Sie stärken nicht nur dörfliche Gemeinschaften, vermindern Schulden und verbessern die Ernährungssituation – laut zwei Studien haben die Solidaritätsgruppen im Senegal auch eine friedensfördernde Wirkung. Vor allem, weil sie die soziale Stabilität der Gemeinschaften erhöhen.

Ein Text von Ralf Kaminski, Redaktor bei Fastenaktion 

Eine Kalebasse ist ein hübsch dekoriertes traditionelles Gefäss, hergestellt aus einem ausgehöhlten Kürbis. Es steht im Zentrum, wenn sich die senegalesischen Solidaritätsgruppen einmal pro Woche versammeln – darum werden sie auch Solidaritätskalebassen genannt. Die Frauen bilden einen Kreis um die Schale, über der ein Tuch liegt. Dann legen alle nacheinander im Rahmen ihrer Möglichkeiten Münzen oder Scheine in die Kalebasse, verdeckt unter dem Tuch, so dass niemand sieht, wer wieviel hineinlegt. Wer nichts hat, kann auch einen Kiesel reinwerfen, damit es trotzdem klimpert. 

Ursprünglich ging es darum, gemeinsam zu sparen, doch Solidaritätsgruppen legen nicht nur Geld für schlechte Zeiten zurück, sie investieren und organisieren gemeinsam Einkäufe. Ihre Mitglieder helfen sich gegenseitig, so dass sie sich nicht mehr verschulden müssen. All das wirkt sich auch positiv auf die Ernährungssituation und die Einschulungsrate aus.

 

Wohlergehen und Stabilität führt zu mehr Frieden

Inzwischen gibt es über 2200 solcher Kalebassen im ganzen Land, mit mehr als 73’000 Mitgliedern, die grosse Mehrheit von ihnen Frauen. Rund 730’000 Personen profitieren von den positiven Effekten der Solidaritätsgruppen, dies entspricht etwa 4 Prozent der Bevölkerung – viele von ihnen die Ärmsten der Armen. Und zu diesen Effekten gehört nicht nur Abbau von Ungleichheiten, die Stärkung der Gemeinschaften und ihrer Wirtschaftskraft, sondern auch die Förderung des Friedens. Dies ergaben zwei Studien, die 2023 im Senegal durchgeführt und von der Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) mitfinanziert wurden. 

«Die Kalebassen haben eine friedensstiftende Wirkung auf die breitere Gemeinschaft», heisst es in der Studie der Schweizerischen Friedensstiftung Swisspeace in Basel. Dies geschehe «durch die Förderung von Werten wie Zusammenhalt, Solidarität und gegenseitiger Hilfe bei gleichzeitiger Deckung der Grundbedürfnisse». Praktisch jeder Aspekt des Lebens werde durch die Beteiligung an einer Solidaritätsgruppe bereichert. Dies verbessere «das persönliche Wohlergehen, den materiellen Komfort und die psychologische Entlastung». All das führt zu einer besseren sozialen Stabilität und hat eine friedensstiftende Wirkung innerhalb von Familien und Gemeinschaften. 

Eine senegalesische Solidaritätsgruppe hält ein Treffen ab.

Frauen als «soziale Friedensstifterinnen» 

Die zweite Studie, die eine senegalesische Sozialökonomin im Auftrag von AgriBio verfasst hat, einer Partnerorganisation von Fastenaktion, kommt zum gleichen Schluss: Die Solidaritätskalebassen wirken sich insbesondere positiv auf die zwischenmenschlichen Beziehungen innerhalb von Familien und Gemeinschaften aus. Ausserdem arbeiten ihre Mitglieder mit traditionellen und religiösen Autoritäten zusammen, um Konflikte zu lösen. Die Frauen seien geradezu «soziale Friedensstifterinnen», schreibt die Autorin. «Die Kalebassen sind ein mächtiger Hebel, den es in Krisenzeiten zu stärken, zu bewahren und zu aktivieren gilt.» 

Allerdings haben die friedvollen Effekte der Solidaritätsgruppen auch ihre Grenzen, wie Swisspeace festhält: «Fragen der staatlichen Politik oder der nationalen Sicherheit liegen ausserhalb ihrer Möglichkeiten.» Aber in einer Region, die immer wieder von bewaffneten Konflikten, Bürgerkriegen oder Terrorismus erschüttert wird, sind alle Initiativen wertvoll, die Gemeinschaften stärken und den Frieden unter ihnen fördern.

