersonntag in die Kirche mitgenommen.

Welche Aspekte unserer Arbeit finden Sie besonders wichtig?

Ich lerne all die Details ja erst noch richtig kennen. Aber auf jeden Fall ist mir die diakonische, soziale Arbeit wichtig, die Fastenaktion macht. Dazu gehört auch die politische Bildung, also dass wir bei den Menschen ein Bewusstsein für die vielfältige Not schaffen und die Ursachen und Zusammenhänge gut verständlich darstellen. Dass wir zeigen, wofür wir stehen. Und da kommt für mich auch die christliche Kernbotschaft ins Spiel: die Nächstenliebe, der Auftrag an uns Christinnen und Christen, unseren Mitmenschen in Not zu helfen. Auch die katholische Soziallehre mit ihren Prinzipien von Solidarität und Gemeinwohl spielt eine Rolle – da gibt es direkte Bezüge zu den Menschenrechten, die heute vielerorts unter Druck stehen.

Was sehen Sie als wichtigste Aufgabe in Ihrem neuen Amt? Worauf freuen Sie sich?

Ich sehe mich als Teil dieses Gemeinschaftswerks und freue mich, die Arbeit von Fastenaktion im Rahmen meiner Möglichkeiten zu unterstützen, sie mitzugestalten und dabei neue Menschen kennenzulernen. Vielleicht kann ich mit meiner langjährigen Erfahrung in den Pfarreien auch dazu beitragen, diese traditionell so wichtige Verbindung wieder ein wenig zu stärken. Es gibt dort weiterhin viele Menschen, die offen sind, für Fastenaktion zu spenden. 

Ist die Organisation gut aufgestellt für die Ziele, die sie erreichen möchte?

Dazu kann ich noch nicht viel sagen, ich muss mich erst noch einarbeiten. Aber mir scheint, dass Fastenaktion auf einer guten, stabilen Basis steht.

Die Spendeneinnahmen aus der kirchlichen Welt nehmen schon seit Jahren ab, wohl auch wegen der Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche. Wie sollte sich Fastenaktion in diesem heiklen Umfeld positionieren, um nicht noch mehr Spender:innen aus der katholischen Welt zu verlieren?

Mein Eindruck ist, dass die Gläubigen durchaus differenzieren zwischen diesen Vorfällen und der sozialen Arbeit der Kirche. Ich denke, wenn wir glaubwürdig und transparent handeln und dies gut kommunizieren, dann bleibt die katholische Welt eine gute Basis zur Finanzierung von Fastenaktion. Die Zahl der Katholik:innen nimmt ab, aber sie unterstützen uns auch deshalb noch immer, weil wir viel Gutes tun. Fastenaktion ist diesbezüglich ein Leuchtturm der Kirche. Die Missbrauchsskandale sind furchtbar, ich will das in keiner Weise kleinreden. Gleichzeitig sollten wir engagiert weiterarbeiten und eine neue Wirklichkeit von Kirche anstreben. Ich bin auch durchaus optimistisch, dass dies gelingt.

Sollten wir dennoch versuchen, neue Spender:innen auch aus säkularen Kreisen zu gewinnen?

Das passiert ja bereits, und das ist auch richtig und legitim. Wir dürfen einfach nicht vergessen, woher wir kommen: unser christlicher Hintergrund. Umso mehr als uns das auch auszeichnet.

Was erhoffen Sie sich persönlich von Ihrem neuen Engagement?

Dass ich den Anforderungen der Aufgabe gerecht werde. Und da bin ich auch froh um die Menschen, die mit mir gemeinsam diesen Weg gehen. Wichtig ist mir ausserdem, dass bei all dem die Freude nicht zu kurz kommt, auch wenn es zwischendurch mal schwierig sein kann.

Josef Stübi ist seit Anfang Februar Stiftungsratspräsident von Fastenaktion.

Zur Person

Josef Stübi (62) ist seit Anfang Februar Stiftungsratspräsident von Fastenaktion. Der Weihbischof der Diözese Basel war viele Jahre Stadtpfarrer von Baden (AG) und ist schon seit 1987 als Seelsorger tätig. Er wohnt in Solothurn. Weihbischöfe gibt es in Diözesen, in denen die Aufgaben wegen ihrer Grösse nicht vom Diözesanbischof allein erfüllt werden können. Der Weihbischof vertritt ihn unter anderem bei Weihehandlungen und in manchen Gremien.

Trotz der teils prekären Sicherheitslage in Haiti ist Fastenaktion dort weiterhin im Einsatz. Die Projektarbeit sei gerade deswegen besonders wertvoll, sagt unser lokaler Koordinator vor Ort.

Ein Interview mit J. V.*, Koordinator in Haiti bei Fastenaktion
Text: Ralf Kaminski, Redaktor bei Fastenaktion

Wie kommen die Projekte von Fastenaktion auf Haiti voran?

So weit gut. Mit den agrarökologischen Techniken und den Solidaritätsgruppen stärken wir die Ernährungssicherheit, die finanzielle Situation und das Selbstbewusstsein der dörflichen Gemeinschaften. Davon profitieren insgesamt mehr als 20 000 Menschen. Das funktioniert aber nur, weil die Sicherheitslage in den ländlichen Gebieten noch einigermassen okay ist.

Das ist sie sonst nicht?

Nein. Seit ich 2019 mitten in einer politischen Krise mit dieser Arbeit begonnen habe, ist es eher schlechter geworden.

Was sind die Ursachen dieser Krise?

Die aktuelle begann mit einem Volksaufstand gegen die korrupte Regierung. Doch inzwischen haben schwer bewaffnete Banden die Demonstrationen gestoppt und überziehen den Grossraum Port-au-Prince ungestört mit ihrem Terror, was ernste Folgen für die Mobilität hat.

Zum Beispiel?

Man sollte die Stadt nicht verlassen, ohne die aktuelle Sicherheitslage am Zielort und auf dem Weg dorthin abzuklären. Ich halte mich über diverse WhatsApp-Gruppen auf dem Laufenden, telefoniere mit Leuten vor Ort, höre Radio. Und es kommt immer wieder vor, dass ich auf Besuche verzichte, weil die Lage zu gefährlich ist. Oft ist die Lösung, eine Teilstrecke zu fliegen und dann mit dem Auto weiterzufahren.

Was tun denn diese Banden?

Sie errichten Strassenblockaden und fordern Geld für die Weiterfahrt. Es kommt auch regelmässig zu Entführungen, 2023 gab es allein bis September mehr als 900, wobei 63 Ausländer:innen betrafen. Darüber hinaus plündern die Banden ganze Stadtviertel und verjagen deren Bewohner:innen. Zehntausende wurden so schon vertrieben.

Eine Bäuerin bewirtschaftet ihr agrarökologisches Feld.
Die meisten Fastenaktion-Projekte in Haiti befinden sich in ländlichen Regionen. Dort ist die Sicherheitslage weniger angespannt.

Ist auch der Zugang zu unseren Projekten beeinträchtigt?

Die meisten befinden sich in ungefährlicheren ländlichen Regionen. Aber zwei Partnerorganisationen im Departement Artibonite habe ich aus Sicherheitsgründen schon seit zwei Jahren nicht besucht. Doch diese Krisensituation macht unsere Arbeit umso wertvoller: Die Agrarökologie hilft den Menschen, die benötigten Nahrungsmittel selbst anzubauen. Und die Solidaritätsgruppen geben ihnen Zugang zu Kleinkrediten. Schwierig hingegen sind alle Aktivitäten, die einen funktionierenden Staat voraussetzen.

Es sollen nun ein Jahr lang 1000 ausländische Polizisten unter Uno-Aufsicht beim Kampf gegen die Banden helfen. Wird das etwas ändern?

Die letzte vergleichbare Mission endete vor fünf Jahren und brachte offensichtlich nicht viel. Entsprechend skeptisch ist die Bevölkerung. Klar ist: Die bewaffnete Unterstützung ist nötig, Haiti hat keine Armee und weniger als 10 000 Polizisten auf 12 Millionen Einwohner:innen.

Die Lage in Haiti ist seit Jahrzehnten schwierig, wo liegt das Problem?

Der schwache Staat ist eine Folge von historischen Entwicklungen und fehlenden Strukturen. Die korrupte Elite presst Haiti aus wie eine Zitrone und zeigt kein Interesse, ihren Nachkommen ein funktionierendes Land zu hinterlassen. Und die Geberländer sorgen sich stets, dass die Lage komplett ausser Kontrolle gerät, weshalb sie selbst sehr korrupte Regierungen stützen. Ein grosses Problem ist zudem der Braindrain: Über 80 Prozent der Haitianer:innen mit Uni-Abschluss leben im Ausland.

*Aufgrund der angespannten Sicherheitslage in Haiti verzichten wir auf eine namentliche Nennung.

Agrarökologischer Anbau ermöglicht eine unabhängige Nahrungsmittelversorgung.
Dank agrarökologischer Techniken können Bäuerinnen und Bauern unabhängig Nahrungsmittel anbauen.

In Haiti setzen multiple Krisen der Bevölkerung zu. Die Ernährung von mehr als 3,6 Millionen Menschen ist gefährdet. Erfahren Sie hier mehr über unsere wirksamen Projekte im Land.

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Die Situation in Haiti ist verheerend: Klimawandel, ungeeignete Anbaumethoden und eine fehlende Regierungsführung setzen der Bevölkerung zu. Die Ernährung von mehr als 3,6 Millionen Menschen ist gefährdet. Die Projekte von Fastenaktion schaffen Linderung.

Haiti ist lediglich für 0.3 Prozent der globalen CO2- Emissionen verantwortlich, gehört jedoch zu den Ländern, welche die Klimaerwärmung am stärksten zu spüren bekommen. Trockenphasen dauern länger als früher, die Regenzeit ist nicht nur kürzer, sondern auch heftiger, und es gibt mehr Wirbelstürme. «Schon heute verändert sich die Küstenlinie an manchen Orten spürbar», sagt J. V.*, der Koordinator von Fastenaktion in Haiti. «Gleichzeitig sinkt der Grundwasserspiegel in einigen Regionen, so dass man tiefer und tiefer bohren muss, um an Frischwasser zu kommen.»

Das grösste Problem jedoch ist die Erosion. «Über 70 Prozent unseres Landes ist gebirgig, doch kein Hang ist zu steil, um nicht auch dort Nahrungsmittel anzubauen», sagt er. «Es geht schlicht nicht anders.» Diese Anbauflächen sind allerdings besonders stark gefährdet, wenn sintflutartige Regenfälle über die Insel hereinbrechen. «Ist der Boden weggeschwemmt, kann man nichts mehr anbauen – und in der Ebene drohen Erdrutsche und Überschwemmungen.» Unser Koordinator fürchtet, dass bis 2030 rund 20 Prozent der heutigen Anbaugebiete für die Landwirtschaft verloren sein könnten.