Studie Swisspeace

Studie AgriBio

Die Mitglieder der Solidaritätsgruppen arbeiten mit traditionellen und religiösen Autoritäten zusammen, um Konflikte zu lösen.

Unterstützen Sie unseren Einsatz für eine gerechte Welt ohne Hunger

Wählen Sie hier den Betrag, den Sie spenden möchten

Diese Website verwendet Cookies, die die Funktionalität der Website ermöglichen. Sie helfen uns dabei, die Interessen unserer Nutzer:innen zu analysieren. Damit optimieren wir für Sie unserer Inhalte und Ihre Spendenmöglichkeiten. Die gesammelten Daten werden weder durch uns noch durch unsere Partner verwendet, um Sie zu identifizieren oder zu kontaktieren. Mehr erfahren

Das Aktionsforum von Fastenaktion, das dieses Jahr im Luzerner Neubad stattfand, stand ganz im Zeichen des kniffligen Umgangs mit Macht. Neben diversen Workshops gab es mehrere Referate sowie Panel-Diskussionen über Erfahrungen aus der praktischen Arbeit unserer Koordinator:innen im Globalen Süden, die in dieser Woche zu Gast in der Schweiz waren.

Ein Text von Ralf Kaminski, Redaktor bei Fastenaktion 

An UN-Klimakonferenzen kommen jeweils die Nationen der Welt zusammen, um in zähen Verhandlungen kleine Fortschritte zu erzielen. Wie sehr dabei auch Machtungleichgewichte eine Rolle spielen, illustrierte Bettina Dürr in ihrem Workshop am zweiten Aktionsforum von Fastenaktion. Unsere Klimaexpertin, die schon an zahlreichen solchen Konferenzen mitdiskutiert hat, machte die Teilnehmenden in einem Rollenspiel zu den Verhandlungsdelegationen der USA, Chinas, Saudi-Arabiens, Vanuatus oder der Schweiz. Und liess sie dabei aushandeln, ob sie bereit wären, ihre eigenen Emissionen zu senken oder mehr Geld im Kampf gegen die Klimaerwärmung zu investieren.  

Schon bald sah man die Delegierte der vom Untergang bedrohten Südseeinsel Vanuatu bei der reichen Schweiz um Geld betteln, während die grosse US-Delegation mal schnell die zwei Vertreter Saudi-Arabiens zur Seite schob, um mit den mächtigen Chinesen zu verhandeln. Das Rollenspiel erwies sich nicht nur als äusserst unterhaltsam, sondern als sehr erhellend: Es steht längst nicht für alle Länder gleich viel auf dem Spiel – und die, die viel zu verlieren haben, sind oft weniger einflussreich als andere bei den Verhandlungen.

 

Den Benachteiligten eine Stimme geben 

Denn die geopolitische Macht ist stark an die Wirtschaftskraft eines Landes gekoppelt. «Zudem werden Frauen, junge Leute und Indigene oft weniger ernst genommen», erklärte Bettina Dürr. «Deshalb versuchen wir als Fastenaktion, besonders ihnen an solchen Konferenzen Raum zu schaffen.» 

Im Workshop nebenan erklärte derweil Ajoy Kumar, wie genau er gemeinsam mit Partnerorganisationen vorgeht, um marginalisierten Gemeinschaften zu mehr Selbstbewusstsein und Handlungsspielraum zu verhelfen. Der Koordinator von Fastenaktion in Indien bringt rund 40 Jahre Erfahrung in der Entwicklungszusammenarbeit mit und hat in dieser langen Zeit viele erfreuliche Fortschritte erlebt. «Die Macht ist heute weniger ungleich verteilt als früher.  

Geholfen hat dabei, dass die indische Regierung sich selbst zum Ziel gesetzt hat, die Entwicklungsziele der Agenda 2030 der Vereinten Nationen zu erreichen. «Dies ermöglicht uns Kooperationen mit Behörden und wissenschaftlichen Institutionen, insbesondere bei der Förderung der Agrarökologie.» Gleichzeitig werden mittels erprobter Strategien wie Solidaritätsgruppen und Schulungen die Bildung, die Geschlechtergerechtigkeit und die eigene kulturelle Identität innerhalb der Gemeinschaften gestärkt. «So ist es heute nicht mehr ungewöhnlich, dass weibliche Angehörige benachteiligter Gruppen selbstbewusst mit Behördenvertreter:innen verhandeln», erklärt Ajoy Kumar.

Im Workshop zu Klimagerechtigkeit wechselten die Teilnehmenden die Perspektive, um Machtdynamiken zu erkennen.

Macht im Dienste anderer nutzen 

Im Fokus der Veranstaltung stand die Frage, wie man andere ermächtigen oder Macht begrenzen und abgeben kann. Der Sozialethiker und Theologe Thomas Wallimann zeigte im Einstiegsreferat auf, wie die katholische Soziallehre als nützlichen Wegweiser dafür genutzt werden könnte. «Machtstrukturen sind unvermeidlich, aber das Ziel muss sein, Macht nicht egoistisch zu nutzen, sondern in den Dienst anderer zu stellen, insbesondere der Benachteiligten – und dafür in gemeinsamen Diskussionen gute Wege zu finden.» Tiziana Conti, die Medienverantwortliche von Fastenaktion in der Romandie, illustrierte derweil anhand vieler Beispiele, wie sehr sich die Kommunikation der Entwicklungsorganisationen in den letzten Jahrzehnten verändert hat.

 

Von Elendsbildern zu selbstbewussten Menschen 

Früher wurden mit Elendsbildern von weinenden ausgehungerten Kindern Spenden gesammelt. «Man spielte mit den Emotionen des Publikums, die Würde dieser Menschen spielte keine Rolle, auch die Gründe für das Leid wurden nicht thematisiert», erklärte sie. Dieses offensichtliche Ungleichgewicht der Macht hat sich stark verändert. «Heute stehen bei NGOs Gleichberechtigung und Nachhaltigkeit im Zentrum, entsprechend haben sich auch die Bilder verändert: Sie zeigen selbstbewusste Menschen, die ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen. Und die strukturellen Hintergründe für die Schwierigkeiten im Globalen Süden werden dargestellt und angegangen.» 

Im Rahmenprogramm der Veranstaltung sprach auch Lucrezia Meier-Schatz, die Präsidentin des Stiftungsforums von Fastenaktion. Sie betonte, wie wichtig es ist, anderen auf Augenhöhe zu begegnen. «Respekt, Würde und Vertrauen ist unser Motto gegenüber Partnerorganisationen und den Menschen im Globalen Süden.» Und sie rief die Gäste des Aktionsforums dazu auf, sich gegen die geplanten Kürzungen des Parlaments bei der internationalen Entwicklungszusammenarbeit einzusetzen. «Auch Sie haben Macht! Nutzen Sie sie, wenden Sie sich an Ihre Volksvertreter und helfen Sie mit, dass diese Kürzungen abgelehnt werden.» 

Sprechen Sie sich hier gegen die Kürzungen in der Entwicklungszusammenarbeit aus und lösen Sie Solidaritäts-Alarm aus.

In ihrem Referat zeigte unsere Medienverantwortliche aus der Romandie auf, wie sich die Kommunikation von Organisationen wie Fastenaktion verändert hat.

Unterstützen Sie unseren Einsatz für eine gerechte Welt ohne Hunger

Wählen Sie hier den Betrag, den Sie spenden möchten

Rund 60 Personen aus dem kirchennahen Umfeld haben das erste Aktionsforum von Fastenaktion besucht. Sie erhielten dabei nicht nur viele Einblicke in unsere Arbeit, sondern diskutierten in Workshops fleissig mit – über Strategien gegen den Hunger und die Klimaerwärmung, aber auch über die Beziehung von Fastenaktion zur kriselnden katholischen Kirche.

In den Gängen des Alten Spitals Solothurn herrscht grosses Gewusel und Stimmengewirr. Die Workshops des Aktionsforums von Fastenaktion  sind eben zu Ende gegangen, doch die Diskussionen in der Pause sind so angeregt, dass Lucrezia Meier-Schatz, Präsidentin des Stiftungsforums, mehrmals zur Rückkehr ins Plenum aufrufen muss, für die Schlussrunde mit den Erkenntnissen dieses reichhaltigen Tages.