«Unsere Partnerorganisationen sensibilisieren die Menschen und geben ihnen technisches Know-how.»

Der Klimawandel in Haiti führt zu Küstenschäden.
Erosion führt auch an der Küste zu Landverlust wie hier in Port Salut im Süden Haitis.

Agrarökologie und Aufforstung als Lösungsansätze

Ein wirksames Gegenmittel ist der Bau von Erosionsbarrieren – in Form von Terrassierungen, Steinmäuerchen oder Aufforstung, was von Fastenaktion ebenfalls gefördert wird. «Unsere Partnerorganisationen sensibilisieren die Menschen dafür und geben ihnen das technische Know-how», erklärt er. «Und ihre Erosionsbarrieren dienen als Modell für andere Bäuerinnen und Bauern ausserhalb unserer Projekte.» Dennoch passiere dies landesweit nicht systematisch genug. «Das ist eine Jahrhundertaufgabe.»

Dabei hat die Klimaerwärmung die Situation lediglich verschärft, begonnen hat das Problem einst mit übermässiger Abholzung. Aufforstung findet zwar statt, doch die Flächen dafür sind begrenzt, weil viele wegen der wachsenden Bevölkerung für die Landwirtschaft genutzt werden müssen. Zudem wird noch hauptsächlich mit Holz und Holzkohle gekocht.

«Dennoch bewirken wir mit unseren Partnerorganisationen einiges», betont unser Koordinator, «gerade, weil wir gezielt in Regionen aktiv sind, welche die Folgen der Klimaerwärmung stark spüren.» Die agrarökologischen Methoden führen zu besseren Ernten und wirken sich auch positiv auf die Biodiversität aus. «Inzwischen sind dadurch und dank der Aufforstung in manchen Projektgebieten einige Insekten- und Vogelarten zurückgekehrt. »

*Aufgrund der angespannten Sicherheitslage in Haiti verzichten wir auf eine namentliche Nennung.

Die Arbeit von Fastenaktion ist in Zeiten von Instabilität und Krisen umso wichtiger und ein Lichtblick für die Menschen in unseren Projekten. Erfahren Sie hier mehr über unser Länderprogramm Haiti.

Bäuerinnen legen Barrieren an, um ihre Felder wegen des Klimawandels vor Erosion zu schützen.
Bäuerinnen legen gemeinsam Barrieren an, um ihre Felder vor Erosion zu schützen.

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Fastenaktion setzt sich für Klimagerechtigkeit ein, weil die Klimaerwärmung die ärmsten Menschen trifft und den Welthunger verschärft. Deshalb nehmen wir auch in diesem Jahr an der Weltklimakonferenz teil, weil es für wirksamen Klimaschutz internationale Übereinkommen braucht. Die diesjährige Weltklimakonferenz findet vom 30. November bis zum 12. Dezember in Dubai statt.

Ein Kommentar von Stefan Salzmann, Experte für Klimagerechtigkeit bei Fastenaktion

Zum Ende des Jahres reisen wir an die Weltklimakonferenz (COP28) nach Dubai und pochen auf dringende Fortschritte im Klimaschutz. Damit die globalen Emissionen wie im Pariser Klimaabkommen vereinbart bis zum Jahr 2030 gegenüber 1990 halbiert werden, braucht es griffige Massnahmen. Die Zeit drängt und wir sind nicht auf Kurs. Wir verlangen von den internationalen Delegationen in Dubai wissenschaftliche Berichte anzuerkennen und ihrer Verantwortung Rechnung zu tragen.

 

Eine Stimme für die ärmsten Menschen

Fastenaktion hat sich mit Partnerorganisationen aus Brasilien und Kolumbien intensiv in die Vorbereitungen der COP28 eingebracht. Gemeinsam machen wir die Perspektive und Bedürfnisse der ärmsten Menschen sichtbar und geben ihnen eine Stimme. Wir kommen in kleinen Schritten vorwärts und bewirken Verbesserungen.

 

Klimagerechtigkeit stoppt den Hunger

Ob die kleinen Schritte ausreichen, um der Klimaerwärmung Einhalt zu gebieten, können wir nicht beantworten. Fastenaktion ist aber überzeugt, dass internationale Verhandlungen zentral sind, um die Interessen der ärmsten Menschen einzubringen. In Dubai setzt sich Fastenaktion für ambitionierte Klimaschutz-Massnahmen ein: Wir fordern unter anderem den Ausstieg aus fossilen Energieträgern und den Ausbau von erneuerbaren Energien, die gerecht produziert werden müssen. Das ist gerade in einem Land wie den Arabischen Emiraten ein schwerer, aber dafür umso wichtiger Auftrag. Denn Klimagerechtigkeit ist unabdingbar, um eine lebenswerte Zukunft ohne Hunger für alle Menschen zu schaffen.

Unsere Expertin für Ernährungssysteme, Christa Suter, hat die drängendsten Fragen zu den Ursachen und Folgen des Welthungers beantwortet. Lesen Sie hier das Interview.

Ein Madagasse steht neben einem Mangobaum, der vertrocknet und blattlos ist. Er blickt auf das Maniokfeld am Boden.
Weltweit sind über 700 Millionen Menschen von Hunger betroffen. Die Klimaerwärmung verschärft die Lage der ärmsten Menschen.

Unsere Vision ist eine gerechte Welt ohne Hunger. Unterstützen Sie uns dabei?

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Sie verkauft selbstgemachtes Gebäck, impft Hühner und baut Getreide an: Adèle Neya ist eine vielbeschäftigte Frau – und kümmert sich zudem um ihre grosse Familie. Dank der Unterstützung von Fastenaktion und ihrer Partnerorganisation ASD Paalga hat sie nicht nur Selbstvertrauen gewonnen, sondern auch grössere finanzielle Sicherheit.

Als hätte Adèle Neya mit zehn Kindern nicht schon genug zu tun, jongliert sie daneben zahlreiche weitere Aktivitäten, um ein Einkommen zu sichern, das ihre grosse Familie ernährt. Die 40-jährige Mutter, Landwirtin und Unternehmerin hat fünf eigene Kinder und ist Vormundin für fünf weitere, darunter das Kind ihres verstorbenen Bruders. Ihr Mann arbeitet in der benachbarten Elfenbeinküste und kann sie deshalb kaum unterstützen. 

In Koupéla, Adèles Dorf in der Mitte-West-Region von Burkina Faso, dreht sich das Leben hauptsächlich um Landwirtschaft und Tierhaltung. Die Klimaerwärmung ist dabei eine grosse Herausforderung, denn sie bringt steigende Temperaturen, mehr Trockenheit und unberechenbare Regenfälle. Dies erhöht das Risiko für Ernteausfälle und Nahrungsmittelkrisen – ein wachsendes Problem für die ländliche Bevölkerung des westafrikanischen Landes. 

Verschärft wird dies noch, weil der Staat weiterhin die konventionelle Landwirtschaft fördert, die den Einsatz chemischer Düngemittel und Pestizide erfordert. Das wirkt sich schädlich auf die Umwelt aus und benötigt ein bestimmtes Saatgut, das jedes Jahr neu gekauft werden muss; dadurch entsteht eine Abhängigkeit der Bäuerinnen und Bauern. 

 

Gestiegene Ernten dank Agrarökologie 

Deshalb setzt sich Fastenaktion vor Ort für agrarökologische Anbautechniken ein. Sie verbessern den Zugang zu gesunden Nahrungsmitteln und reduzieren Pestizide und Übernutzung der Ressourcen. Zudem erleichtern sie die Anpassung an die Folgen der globalen Erwärmung. 

Auch Adèle nahm 2019 an einer Schulung der Association SOS-Santé et Développement (ASD Paalga) zur Ernährungssicherheit und Agrarökologie teil, ein Angebot dieser langjährigen Partnerorganisation von Fastenaktion. Die Bäuerin setzte die neu erlernten Techniken sofort um und konnte durch die Herstellung eines eigenen organischen Flüssigdüngers die Abhängigkeit von teurem chemischem Dünger verringern. Zudem stiegen die Erträge auf ihrem Feld, auch dank weniger Insektenbefall. 

«Früher habe ich rund 40 Kilo Sorghum (Anmerkung der Red: eine Art Hirse) geerntet, heute sind es bei reichlich Regen bis zu 60 Kilo», erzählt sie. Und dank der Zaï-Technik, bei der Wasser und Mist in Erdlöchern konzentriert werden, um das Wachstum von Pflanzen zu fördern, kann sie nun auch im Winter Gemüse wie lokale Auberginen anbauen. Durch deren Verkauf hat sie eine zusätzliche Einnahmequelle. 

Adèle Neya mit ihrem Ehemann, der in der benachbarten Elfenbeinküste arbeitet.

Lukrativer Geflügel-Boom 

In einer weiteren Schulung liess Adèle sich ausserdem zur Geflügelimpferin ihres Dorfs ausbilden. Der Impfstoff bietet einen wirksamen Schutz gegen die Vogelgrippe, die 2022 in der Region zu erheblichen Verlusten bei der Hühnerpopulation führte. Als Impferin kann Adèle nicht nur die Gesundheit ihrer eigenen Tiere verbessern, sondern auch die von allen anderen Hühnern im Dorf. 

Dies ist umso wichtiger, weil sich die Geflügelzucht in Burkina Faso zu einem boomenden Wirtschaftssektor entwickelt hat. In den Grossstädten gibt es zahllose Essstände mit Hühnergerichten in allen Variationen: gegrillt, sautiert, mit Knoblauch oder einfach flambiert. Das lokale «poulet bicyclette» ist inzwischen sogar im umliegenden Ausland bekannt.  

Dieser Boom im Geflügelhandel sichert den Lebensunterhalt von Tausenden Menschen, die in der Produktion und Verarbeitung tätig sind. Auch für Bäuerinnen und Bauern ist der Besitz einiger Hühner finanziell lukrativ – und eine gewisse Absicherung. 

«Durch mein neues Wissen habe ich an Respekt in der Gemeinschaft gewonnen.»

Respekt gewonnen 

Adèles Haupttätigkeit jedoch ist der Verkauf von selbstgemachten Krapfen, und auch das hat sich positiv entwickelt. Nach der Schulung von ASD Paalga hat sie ihre Rezeptur angepasst und dadurch Geschmack und Nährwerte verbessert. Ihr Verkaufsumsatz ist seither um 50 Prozent gestiegen. 