Er begann mit Referaten zu den Herausforderungen, mit denen Fastenaktion konfrontiert ist. Andreas Missbach von Alliance Sud referierte über den politischen Druck von bürgerlicher Seite auf NGOs nach deren Überraschungserfolg bei der Abstimmung über die Konzernverantwortungsinitiative 2020. «Die Schweiz nimmt ihre Verantwortung nicht wahr», hielt er fest, «weder bei den Unternehmen noch bei der Emissionsreduktion von CO2.» Hinzu komme der Versuch des Bundesrats, die Entwicklungszusammenarbeit auf nur noch 0,36 Prozent des Bruttonationalproduktes zu reduzieren, entgegen dem Uno-Ziel von 0,7 Prozent. Zudem sollen 1,5 Mrd. Franken an die Ukraine gehen, die ursprünglich vor allem für den afrikanischen Kontinent vorgesehen waren.

Der Religionssoziologe Christophe Monnot derweil lobte die Innovationskraft kirchlicher Entwicklungsorganisationen, denen es immer wieder gelinge, die Widerstände der Kirchenbürokratie auszuhebeln und etwas zu bewegen. Aber er präsentierte auch eindrückliche Grafiken über den Rückgang der Kirchenmitgliedschaft in der Schweiz. «Der Trend ist klar: Seit Jahrzehnten ist jede Generation etwas weniger religiös.»

In Workshops wurden lebhafte Diskussionen über Themen geführt, die Fastenaktion beschäftigen.

Spenden aus dem kirchlichen Umfeld reichen nicht mehr

Dies bekommt auch Fastenaktion zu spüren, wie Geschäftsleiter Bernd Nilles ausführte. «Die Frage ist: Bleibt die Kirche dennoch engagiert, oder müssen wir uns vermehrt Unterstützung von anderen Kreisen suchen? » Für die Finanzierung der Projektarbeit reichten die Spenden aus dem kirchlichen Umfeld jedenfalls schon länger nicht mehr. Bischof Felix Gmür, der den Stiftungsrat von Fastenaktion präsidiert, betonte in seiner Rede , dass es Kraft und Mut brauche, Hilfe zu leisten und die Ursachen von Armut zu überwinden. «Doch das funktioniert nur, wenn es von vielen mitgetragen wird.»

In einem der vier Workshops am Nachmittag ging es dann auch um die Frage, wie es mit dem Verhältnis von Fastenaktion zur Kirche weitergehen soll. Ein Teilnehmer aus dem Kanton Luzern erzählte, dass sich in seiner Kirchgemeinde durch den Mitgliederschwund kaum noch jemand finde, der auf Pfarreiseite bereit sei, Fastenaktion im Rahmen der Ökumenischen Kampagne organisatorisch zu unterstützen. Ein Vertreter von Jungwacht/Blauring führte aus, dass die meisten Jungen für unser Engagement zwar zugänglich wären, aber nur wenn wir sie auf ihren Kanälen mit Botschaften ansprechen, die ihren diversen Lebenswelten gerecht werden. «DIE Jugend gibt es nicht», betonte er.

Alle in der Runde plädierten jedenfalls dafür, die Kooperation zwischen Fastenaktion und der Kirche aufrechtzuerhalten, auch weil die Entwicklungsorganisation einen wichtigen Teil der christlichen Werte repräsentiere. «Die Beziehung bleibt für beide Seiten wichtig», resümierte Urs Brosi, Generalsekretär der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz (RKZ) und Co-Moderator des Workshops. «Aber es klingt fast, als ob die Kirche Fastenaktion mehr braucht als umgekehrt.»

Urs Brosi, Generalsekretär der RKZ, im Gespräch mit Workshopteilnehmenden.
Urs Brosi, Generalsekretär der RKZ, resümierte nach einem Austausch: «Es klingt fast, als ob die Kirche Fastenaktion mehr braucht als umgekehrt.»