Die Wirkung all dieser Fortschritte blieb nicht aus: Adèle ist heute viel unabhängiger. «Durch mein neues Wissen habe ich an Respekt in der Gemeinschaft gewonnen, ich fühle mich selbstsicherer und kann wichtige Entscheidungen selbst treffen», erzählt sie. Auch blickt sie optimistisch in die Zukunft und hofft, dass das Dorf künftig ein Bohrloch für Wasser erhält, damit sie auch während der Trockenzeit Gemüse anbauen kann. Ihr Traum ist, ein Moped zu kaufen und ein eigenes Haus zu bauen. Und wenn es bei ihr weiter so aufwärts geht, könnten diese Träume sich durchaus erfüllen.  

Der Artikel über Adèle Neya ist im Magazin «Perspektiven» von Fastenaktion erschienen. Erfahren Sie hier mehr über das Landesprogramm in Burkina Faso.

Adèle verbessert als Geflügelimpferin die Gesundheit der Tiere im Dorf.

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Viele Frauen in Burkina Faso sind im Alltag stark benachteiligt und finanziell oft von ihren Männern abhängig. Ein von Fastenaktion unterstütztes Projekt der Partnerorganisation Lougouzena im Süden des Landes verhilft ihnen zu mehr Unabhängigkeit – und verbessert den Zugang zu Nahrungsmitteln. 

Gemeinsam mit anderen Frauen des Dorfs arbeitet Oumou Oussalé Balori im Schatten von ein paar Bäumen an mehreren grossen Töpfen. In einem knetet sie gerade mit beiden Händen eine schmierige bräunliche Masse: Sheabutter. Dieser wertvolle Rohstoff wird in Lebensmitteln, für die Haut- und Haarpflege und sogar für Seife verwendet und spielt im ländlichen Westafrika eine entscheidende wirtschaftliche Rolle: Es ermöglicht Frauen ein zusätzliches Einkommen und eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit. 

«Früher habe ich Sheabutter traditionell unter dem Mangobaum hergestellt, ohne mir Gedanken über die Hygiene zu machen», erzählt Oumou. «Heute jedoch entsteht dank einem neuen Herstellungsverfahren ein qualitativ besseres Produkt.» Dieses Verfahren lernte sie an einer Schulung der Organisation Lougouzena, die seit einem Jahrzehnt von Fastenaktion unterstützt wird. 

 

Bedrohung durch Klimaerwärmung und Chemikalien 

Die 38-Jährige ist Mutter von sieben Kindern, Hausfrau, aber auch ein aktives Mitglied der Genossenschaft im Dorf Songo im Süden Burkina Fasos. Die Menschen dieser Region sind stark mit den Folgen der Klimaerwärmung konfrontiert: häufigere Trockenphasen und unberechenbare Regenfälle erhöhen das Risko für Ernteausfälle. Hinzu kommen belastete Böden durch den Einsatz von Chemikalien beim Goldwaschen und durch nicht nachhaltige Landwirtschaft.

Oumou Oussalé Balori und andere Frauen bei der Herstellung von Sheabutter.
Die Produktion von Sheabutter ist für Frauen wie Oumou Oussalé Balori eine wichtige Einnahmequelle.

Frauen wie Oumou stehen vor zusätzlichen Herausforderungen: Da sie mit Hausarbeit und Landwirtschaft stark ausgelastet sind, haben sie wenig Zeit, ihre Kenntnisse in der Verarbeitung und Produktion von Nahrungsmitteln zu erweitern. So sind sie oft gezwungen, ihre Produkte direkt vom Feld zu lächerlich niedrigen Preisen zu verkaufen und verfügen deshalb in der weniger produktiven Jahreszeit über zu wenig Lebensmittel und Finanzen. Sie sind auch meist finanziell abhängig von ihren Männern. Oumou war zum Beispiel lange für jede noch so kleine Ausgabe ganz auf ihren Ehemann Amadou angewiesen. Dieser ist Goldgräber und häufig unterwegs, doch garantiert sein Job kein festes Einkommen. 

 

Plötzlich finanziell unabhängig

Hier setzt Lougouzena an: Schulungen und andere Unterstützungsmassnahmen stärken 634 Frauen aus 26 Genossenschaften nicht nur wirtschaftlich, sie erhöhen auch die Ernährungssicherheit. Unterrichtet werden neue Techniken der Lebensmittelverarbeitung sowie Marketing- und Finanzmanagement – beides erhöht die Einnahmen der Frauen. Und insgesamt profitieren davon 3514 Personen.  

Oumou ist mittlerweile sogar finanziell unabhängig. Sie hat ein eigenes Bankkonto, finanziert die Produktion von Maniokgriess, Sheabutter und Seifenkugeln selbst und macht so einen monatlichen Gewinn von 20.000 bis 25.000 CFA-Francs (rund 30 Franken). «Die Treffen in unserer Genossenschaft haben mir die Augen geöffnet. Ich wurde mir meines Potenzials als Frau bewusst und fühle mich heute stärker und unabhängiger», sagt Oumou sichtlich stolz. 

Oumou kniet auf dem Boden und kontrolliert ihre Ernte, die zum trocknen in der Sonne liegt.
Oumou trocknet die Ernte vor ihrem Haus. Durch die Klimaerwärmung steigt das Risiko für Ernteausfälle.

«Das Wissen, das uns hier vermittelt wird, ist ein echter Hebel für unsere Emanzipation.»

Gestärkte Gleichstellung der Geschlechter

Auch auf die Beziehung zu ihrem Ehemann hat sich das alles positiv ausgewirkt: «Es gibt heute ein besseres Verständnis und mehr Zusammenhalt und Solidarität zwischen uns», erzählt sie. Anfangs hatte Amadou gezögert, ob seine Frau sich an dem Projekt beteiligen sollte, doch sie gab nicht auf: «Ich habe ihm erklärt, dass diese Treffen Frauen auf dem Weg zur Selbstbestimmung begleiten sollen, damit sie sich besser um ihre Familien kümmern können.» Heute ist auch Amadou froh um all die positiven Entwicklungen. 

Die Gleichberechtigung der Geschlechter ist die Wurzel für einen tiefergehenden gesellschaftlichen Wandel, weshalb Fastenkation in ihren Projekten darauf viel Wert legt. «Das Wissen, das uns hier vermittelt wird, ist ein echter Hebel für unsere Emanzipation», findet auch Oumou. 

Die Erfolge haben sie ausserdem zu ambitionierten Zukunftsplänen inspiriert: «Ich will meine Sheabutter-Produktion weiter verbessern und so die Vermarktung erleichtern. Und eines Tages möchte ich ein neues Haus bauen, um meiner Familie mehr Komfort zu ermöglichen.» 

Der Artikel über Oumou Oussalé Balori ist im Magazin «Perspektiven» von Fastenaktion erschienen. Erfahren Sie hier mehr über das Landesprogramm in Burkina Faso.

Oumo und ihr Ehemann Amadou und halten ihre Hände und blicken in die Kamera.
Die Beziehung von Oumo und ihrem Ehemann Amadou hat sich seit dem Fastenaktion-Projekt verbessert. Nun begegnen sie sich auf Augenhöhe.

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Die Projekte von Fastenaktion in Kenia sind von hoher Relevanz und reduzieren die Armut in ländlichen Gebieten. Zu diesem Schluss kommt eine externe Beurteilung des aktuellen Landesprogramms.

Fastenaktion engagiert sich bereits seit den 1970er-Jahren im ostafrikanischen Kenia. Bei den aktuellen Projekten liegt der Fokus auf dem Recht auf Nahrung. Die Ansätze dafür sind Agrarökologie, Solidaritätsgruppen und Friedensförderung, das Jahresbudget beträgt 800’000 Franken. 2022 liessen wir das Landesprogramm vom unabhängigen Zürcher Beratungsbüro KEK-CDC evaluieren, dessen Ergebnisse inzwischen vorliegen. 

 

Ziele übertroffen

KEK-CDC stellte fest, dass die angestrebten Ziele in Kenia bis 2022 sogar übertroffen wurden. So entstanden zwischen 2017 und 2022 im Südwesten des Landes insgesamt 557 Solidaritätsgruppen mit fast 9000 Mitgliedern aus kleinbäuerlichen Haushalten. Der Sparansatz kombiniert mit dem Anbau von Gemüsegärten und Obstbäumen nach agrarökologischen Methoden habe «greifbare Auswirkungen auf die Verbesserung der Ernährung und die Förderung der Solidarität», schreibt das Beratungsbüro in seinem Bericht.  

Insgesamt seien die neun von Fastenaktion unterstützten Projekte «von hoher Relevanz für die Armutsbekämpfung in ländlichen Gebieten». Der Bericht hebt zudem hervor, dass 77 Prozent der Solidaritätsgruppenmitglieder weiblich sind und Frauen 72 Prozent der Führungspositionen in den Gruppen besetzen. Auch die sozialen Kompetenzen sowie die Fähigkeiten zur Konfliktverminderung wurden verbessert. Mehr als ein Viertel der Solidaritätsgruppen konnte aus den Ersparnissen kleine Kredite für Lebensmittel oder Schulkosten vergeben, womit die Verschuldung bei Kreditgebern zu Wucherzinsen vermieden wurde.

 

Brennholzbedarf halbiert 

Positiv bewertet wird ausserdem ein Projekt zur CO2-Reduktion im südlichen Bezirk Kitui. Von 2017 bis 2022 wurden dort 19’530 neue, effizientere Kochöfen gebaut, die den Brennholzbedarf halbiert und die CO2-Emissionen um eine Tonne pro Jahr pro Ofen reduziert haben. 

Das Beurteilungsteam, das einige der Projekte in Kenia besucht hat, sieht aber auch noch Verbesserungsmöglichkeiten. So sollte der Verkauf von nicht selbst gebrauchten Produkten auf Agrarökologiemärkten ausgeweitet werden. Zudem seien vielerorts die Eigentumsverhältnisse des genutzten Landes unklar, was adressiert werden sollte. Nicht zuletzt litten viele Gebiete zunehmend unter Dürren, weshalb es angepasste Strategien brauche, um die Nachhaltigkeit der Projektarbeit sicherzustellen.   

Die vollständige Zusammenfassung des Berichts finden Sie hier auf Englisch.

Seit über 20 Jahren stehen Solidaritätsgruppen im Mittelpunkt der Arbeit von Fastenaktion. Dank des Ansatzes wird der Hunger nachhaltig und langfristig reduziert. Erfahren Sie hier mehr darüber.

Die Bäuerin Melisa Khavala steht auf dem Feld und lächelt in die Kamera.
Melisa Khavala ist Mitglied einer Solidaritätsgruppe. Seither haben sich ihre Lebensgrundlagen verbessert.

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Der Uno-Menschenrechtsrat setzt im Frühling 2024 eine neue Expertengruppe ein, die für die Förderung und Überwachung der Rechte von Bäuerinnen und Bauern verantwortlich ist. Dies erleichtert die weltweite Sensibilisierung von Behörden und Zivilgesellschaft für die Herausforderungen der kleinbäuerlichen Nahrungsmittelproduktion. 

Obwohl Bäuerinnen und Bauern, Viehzüchter:innen und andere Menschen, die im ländlichen Raum arbeiten, eine tragende Rolle spielen, um die weltweite Ernährungssicherheit zu gewährleisten, erhalten sie in vielen Ländern kaum Unterstützung. Im Gegenteil: Durch die verstärkte Industrialisierung der Landwirtschaft und politische Konflikte wird ihnen der Zugang zu Land, Wasser oder traditionellem Saatgut erschwert oder gar entzogen. Zudem sind sie den Folgen der Klimaerwärmung besonders stark ausgesetzt. 

Damit den Worten Taten folgen 

Um diese Menschen besser zu schützen, verabschiedete die Uno 2018 die «Erklärung für die Rechte von Kleinbauern und anderen Menschen, die in ländlichen Regionen arbeiten» (UNDROP), in der unter anderem das Recht auf Land, Wasser, Saatgut und agrarökologische Produktionsformen festgelegt ist. Aber auch das Recht, selbstbestimmt über die eigenen wirtschaftlichen Ziele und Ernährungsweisen bestimmen zu können. 

Nun hat der Uno-Menschenrechtsrat in Genf diese Rechte vergangene Woche nochmals gestärkt: Eine fünfköpfige Expertengruppe soll ab Frühling 2024 sicherstellen, dass den Worten auch wirklich Taten folgen. So erhalten nun weltweit Bäuerinnen und Bauern die Möglichkeit, auf missachtete Rechte hinzuweisen und die Umsetzung der Deklaration in ihrem Land voranzubringen. Das Gremium soll zudem den Erfahrungsaustausch und die Zusammenarbeit fördern, Länderbesuche durchführen und auf Rechtsverstösse aufmerksam machen.

Politisches und rechtliches Instrument 

Fastenaktion steht für das Recht auf Nahrung ein und fördert die Rechte der Bäuerinnen und Bauern als Mitglied der Koalition «Friends of the Declaration» und durch das internationale Projekt RAISE («Rights-based and Agroecological Initiatives for Sustainability and Equity»). Dieses hat sich stark für die Bildung einer solchen Expertensruppe eingesetzt und sieht den Entscheid als grossen Fortschritt. «Das ist ein wichtiges politisches und rechtliches Instrument zur Förderung kleinbäuerlicher Rechte», sagt Christa Suter, Expertin für Ernährungssysteme bei Fastenaktion. «Der mit grosser Mehrheit gefallene Uno-Entscheid illustriert zudem die wachsende internationale Anerkennung der zentralen Rolle, die kleinbäuerliche Familien bei der Nahrungsmittelproduktion und beim Schutz von Umwelt und Biodiversität spielen 

Die Arbeitsgruppe besteht aus Expert:innen von fünf Kontinenten, die im März 2024 gewählt werden. RAISE hat angekündigt, eng mit dem neuen Gremium zusammenzuarbeiten, um seinen Erfolg zu unterstützen. Die Stärkung bäuerlicher Rechte ist ein zentraler Pfeiler, um dem Hunger entgegenzuwirken. 

Die Medienmitteilung von RAISE finden Sie hier.

Sie möchten mehr über RAISE erfahren? Weitere Informationen zum Projekt finden Sie hier.

Eine Kleinbäuerin in Südafrika kontrolliert ihr Feld. Sie wird von der «Rural Women’s Assembly» unterstützt, einer Partnerorganisation von Fastenaktion, die auch Teil des Projekts RAISE ist.

Unterstützen Sie unseren Einsatz für die Rechte von Bäuerinnen und Bauern

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Hunger ist in Kenia ein verbreitetes Problem – auch weil es aufgrund der Klimaerwärmung immer wieder Ernteausfälle gibt. In den Projekten von Fastenaktion lernen Landwirtinnen wie Faith Wanjiru, wie sie trotz vermehrter Trockenheit Lebensmittel produzieren können.

Klicken Sie auf «Eintreten», um in ihre multimedial erzählte Geschichte einzutauchen. Viel Vergnügen!

Von der Dürre zur Ernte: Hoffnung in Kenia
Aus dem Leben von Faith Wanjiru
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Wir schaffen Hoffnung – helfen Sie uns dabei?

Unterstützen Sie Menschen wie die kenianische Bäuerin Faith dem Hunger zu entfliehen.

Christa Suter ist Expertin für Ernährungssysteme und kümmert sich bei Fastenaktion um das Landesprogramm in Kenia. Im Gespräch zum Welthungertag erklärt sie, weshalb so viele Menschen unter Hunger leiden und welche Ansätze trotz allem Hoffnung schaffen.

Text von Manolito Steffen, OnlineRedaktor bei Fastenaktion

Jeder zehnte Mensch auf der Welt hat nicht genug zu essen. Weshalb sind es noch immer so viele? 

In jeder Region gibt es unterschiedliche Gründe für Hunger. Die klimatischen Veränderungen wirken sich jedoch weltweit auf die Landwirtschaft aus und vermindern die Erträge. Hinzu kommen häufig politische und wirtschaftliche Faktoren: Wer hat Zugang zu ausreichend gesunder Nahrung? Und wer kann sich welche Nahrung leisten? Vielerorts ist das Preisniveau für Getreide und andere Nahrungsmittel geradezu explodiert, weil auch die Benzin- und Energiekosten steigen. Die Inflation in den Projektländern von Fastenaktion ist um einiges höher als in der Schweiz. Wer schon in extremer Armut lebt, kann sich diese Preise schlicht nicht leisten. 

«Die Hungersituation in vielen Ländern gibt weiterhin Anlass zu grosser Sorge»

Immerhin hungern knapp 100 Millionen Menschen weniger als im vergangenen Jahr, rund 700 Millionen insgesamt. Zeichnet sich also eine Verbesserung der Situation ab? 

Nur unwesentlich, die Lage ist immer noch höchst dramatisch. Während der Hunger seit dem Jahr 2000 schrittweise zurück ging, erleben wir seit 2015, dass die Fortschritte stagnieren, respektive sich der Hunger während der Corona-Pandemie nochmals verschärft hat. Erfolge gibt es punktuell, aber die Hungersituation in vielen Ländern gibt weiterhin Anlass zu grosser Sorge. Denn hinter jedem Menschen steht ein persönliches Schicksal. Und Hunger wirkt sich ein Leben lang aus, besonders die Entwicklung von Kindern wird beeinträchtigt. Aber auch Frauen sind stark betroffen: Sie sind es häufig, die verzichten, wenn das Essen nicht für die ganze Familie reicht.  

 

Hätten wir denn grundsätzlich genug Nahrung, um weltweit alle zu ernähren? 

Ja, eigentlich gäbe es genügend Essen für alle Menschen. Neben der grossen Menge Nahrungsmittel, die weggeworfen werden, ist aber insbesondere die Verteilung ungerecht. Sowohl zwischen dem globalen Süden und Norden als auch in den Ländern selbst. Letztlich ist es eine moralisch-ethische Frage, ob wir als globale Gemeinschaft bereit sind, diesen ungerechten Zustand zu verändern oder nicht. 

Die kenianische Bäuerin Faith Wanjiru schneidet eine Frucht, die sie zuvor aus ihrem Garten geerntet hat. Der Welthunger kann durch agrarökologische Anbaumethoden gebremst werden.
Umso mehr Nahrungsmittel eigenhändig produziert werden, desto unabhängiger sind die Menschen von den hohen Marktpreisen.

Du bist auch für das Landesprogramm von Fastenaktion in Kenia verantwortlich. Wie ist dort die Lage? 

Im westlichen Kenia konnten die Bäuerinnen und Bauern ernten, jedoch folgte eine Trockenheit. In der zweiten Anbausaison hat es wieder geregnet. Allerdings waren die Niederschläge so heftig, dass es vielerorts Überschwemmungen gab. Die Menschen im Südosten des Landes warten hingegen immer noch auf Regen. Die Bäuerinnen und Bauern haben keine Bewässerungssysteme und sind der Dürre ausgeliefert. Gleichzeitig spitzt sich in Kenia die Not wegen der allgemeinen Teuerung zu.

«Ein wichtiger Ansatz ist, die Vernetzung unter den Bäuerinnen und Bauern zu fördern»

Was unternimmt Fastenaktion, um dem Hunger dort entgegenzuwirken? 

Wir befähigen Bäuerinnen und Bauern, unabhängig und eigenständig lokale Ernährungssysteme aufzubauen, die unter anderem gegenüber Dürren widerstandsfähiger sind. Der Fachbegriff dafür heisst Agrarökologie und umfasst eine lokal angepasste und umweltschonende Landwirtschaft. Ein wichtiger Ansatz ist, die Vernetzung unter den Bäuerinnen und Bauern zu fördern. Sie schliessen sich in Solidaritätsgruppen zusammen und bestärken sich so gegenseitig. Mittlerweile sind in den kenianischen Projekten von Fastenaktion 545 Solidaritätsgruppen mit knapp zehntausend Mitgliedern aktiv, drei Viertel davon Frauen. Sie können mit agrarökologischen Anbaumethoden ausreichend gesunde Nahrungsmittel für ihre Familien produzieren und ihre Widerstandskraft gegen Klimaveränderungen wie Dürren stärken.  

Die kenianische Bäuerin Faith Wanjiru ist einem Fastenaktion-Projekt aktiv. Klicken Sie hier, um in ihre multimedial erzählte Geschichte «Von der Dürre zur Ernte» einzutauchen.

Die kenianische Bäuerin Faith Wanjiru arbeitet auf ihrem Feld mit agrarökologischen Methoden. Dieser Ansatz ist zentral, um dem Welthunger entgegenzuwirken.
Dank agrarökologischer Anbaumethoden können trotz Dürre ausreichend gesunde Nahrungsmittel produziert werden.

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Die Klimaerwärmung trifft die verletzlichsten Gruppen am stärksten, so auch die Bevölkerung in Senegal. Aboubarcry Sall ist Koordinator unseres Projekts Bamtaree-Podor und erzählt, welche Folgen die Klimakrise mit sich bringt und welche Massnahmen getroffen werden.

 

«Verantwortlich für die Dürre und den Wassermangel in der Region Fouta im Norden Senegals ist die Klimaerwärmung, die zu einem massiven Verschwinden von Pflanzen- und Tierarten führt und zu einer immer grösseren Ernährungsunsicherheit der lokalen Bevölkerung und des Viehs beiträgt. Weideflächen und Wasser fehlen. Dies gerade auch, weil wasserintensive Bewässerungskulturen für den Reisanbau mit dem Missbrauch von chemischen Düngemitteln und Pestiziden negative Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung haben. Die Viehzüchter sind auf der Suche nach Weideland gezwungen, sich für eine lange Zeit weit weg von ihrem angestammten Zuhause zu bewegen. Zieht die ganze Familie mit, wirkt sich das nachteilig auf die Schulbildung der Kinder aus.

Unregelmässiger Niederschlag

Seit mehr als drei Jahrzehnten stellen wir eine zunehmende Unregelmässigkeit des Wetters fest, verbunden mit der Abnahme von Regenfällen. Früher dauerte die Regenzeit von Mai bis Oktober, also sechs Monate mit 400 bis 500 mm Wasser. In den letzten zwanzig Jahren dauerte sie jedoch nur von August bis Oktober, das bedeutet weniger als 250 mm Wasser. Dafür haben wir in regenreichen Jahren mit Überschwemmungen zu kämpfen.

Anpassungen an die Klimaerwärmung

Dennoch sind die Menschen widerstandsfähig. Sie entwickeln gemeinsam Strategien, um sich an die Umstände anzupassen. Um den Zugang zu Wasser zu sichern, bohren sie nach Brunnen und legen Teiche an. Für die Landwirtschaft nutzen sie dürreresistentes lokales Saatgut für den Getreide- und Gemüseanbau auf Familien- oder Gemeinschaftsfeldern. Sie bilden Solidaritätsgruppen, um sich in Zeiten des Mangels gegenseitig unterstützen zu können.»

Der Ansatz der Solidaritätsgruppen stammt aus Senegal, welcher ein zentraler Pfeiler in der Arbeit von Fastenaktion ist. Erfahren Sie hier mehr über die Solidaritätsgruppen.

Die anhaltende Trockenheit lässt Menschen und Tiere in Senegal leiden.
Die anhaltende Trockenheit lässt Menschen und Tiere in Senegal leiden.

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In Madagaskar zeichnet sich die Klimakrise mit ihren schweren Folgen ab. Abwechselnde Trockenperioden treffen auf übermässige Regenfälle und Wirbelstürme. Dies führt zu Ernteausfällen in der Landwirtschaft, wie unsere Programmkoordinatorin in Madagaskar, Diary Ratsimanarihaja, erklärt.

«Nach drei aufeinanderfolgenden Jahren ohne Regen zogen im Februar 2022 zwei Wirbelstürme (Batsirai und Emnati) über den Süden des Landes hinweg. Im Bezirk Betioky hat es im Februar und März dieses Jahres endlich wieder geregnet. Die Bewohnerinnen und Bewohner sind froh darüber. Aber die Auswirkungen sind nicht so, wie sie es sich erhofft haben. Die starken Regenfälle, vor allem während der Wirbelstürme, haben Schäden an den Kulturen verursacht. Die wichtigste Kulturpflanze in der Region, der Maniok, bildete keine Knollen aus, und Stecklinge verfaulten aufgrund des übermässigen Wassers. Die Gemüsesamen, die sie während der langen Dürreperiode nicht aussäen konnten, keimten nicht mehr, als sie sie in die Erde brachten. Diese zunehmende Trockenheit ist auf die Klimaerwärmung zurückzuführen. Der Süden Madagaskars hat ein semiarides Klima. Regen fällt dort schon in «normalen Zeiten» spärlich. Nach einer langen Phase des Regenmangels hat sie sich noch nicht erholt. Die diesjährige landwirtschaftliche Produktion ist aufgrund von Problemen mit dem Saatgut noch nicht ausreichend. Bleibt der Regen auch in der nächsten Anbauperiode aus, besteht die Gefahr einer weiteren Hungersnot für die Menschen in der Region.

Solidaritätsgruppen und Agrarökologie als Ansätze

Angesichts dieser Situation ist die Stärkung von Solidaritätsgruppen wichtig, um wieder gemeinsame Ersparnisse anzulegen, um so Notlagen vorzubeugen. Die Vermittlung von nachhaltigen landwirtschaftlichen Anbaumethoden ist ein integraler Bestandteil des Projekts Tsinjo Aina von Fastenaktion. Um die Widerstandsfähigkeit der landwirtschaftlichen Kulturen sowie der Menschen gegenüber der Klimaerwärmung zu verbessern, sind agrarökologische Techniken unsere Verbündeten: Förderung der Diversifizierung und Kombination von Kulturen, um die Schäden durch Schädlinge zu minimieren und eine Vielfalt an Nahrungsmitteln für die Männer und Frauen, die das Land bearbeiten, aber auch für ihre Kinder zu gewährleisten.

Wasser als unabdingbares Gut

Der Ausdruck «Wasser, Quelle des Lebens» ist in dieser Region wirklich gerechtfertigt. Wasser ist eine wertvolle Ressource, die für die Landwirtschaft unerlässlich ist. Dank dem Rano-Aina Projekt verfügen einige Dörfer über Brunnen und Bohrungen, die es den Bewohnern ermöglichen, agrarökologische Techniken in Gemeinschaftsgärten in der Nähe der Pumpen zu erlernen und zu praktizieren. Diese Gärten tragen sowohl zur Nahrungsmittelproduktion als auch zur Saatgutproduktion bei und stellen eine zusätzliche Einkommensquelle für die Mitglieder der Solidaritätsgruppen dar. In mehreren Dörfern sind die Brunnen jedoch veraltet und beschädigt. Die Instandsetzung der Pumpen würde sich enorm auf die Verbesserung der Widerstandsfähigkeit der Bauern und Bäuerinnen auswirken. Sie sind bereit, ihren Teil beizutragen, wie beispielsweise durch die Bereitstellung von Arbeitskräften und die Lieferung von Sand und Kies.»

Seit über 20 Jahren stehen im Mittelpunkt der Arbeit von Fastenaktion und seinen Partnerorganisationen Solidaritätsgruppen. Dank des Ansatzes wird der Hunger nachhaltig und langfristig reduziert. Erfahren Sie hier mehr darüber.

Etahery, Familienvater und Mitglied der Solidaritätsgruppe, hat das verfügbare Regenwasser genutzt, um ein wenig Reis, verschiedene Gemüsesorten und die Mischkulturen Maniok, Mais und Süsskartoffeln anzubauen.
Der Familienvater Etahery ist Mitglied einer Solidaritätsgruppe. Er hat agrarökologische Anbaumethoden angewendet, um verschiedene Gemüsesorten anzubauen.

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Die Folgen der Klimakrise machen sich in Nepal stark bemerkbar. Die Monsunregenfälle werden immer unregelmässiger, was schwere Folgen für die Landwirtschaft hat. Samrat Katwal ist unser Programmkoordinator in Nepal und berichtet über die Auswirkungen für die Bevölkerung im Land.

 

«Ungefähr zwei Drittel der nepalesischen landwirtschaftlichen Betriebe werden von Regenwasser gespeist und sind grösstenteils von den Monsunregenfällen abhängig. Obwohl die Landwirtschaft nur ein Viertel der Wirtschaftsleistung ausmacht, ernährt sie mehr als die Hälfte der Bevölkerung. Unsere Wirtschaft hängt von der Landwirtschaft und die Landwirtschaft von den Klimaschwankungen ab. Doch leider können unsere Bäuerinnen und Bauern das Klimageschehen nicht steuern, denn es hängt von der Lebensweise von Millionen Menschen weltweit und der Politik von Dutzenden anderer Länder ab. In vielen Teilen Nepals war der Winter trocken, das beeinträchtigte die Weizenproduktion. Darauf folgte eine weitere Welle von Trockenheit im Frühjahr, die sich auf die Maisproduktion auswirkte. Für viele Nepali sind Weizen und Mais die wichtigsten Grundnahrungsmittel – vor allem für die Menschen in den abgelegenen Gebieten, in denen kein Reis angebaut werden kann. Um den Beginn des Monsunregens herum, der von Juni bis September dauert, waren die Wasserquellen versiegt.

Agrarökologie als Lösungsansatz

Trockenperioden gehören in Nepal zur Landwirtschaft. Die Menschen haben sich entsprechend angepasst. Was Wissenschaft und Landwirtschaft jedoch gleichermassen beunruhigt, ist die anhaltende Trockenheit in Zeiten, in denen es eigentlich regnen sollte, und die zu einer Dürre führt. Der Aufbau eines widerstandsfähigen Ernährungssystems durch die Anpassung der Landwirtschaft an die lokalen Ökologie – und sozialen Sicherheitsnetze – durch soziale und kulturelle Solidarität sind der Schlüssel. In Krisenzeiten bekommt die Erkenntnis, dass die Agrarökologie die Widerstandsfähigkeit stärkt, noch mehr Bedeutung. Viele Antworten auf das Problem der Dürre finden sich in traditionellen landwirtschaftlichen Praktiken: der Anbau von traditionellen Wurzelsorten, Hirse, Brennnesseln als Gemüse. Wenn man solche Ernährungspraktiken genau beobachtet, kann man die Weisheit der Vorfahren entdecken. Diese Weisheit wird derzeit vernachlässigt und muss wiederbelebt werden. Dennoch ist die Agrarökologie kein Traum, der sofort in Erfüllung geht. Sie erfordert Geduld und Schweiss. Bis dahin müssen die Menschen überleben, und wenn dieses Überleben eine vorübergehende Nahrungsmittelhilfe bedeutet, muss auch diese geleistet werden.»

Die Partnerorganisationen von Fastenaktion in Asien, Afrika und Lateinamerika setzen sich für agrarökologische Ansätze ein. Erfahren Sie hier mehr über das Thema.

Bauer Sete Budha arbeitet auf seinem Feld nach agrarökologischen Anbaumethoden.
Bauer Sete Budha hat im Fastenaktion-Projekt gelernt, agrarökologische Anbaumethoden anzuwenden.

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Unsere Kollegin Daria Lepori ist vor kurzem aus Kolumbien zurückgekehrt. Sie besuchte Fastenaktion-Projekte, die eine nachhaltige Landwirtschaft fördern, und hat daran beteiligte Personen getroffen. Hier erzählt sie, was sie besonders beeindruckt hat.

Ein Interview mit Daria Lepori, Sensibilisierung und Ökumenische Kampagne in der italienischen Schweiz

Unter welchen Bedingungen leben die Menschen, die du besucht hast?

Sie leben wirklich bescheiden. Unter anderem haben wir zwei Bauernhöfe in Morales besucht, im Departement Cauca im Westen Kolumbiens. Dort bauen etwa neun von zehn Menschen Kokapflanzen an. Dies ist nicht nur illegal, sondern wegen der vielen verwendeten Düngemittel und Pestizide auch umweltschädlich. Politisch möchte man diesen Anbau unterbinden, doch der Verzicht auf den Kokaanbau erfordert Mut und Entschlossenheit von den Bauernfamilien. Für eine Umstellung auf eine nachhaltige Landwirtschaft zur Selbstversorgung braucht es zudem Unterstützung von aussen, wie sie unser Programm in diesem Land bietet. Heute ist der Kokaanbau für viele die einzige Einkommensquelle, und es gibt erheblichen Druck durch die Drogenhändler. Ausserdem sind viele Bauernfamilien verschuldet, denn die verwendeten Düngemittel sind sehr teuer, und die Geldverleiher verlangen für ihre Kredite hohen Zinsen, die sie jeden Tag zurückzahlen müssen – ein System, das «gota a gota» (Tropfen für Tropfen) genannt wird.


Wie engagiert sich unsere Partnerorganisation vor Ort?

Die Organisation Semillas de Agua betreibt Projekte in verschiedenen Departementen Kolumbiens und beschäftigt sich vor allem mit der Bodensanierung. Ihr Leiter David Diaz, ein ausgebildeter Agronom, vermittelt den Bauernfamilien die Bedeutung eines fruchtbaren Bodens, der Qualitätsprodukte für eine gesunde Ernährung und ein gesundes Leben hervorbringt. Er bringt ihnen bei, wie man mit agrarökologischen Methoden durch Pestizide vergiftete Böden in fruchtbare, produktive Böden verwandelt, die auch CO2 binden können. In Kolumbien ist der Boden eine stetige Quelle von Konflikten: Die einen wollen ihn für die Gewinnung von Rohstoffen ausbeuten, die anderen für den Anbau von Kokapflanzen nutzen.


Was hat
dich an den Menschen besonders beeindruckt, die an den von Fastenaktion unterstützten Projekten teilnehmen?

Ihre Entschlossenheit und ihr Enthusiasmus. Umso mehr sie durch den Entscheid für ein anderes Leben hohem psychologischen Druck ausgesetzt sind, wo doch alle um sie herum weiterhin Koka anbauen. Doch der Ansatz von Fastenaktion dort verändert ihr Leben wirklich zum Besseren. Inzwischen können die Projektteilnehmenden viele selbst produzierte Lebensmittel wie Kaffee oder Papayas für sich nutzen. 

Zwei Begünstigte aus einem Projekt in Kolumbien zeigen zufrieden ihren Garten.
Während der Projektreise besuchte Daria Lepori Begünstigte der Projekte.

Wie wirkt sich das Projekt sonst noch auf das Leben der Beteiligten aus?

Sie lernen, einen kritischen Blick auf das zu werfen, was bisher getan wurde, und erkennen die positiven Auswirkungen einer anderen Landwirtschaft für die Menschen und die Umwelt. Ein junger Landwirt berichtete, dass sich dank der agrarökologischen Landwirtschaft nicht nur seine Ernteerträge erhöht haben, sondern sich durch die gesündere Ernährung auch der Gesundheitszustand seines kranken Vaters verbessert hat. Die Menschen lernen zudem, mit weniger Holz zu kochen und Fische in Teichen zu züchten, die mit Hilfe solarbetriebener Pumpen mit Wasser aus nahegelegenen Bächen gespeist werden. Dies bereichert einerseits ihre Ernährung, andererseits können sie die Fische, die sich nicht selbst essen, auf dem Markt verkaufen, so dass sie ein kleines Einkommen haben. Und die Fische werden in solarbetriebenen Kühlschränken gelagert.


Gibt es etwas, das dich besonders beeindruckt hat?

Was ich überall besonders stark wahrgenommen habe, ist die Einheit zwischen Menschen, Land und Umwelt – wenn man so will der Ort, an dem sich Mensch und Gott treffen. Man kann die Mutter Erde wirklich wahrnehmen, die zum Beispiel den Kaffee nährt und produziert, den ich seit Jahren trinke und nie habe wachsen sehen. Allerdings sind mir bei den Besuchen anderer Projekte auch die tiefen Wunden aufgefallen, die die Jahre des Bürgerkriegs bei der Bevölkerung hinterlassen haben, mit Zwangsumsiedlungen, Morden und dem Verschwinden von Menschen.

Fastenaktion setzt sich in Kolumbien für das Recht auf Nahrung der Bevölkerung ein. Eine nachhaltige Landwirtschaft spielt dabei eine zentrale Rolle. Erfahren Sie hier mehr über das Landesprogramm in Kolumbien.

Ein Fischteich, der im Rahmen eines Fastenaktion-Projekts entstanden ist und die Ernährungssicherheit erhöht.
In den Projekten werden unter anderem Fischteiche angelegt, die Ernährungssicherheit schaffen.

Unterstützen Sie die Menschen in Kolumbien in ihrem Recht auf Nahrung

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Über 40 Prozent der weltweiten Reisexporte stammen aus Indien. Das von der Regierung im Juli verhängte Reisausfuhrverbot macht die Situation für arme Länder wie Nepal oder Senegal noch prekärer. Sie litten schon zuvor unter stark gestiegenen Preisen für Grundnahrungsmittel. 

Wegen verspätetem oder zu heftigem Monsunregen erwartet Indien dieses Jahr eine schlechte Reiseernte. Die Regierung hat deshalb am 20. Juli beschlossen, bestimmte Reissorten nicht mehr zu exportieren, um die schon zuvor gestiegenen Preise im Land zu stabilisieren. Der Entscheid ist vor allem innenpolitisch begründet, um die vielen Armen wohlwollend zu stimmen, die bei den anstehenden Wahlen 2024 eine wichtige Rolle spielen. 

Reispreise nun noch höher 

Reis ist ein Grundnahrungsmittel für mehr als drei Milliarden Menschen. 2022 exportierte Indien über zehn Millionen Tonnen von den vom Ausfuhrverbot betroffenen Reissorten – insbesondere an afrikanische Länder wie Benin, Senegal, Elfenbeinküste und Togo, aber auch an Nachbarstaaten wie China, Bangladesch oder Nepal. Für die ärmere Bevölkerung dieser Länder, die wegen unberechenbaren Wetterextremen und dem russischen Angriff auf die Ukraine ohnehin schon mit höheren Preisen für Grundnahrungsmittel konfrontiert ist, wird die Lage nun noch prekärer. 

Nepal etwa ist nach Benin der zweitgrösste Importeur dieser indischen Reissorten und leidet dieses Jahr zudem wegen unzuverlässiger Regenfälle unter Ernteausfällen – die Reispreise sind deswegen bereits gestiegen.

Eine trägt einen 30 Kilogramm schweren Reisbeutel auf ihrer Schulter.
Nepal ist stark vom Import indischer Reissorten abhängig.

Hoffnung kommt auf 

«Es zeichnet sich jedoch ab, dass sich Nepal durch Verhandlungen mit Indien mindestens einen Teil der üblichen Exporte auch für dieses Jahr sichern kann», sagt Samrat Katwal, der die Ernährungsprojekte von Fastenaktion in Nepal koordiniert. Somit bestehe Hoffnung, dass das Exportverbot die Lage nicht allzu sehr verschärfe. 

Dennoch bleibt die Ernährungssituation für viele Menschen in ärmeren Verhältnissen schwierig. «Bei höheren Preisen müssen sie sich weiter verschulden und verstärken so ihre Abhängigkeit. Dies stützt die bestehenden Machtstrukturen, die die Schwächsten der Gesellschaft in einem Teufelskreis der Armut gefangen halten.» 

Agrarökologie ist Teil der Lösung 

Dagegen hilft unter anderem eine Umstellung der Landwirtschaft nach den Grundlagen der Agrarökologie, wie sie Fastenaktion in Nepal, Senegal und weiteren Projektländern unterstützt. Dabei handelt es sich um eine lokal angepasste und umweltschonende Landwirtschaft, die zudem die Widerstandskraft gegenüber den Folgen der Klimaerwärmung erhöht. «Mögliche Antworten auf diese schwierigen Zeiten finden sich in traditionellen landwirtschaftlichen Praktiken», sagt Samrat Katwal. «In den Weisheiten der Ahnen liegt grosses Potenzial, heutige Probleme anzugehen.»  

Die Partnerorganisationen von Fastenaktion in Asien, Afrika und Lateinamerika setzen sich für agrarökologische Ansätze ein. Erfahren Sie hier mehr über das Thema.

Ein agrarökologisches Feld in einem nepalesischen Dorf.
Fastenaktion setzt in Projekten auf eine lokal angepasste und umweltschonende Landwirtschaft, um den Hunger langfristig zu vermindern.

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Dank der Arbeit von Justiça nos Trilhos, einer Partnerorganisation von Fastenaktion, hat die Gemeinde Itapecuru-Mirim im Juni 2023 ein neues Gesetz verabschiedet. Das Gesetz ermöglicht eine soziale und transparente Kontrolle über die Steuereinnahmen aus dem Bergbau. Eine Premiere in diesem Land, die noch weitere Nachahmer finden könnte.

François Mercier, Fachverantwortlicher für Rohstoffe und Menschenrechte

Seit Jahren prangert Justiça nos Trilhos – was so viel wie „Gerechtigkeit auf Schienen“ bedeutet, mit Unterstützung von Fastenaktion, die Auswirkungen der weltgrößten Eisenerzmine in Carajás im brasilianischen Amazonasgebiet an. Um das Eisenerz von dieser Mine zum nächstgelegenen Hafen in São Luís zu transportieren, wurde eine fast 900 km lange Eisenbahnstrecke gebaut. Tag und Nacht fahren 48 Züge mit je 330 Waggons durch die Ortschaften an der Zugstrecke – 15 Minuten dauert es, bis ein Zug vorbei ist. Die Menschen in den Dörfern leiden unter dem Lärm und den regelmässigen Unfällen verursacht durch die Züge. Vom enormen Profit der Mine fliesst aber kaum etwas in die betroffenen Dörfer an der Zugstrecken.

Tricks zur Steuervermeidung

Im Juli 2022 prangerte Justiça nos Trilhos insbesondere die Steuertricks des Minenbetreibers VALE an. Ihre mit unserer Unterstützung durchgeführte Studie konnte zeigen, dass die Eisenexporte systematisch unterfakturiert werden, indem sie sich auf in der Schweiz situierte Tochtergesellschaften stützen.

Das brasilianische Gesetz sieht vor, dass die mit dem Eisenabbau verbundenen Steuern zwischen der nationalen Regierung, dem betroffenen Bundesstaat und den betroffenen Gemeinden aufgeteilt werden. Letztere haben jedoch aufgrund der vom Unternehmen praktizierten Steuervermeidung, aber auch aufgrund der intransparenten Gemeindeverwaltung und der Korruption bislang nur wenig oder gar nicht davon profitiert.

Steuergewinn aus dem Bergbau kommt nun der Bevölkerung zugute

Die betroffenen Gemeinden sind größtenteils arm und mittellos. Justiça nos Trilhos hat mit vielen Gemeinden und der Bevölkerung Gespräche über die Nutzung dieser Steuergelder und der Ressourcen aufgenommen. Am 1. Juni 2023 verabschiedete die Gemeinde Itapecuru-Mirim das Gesetz 1601/2023. Es ermöglicht die Einrichtung eines Komitees mit Bürgerbeteiligung für die Verwaltung der Steuereinnahmen aus dem Bergbau. Dank diesem Gesetz können 50 Prozent der Steuergelder aus dem Bergbau direkt für die nachhaltige Entwicklung der am stärksten betroffenen Dörfer eingesetzt werden. Gespräche mit anderen Gemeinden über ähnliche Projekte sind am Laufen.

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Zahlreiche südafrikanische Bäuerinnen und Bauern arbeiten in lokalen und nationalen Netzwerken zum Ansatz der Agrarökologie, um der Klimaerhitzung zu entgegnen. In der Landwirtschaftspolitik der Regierung kommt sie bisher nicht vor. Ist die Agrarökologie der richtige Weg hin zu einem sozialgerechten und klimaschonenden Landwirtschaftsmodell? Dieser Frage geht eine Studie von Fastenaktion nach. Sie zeigt auf, was es braucht, um agrarökologische Initiativen in Südafrika zu stärken und eine nationale Strategie zur Agrarökologie in der Landwirtschaftspolitik zu verankern.

Ein Kommentar von Claudia Fuhrer, Verantwortliche Ernährungsgerechtigkeit / Recht auf Nahrung bei Fastenaktion

Viele lokale und nationale Netzwerke von Bäuerinnen und Bauern sowie Nichtregierungsorganisationen sehen in der Agrarökologie eine Alternative zur industriellen Landwirtschaft: Sie gebietet der Klimaerhitzung Einhalt und respektiert bäuerliche Rechte. Die Studie von Fastenaktion hat die Stärken und Schwächen der agrarökologischen Bestrebungen in Südafrika analysiert. Sie stützt sich auf Interviews und Feldbesuche mit 35 Organisationen sowie Netzwerken. 

Agrarökologie ist eine Alternative 

Die Studie kommt zum Schluss, dass agrarökologische Initiativen als Grundlage für Alternativen zur industriellen Landwirtschaft dienen können und das Recht auf Nahrung fördern. Damit sich die Agrarökologie in Südafrika in diese Richtung weiterentwickelt, braucht es eine gute Koordination, Stärkung und Vernetzung der agrarökologischen Initiativen sowie eine gemeinsame Strategie zur Beeinflussung der nationalen Landwirtschaftspolitik. Insbesondere bedarf es finanzieller Mittel vonseiten des Staates zur Unterstützung der bestehenden Initiativen.   

Herausforderungen bleiben

Die Studie zeigt auch Schwächen in der Umsetzung von Agrarökologie in Südafrika. Die agrarökologischen Initiativen sind bis anhin zersplittert, und es gibt noch kein einheitliches Verständnis zu Agrarökologie. Involvierte Bäuerinnen und Bauern sind hauptsächlich Kleinstproduzierende mit Hausgärten und kleinen Feldern. In der Regel sind es ältere Frauen, die in der Gesellschaft an den Rand gedrängt werden. Sie sind konfrontiert mit der vorherrschenden industriellen Landwirtschaft 

Die Studie finden Sie hier auf Englisch.

Die Partnerorganisationen von Fastenaktion in Asien, Afrika und Lateinamerika setzen sich für agrarökologische Ansätze ein. Erfahren Sie hier mehr über das Thema.

Agrarökologie ist lokal angepasste und umweltschonende Landwirtschaft. In unseren Projekten ist dieser Ansatz zentral, um den Hunger zu vermindern.

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Agrarökologie ist lokal angepasste und umweltschonende Landwirtschaft. In den Projektländern von Fastenaktion ist dieser Ansatz zentral, um Ernährungssicherheit und Selbstbestimmung zu erreichen.

Ein Text von Christa Suter, Fachverantwortliche für Agrarökologie bei Fastenaktion

Die negativen Auswirkungen der konventionellen Landwirtschaft auf Umwelt und Klima nehmen unübersehbar zu. Klimaerwärmung, Kriege, Rohstoffspekulationen und die Beeinträchtigung internationaler Handelsketten gefährden die Verfügbarkeit von gesunden und bezahlbaren Nahrungsmitteln im globalen Süden. Mit dem sorgsamen Umgang und dem Erhalt des Bodens und durch die Förderung von Biodiversität liefert Agrarökologie einen wichtigen Beitrag zu einem nachhaltigeren Anbausystem. Nicht nur, dass sich Pflanzen, Tiere, Menschen und Umwelt gegenseitig stützen, auch das Ernährungssystem wird gerechter, da die Menschen selbst entscheiden können, wie sie produzieren und was sie essen. Die Produktion von gesunden Lebensmitteln, welche die Bodenfruchtbarkeit bewahrt und aufbaut, die biologische Vielfalt von Saatgut und Tieren erhalten und weiterentwickeln, und der schonende Umgang mit Wasser stehen im Zentrum der Agrarökologie.

Agrarökologie ist gleichzeitig eine Wissenschaft, eine Sammlung von nachhaltigen landwirtschaftlichen Praktiken sowie eine soziale Bewegung für mehr Ernährungssouveränität. Sie hat sich in den letzten Jahrzehnten stetig weiterentwickelt. Sie konzentriert sich nicht nur auf Äcker und landwirtschaftliche Betriebe, sondern umfasst Empfehlungen für das gesamte Ernährungssystem, vom Feld bis zum Teller – und für alles, was sich dazwischen abspielt.

Menschen und nicht Konzerne oder Handelsabkommen sollen entscheiden, wie und wo sie ihre Nahrungsmittel produzieren und was auf den Teller kommt. Agrarökologie kann die Klimaerhitzung nicht verhindern. Doch sie kann Möglichkeiten aufzeigen, wie sich Bäuerinnen und Bauern an die zu erwartenden Auswirkungen anpassen können.

Die Solidaritätsgruppe in der kenianischen Region Mochongoi unterstützt sich bei der Feldarbeit.

Ein Zusammenspiel von vier Dimensionen

Die ökologische Dimension der Agrarökologie ist von zentraler Bedeutung: Dabei geht es um den Aufbau von fruchtbaren Böden, den Schutz vor Erosion und die Förderung der Artenvielfalt. Hochgiftige Pestizide und synthetische Dünger werden vermieden und durch umweltschonende Methoden ersetzt. Um besser auf die Klimaveränderungen und ihre Auswirkungen vorbereitet zu sein, wird bewusst auf lokales Saatgut geachtet.

Auf der sozialen Ebene ist das traditionelle Wissen von grosser Bedeutung für eine gerechte und selbstbestimmte Landwirtschaft. Solidaritätsgruppen und die Ausbildung von Frauen stärken die Gemeinschaftsbildung. Frauen spielen eine zentrale Rolle in der Landwirtschaft und in der Ernährung, da sie oft viel Feldarbeit leisten oder bäuerliches Saatgut erhalten und vermehren, die Mahlzeiten zubereiten und die Ernten auf dem Markt verkaufen.

Auf ökonomischer Ebene stärken agrarökologische Ansätze die lokalen Kreisläufe, indem auf eine regionale und saisonale Landwirtschaft und Nahrungsmittel gesetzt wird. Lebensmittel werden für den lokalen Markt hergestellt, Saatgut sowie ökologische Dünge- und Pflanzenschutzmittel werden vor Ort hergestellt. Es wird bewusst darauf geachtet, dass die angebauten Produkte vielfältig und Nahrungsmittel möglichst ganzjährig geerntet werden können, damit verschiedene Einkommensquellen die Familien stärken. Die politische Mitbestimmung und Beteiligung der Produzent:innen und Mitarbeiter:innen in der Landwirtschaft und in der Lebensmittelverarbeitung wurde 2018 in der Uno-Erklärung über die Rechte der Bäuerinnen und Bauern und Personen im ländlichen Raum (UNDROP) festgehalten. Diese Rechte erlauben es, Ernährungssouveränität, das Recht auf Nahrung und die Kontrolle über Land und Saatgut auch tatsächlich einzufordern.

Konkrete Veränderungen

Die Landwirtschaft ist ein wichtiger Treiber der Klimakrise – und gleichzeitig sehr stark von Klimaerhitzung betroffen. Konkrete Veränderungen sind notwendig. Direkte und indirekte Subventionen für die industrielle Landwirtschaft, die einen nicht nachhaltigen Anbau fördert, müssen gestoppt werden. Der Gebrauch chemischer Düngemittel und Pestizide muss drastisch sinken. Und statt grossflächiger Plantagenproduktion braucht es vielfältige, kleinräumig strukturierte Bauernbetriebe und Zugang zu Land, gerade auch für Frauen im globalen Süden.

Die Partnerorganisationen von Fastenaktion in Asien, Afrika und Lateinamerika setzen sich sowohl auf praktischer wie auch auf politischer Ebene für die Stärkung und die Ausweitung agrarökologischer Ansätze ein. Sie fördern und fordern den Zugang zu Ressourcen wie Land, Saatgut und Wasser. Zudem verlangen sie Schutz und Sicherheit der Menschenrechtsaktivist:innen, die für die Rechte der Bäuerinnen und Bauern einstehen.

Lauchsetzlinge werden sorgfältig und mit genügend Abstand eingepflanzt.

Im Rahmen der Ökumenischen Kampagne 2023 legen Fastenaktion und HEKS den Fokus auf das Thema Agrarökologie. Mehr über die Kampagne erfahren Sie hier. 

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Industrielle Landwirtschaft ist der Klimakrise nicht gewachsen, zerstört aber die Umwelt. Agrarökologische Anbaumethoden verbessern die Ernährungssituation und können die Folgen der Klimaerhitzung stärker abfedern.

Bis zu 828 Millionen Menschen haben weltweit nicht genügend zu essen. Das sind fast 10 Prozent der Weltbevölkerung. Das bedeutet: jeder 5. Mensch in Afrika, jeder 10. in Asien, jeder 12. in Lateinamerika. In Nordamerika und Europa sind es jeweils rund 2 Prozent der Bevölkerung. (Quelle: FAO Food Security and Nutrition in the World 2022)

1/3 der weltweit für Menschen produzierten Lebensmittel wird entweder verschwendet oder geht verloren.

10 Prozent mehr Frauen als Männer litten im Jahr 2020 unter Hunger. (Quelle: FAO, IFAD, UNICEF, WFP, WHO: The State of Food Security and Nutrition in the World 2022)

Wo mehrere agrarökologische Massnahmen angewendet werden, sinkt das Risiko einer Mangelernährung um 22 Prozent. (Sufosec Ernährungsbericht 2022)

Das können wir tun

  • Wollen wir bei unserer Ernährung etwas ändern, erreichen wir dies am besten, wenn wir uns überschaubare Ziele setzen.
  • Saisonal, regional und fair zum Beispiel in einem Hoflädeli oder auf dem lokalen Markt einkaufen. hoflädeli.ch
  • Was in der Ernährungspyramide ganz unten zu finden ist, ist für das Klima am besten.
  • Verpackungsarme Lebensmittel bevorzugen und Verpackungen recyceln.
  • Einen Selbstversuch wagen: während einer Woche nur Lebensmittel kaufen und konsumieren, die im Umkreis von 50 Kilometern produziert wurden.
  • Und steht ein Garten zur Verfügung: warum nicht Wildobststräucher, einheimisches Gemüse und Blühstauden anpflanzen?

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Pierre-Gilles Sthioul und Antoine Meier haben ihre Jobs aufgegeben, um sich voll und ganz in Praz Bonjour, einem landwirtschaftlichen Betrieb mit agrarökologischem Gemüseanbau in Blonay (VD), einzubringen.

Das zweieinhalb Hektar grosse Grundstück, das Pierre-Gilles und Antoine seit zwei Jahren bewirtschafteten, befindet sich in Stadtnähe, weniger als fünf Kilometer von Vevey entfernt direkt über dem Genfersee. Durch den Anbau von Gemüse, Obstbäumen und einigen Reben bieten sie eine vielfältige und qualitativ hochwertige regionale Nahrung, die in einem umweltfreundlichen System produziert wird. Anbau und Verarbeitung verursachen nur wenig CO2-Emissionen. Ihr Ziel ist es, die lokale Ernährungssouveränität auch in der Schweiz zu fördern. Sie liefern ihre Produkte an ein Dutzend Restaurants in der Region. Privatpersonen können sich vor Ort beim Betrieb selbst bedienen oder im kürzlich eröffneten Laden in Vevey einkaufen. Demnächst wollen sie auch Gemüsekörbe mit dem Fahrrad ausliefern.

Eine berufliche Veränderung

Die Eltern von Pierre-Gilles führten ein Restaurant, er selber war zehn Jahre Koch, bevor er Politikwissenschaften studierte. Schliesslich wurde er Koordinator der Ökumenischen Kampagne von Fastenopfer und Brot für alle [heute Fastenaktion und HEKS, Anm. d. Red.] in der Westschweiz. Im Frühjahr 2020 führte der Lockdown dazu, dass sämtliche Veranstaltungen für die damalige Kampagne zum Recht auf Saatgut abgesagt wurden. «Die Arbeit eines ganzen Jahres fiel ins Wasser! Da begann ich vieles infrage zu stellen», erinnert er sich. Mitten in dieser seltsamen Zeit erhielten Pierre-Gilles und Antoine das Land über dem Genfersee angeboten. Dank dem andauernd schönen Wetter und weil nichts weiter zu tun war, nutzten die beiden die Zeit, um im Freien zu arbeiten. Nach und nach wurde Pierre-Gilles klar, dass er künftig als Bauer arbeiten wollte. «Ich realisierte, dass ich genau das in meinem Leben machen wollte, auch wenn mein Einkommen um die Hälfte reduziert werden würde.»

Agrarökologie als Antwort auf die Herausforderungen des Klimawandels

Als die beiden im Jahr 2021 ganz offiziell ihre Tätigkeit auf der Praz Bonjour aufnahmen, wiesen starke Regenfälle, Kälte und Spätfrost bereits auf eine katastrophale Saison im Gemüseanbau hin. Im Jahr darauf wurde die grosse Hitzewelle im Sommer von einer Trockenperiode begleitet. Auch wenn das Klima in unseren Breitengraden eher mild ist, sind sich die Fachleute in der Landwirtschaft einig: Extreme Wetterereignisse sind heute die Norm, und wir müssen uns darauf einstellen. Hier zeigen sich die Vorteile der agrarökologischen Anbaumethoden – auch auf dem Hof der Jungbauern – während der sommerlichen Hitzewelle 2022. Denn der Wald entlang der Wiese in Praz Bonjour sorgte dafür, dass die Feuchtigkeit auf den Feldern so hoch blieb, dass fast nicht gegossen werden musste. Um zu verhindern, dass die Setzlinge austrocknen, installierten Pierre-Gilles und Antoine zudem Schattenspender, die sie aus Ästen und Laub bauten, die sie auf dem Betrieb gesammelt hatten. Pierre-Gilles ist überzeugt: «Die Agrarökologie ist die Methode, die es uns ermöglicht, mit den zunehmend schwierigen klimatischen Bedingungen umzugehen und auch dann noch Nahrungsmittel zu produzieren, wenn die industriellen Nahrungsmittelsysteme versagen.» Der von ihnen gewählte Ansatz gibt den beiden Bauern recht. Nicht nur konnten sie mit den agrarökologischen Anbaumethoden, die klimatisch schwierigen Jahre 2021/2022 überstehen. Sie leben auch ihren Traum einer in allen Belangen nachhaltigen Landwirtschaft.

Weitere Informationen: www.praz-bonjour.ch

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Auf dem Feld von Phylis Mumbi Kamau wachsen Obstbäume und verschiedene Gemüsesorten in schönster Eintracht nebeneinander. Die Pflanzen unterstützen sich gegenseitig und trotzen der zunehmenden Dürre.

«Früher haben wir nur Mais und Bohnen angebaut, und wenn die Dürre kam, hatten wir wenig bis gar nichts mehr zu essen.» Das erzählt Phylis Mumbi Kamau, die seit einigen Jahren im Projekt der Fastenaktion-Partnerorganisation Caritas Nyahururu mitarbeitet. Sie lebt, zusammen mit ihrem Mann und den vier Söhnen, im Dorf Mithuri Laikipia County, im Hochland von Kenia. Die Nächte sind kalt, und eigentlich gilt das Land als fruchtbar. Doch seit sich die Folgen der Klimaveränderung immer stärker auswirken, fallen die Regenzeiten teilweise ganz aus oder sind nur kurz. Für die Menschen in der Region um Nyahururu, die sich auf Ackerbau und Viehzucht spezialisiert haben, eine bedrohliche Situation. Denn nebst der Klimaveränderung führen auch Überweidung und weitverbreitete Abholzung zu immer mehr Trockenheit. Ernteausfälle sind die Folge, und das Vieh findet kein Futter mehr. Abhängigkeit von teurem Hybridsaatgut und Kunstdünger sowie Ausbeutung durch Wucherer treiben die Bäuerinnen und Bauern schnell einmal in die Verschuldung. Doch die Partnerorganisation von Fastenaktion geht die Ursachen der Probleme von Grund auf an. So werden in einem ersten Schritt die Menschen ermuntert, sich in Gruppen zusammenzuschliessen, denn so können sie ihre Probleme gemeinsam angehen.

Auch Phylis Mumbi Kamau hat sich organisiert. «Ich gehöre zu einer Gruppe mit dem Namen Mithuri-Jugendgruppe. Jede von uns bewirtschaftet ihr eigenes Feld, auf dem sie die unterschiedlichsten Pflanzen anbaut. Wir ziehen und tauschen Setzlinge, manchmal werden sie uns auch zur Verfügung gestellt.»

Vielfalt auf gesunden Böden

Die lokalen Animator:innen bilden die Menschen in Bodenschutz- und Anbaumethoden nach den Prinzipien der Agrarökologie aus. Dank Erosionsschutz, gesünderen Böden und gepflanzten Obst und Nutzbäumen kann der Boden Regenwasser besser speichern, wird fruchtbarer, und die Setzlinge gedeihen besser. Durch die gemeinsame Arbeit auf den Feldern können die Menschen ihr Wissen austauschen. Phylis pflanzt Mangos, Passionsfrüchte und Grünkohl, Kürbisse, Süsskartoffeln und Maniok an. Auch ihr ältester Sohn Joseph hilft auf dem Feld regelmässig mit. Er hat sich auf die Veredelung von Pflanzen spezialisiert. So können die Obstbäume trotz zunehmender Dürre weiterwachsen. Joseph gefällt die Landwirtschaft, doch sein Berufswunsch ist Ingenieur. «Weil», wie er sagt, «Ingenieure Dinge normalerweise von Grund auf neu erschaffen. Das kommt dem nahe, was wir hier auf dem Feld machen.»

Der älteste Sohn Joseph beim Veredeln einer Pflanze.

Für das Schulgeld bleibt genügend übrig

Die Tage der Bäuerin und Mutter sind streng. Um 5.45 Uhr steht sie auf, spricht ihr Morgengebet und macht dann Feuer, um den Tee für die ganze Familie zu kochen. Wenn die Kinder ihr Frühstück beendet haben, gehen die drei älteren zur Schule, der Jüngste bleibt noch zu Hause, gerne auch bei den Grosseltern, die ganz in der Nähe wohnen. Phylis fegt das Haus, füttert die Hühner, melkt die Kühe und bringt sie danach auf die Weide. Anschliessend geht sie mit ihrem Mann zum Feld. «Ich geniesse es, zu sehen, dass alles, was ich angepflanzt habe, gut gedeiht. Ich bin einfach gerne auf dem Feld.»

Die Arbeit im Projekt hat das Leben der ganzen Familie Kamau verändert. «Ich hätte nie im Leben daran gedacht, Obstbäume zu pflanzen. Doch dank der Unterstützung der Koordinator:innen und zusammen mit meiner Gruppe habe ich es gewagt. Mittlerweile kaufe ich keine Früchte mehr. Ich hole sie einfach auf meinem Feld und gebe sie meinen Kindern zu essen. Ich habe sogar so viel Überschuss, dass ich ihn an einige meiner Nachbarinnen verteile, die nicht am Programm teilnehmen. Ich verwende auf meinem Hof keine chemischen Düngemittel mehr. Ich benutze natürliche Mittel, um Schädlinge zu vertreiben. Das hat die Qualität der Lebensmittel, die wir essen, verbessert und die Krankheiten, die wir früher hatten, drastisch reduziert. Zudem ernte ich so viele Früchte, dass ich sie zusätzlich noch auf dem Markt verkaufen kann. Mit dem Geld, das ich damit verdiene, bezahle ich das Schulgeld meiner Kinder und kaufe nur noch wenige Dinge, die ich für den Haushalt brauche. Mein Lebensmittelbudget ist nicht mehr sehr hoch, denn das meiste kommt aus meinem Garten.»

Zurück vom Feld gibt es erst einmal Tee und eine kleine Pause.

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