Diskussionen fliessen in neue Strategie ein

In anderen Workshops wurde ebenso engagiert über die Entwicklungszusammenarbeit, die Agenda 2030 und die Beseitigung des Hungers diskutiert. «Die Erkenntnisse und Impulse des Tages werden wir aufnehmen, reflektieren und in die neue Strategie einfliessen lassen, die derzeit entsteht», hält Lucrezia Meier-Schatz am Ende im Plenum fest. Für sie ist nach diesem Tag klar: «Wir dürfen nicht schweigen, wir müssen unsere Stimme erheben und auf die Probleme aufmerksam machen.»

Geschäftsleiter Bernd Nilles zieht ein positives Fazit dieses ersten Aktionsforums. «Das grosse Engagement und die lebendigen Diskussionen haben mich sehr gefreut.» Und es gebe offensichtlich weiterhin viele in der Kirche, die etwas bewegen wollten. «Das ist eine Chance für uns, denn diese Menschen können gemeinsam mit einer Organisation wie Fastenaktion viel erreichen.»

Das nächste Aktionsforum wird am 6. oder 7. September 2024 stattfinden.

Der Geschäftsleiter von Fastenaktion, Bernd Nilles, blickt zufrieden auf das erste Aktionsforum zurück.

Wie muss sich Entwicklungszusammenarbeit verändern angesichts so vieler globaler Krisen? Am 10. November lädt Fastenaktion erstmals zu einem Aktionsforum ein, um über solche und andere Fragen zu diskutieren. Das Ziel: Austausch, Weiterbildung und neue Impulse. 

Im Gespräch: Bernd Nilles, Geschäftsleiter Fastenaktion und Lucrezia Meier-Schatz, Präsidentin Stiftungsforum Fastenaktion

Das Aktionsforum von Fastenaktion soll es künftig jedes Jahr geben. Was bezweckt ihr mit diesem neuen Anlass? 

Lucrezia Meier-Schatz: Er soll eine Mischung aus Weiterbildung und Impulstagung sein. Das Stiftungsforum von Fastenaktion möchte sich damit öffnen und Menschen erreichen, die kommunal und kirchlich an der Front tätig sind und sich schon jetzt in ähnlichen Bereichen engagieren. Auch um zusätzliche Menschen zu gewinnen, die unser Engagement weitervermitteln. 

Bernd Nilles
: Und die 60 Plätze des Aktionsforums waren schnell ausgebucht, was mich sehr freut. Es scheint fast, als ob die Leute auf sowas gewartet haben. Unser Grundgedanke ist: Wer sich im kirchlichen Raum engagieren möchte, kann sich bei Fastenaktion aktiv einbringen. Es geht um Dialog, Austausch, gemeinsames Lernen – auch schwierige Themen kommen zur Sprache. 

Lucrezia
: Nach drei Jahren ziehen wir Bilanz und schauen, ob es sich bewährt hat. Ziel ist, später 100 bis 150 Leute zu erreichen. 

 

Ein Thema sind neue Ansätze bei der Entwicklungszusammenarbeit angesichts der vielen globalen Krisen. In welche Richtung könnte es gehen? 

Bernd: Als Entwicklungsorganisation wird man derzeit ziemlich durchgeschüttelt. Wir möchten von der kirchlichen Basis hören, was sie beschäftigt, und erhoffen uns Impulse für den laufenden Strategieprozess. Klar ist: An der Dringlichkeit des Handelns hat sich nichts geändert. 

Lucrezia: Es nehmen Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen am Aktionsforum teil, wir erwarten spannende Diskussionen und werden offen zuhören. Ich erhoffe mir, dass sie dazu beitragen, unser Themenportfolio zu schärfen. Persönlich könnte ich mir einen Fokus auf Hunger und Armut vorstellen, ergänzt durch einen feministischen Ansatz. 

Lucrezia Meier-Schatz: «Wir sind zwar klein, bewirken vor Ort jedoch viel für die Ernährungssicherheit und die Stärkung von Gemeinschaften.»

Bernd Nilles ist seit 2017 Geschäftsleiter von Fastenaktion.

Auch die Krise der Kirche kommt zur Sprache. Welche Erkenntnisse erhofft ihr euch davon?

Bernd: Wir sprechen das auch deshalb an, weil viele trotz dieser Krise am sozialen und gesellschaftlichen Engagement festhalten wollen. Aber wir fragen uns natürlich schon, wie wir uns als katholisches Hilfswerk zu all dem positionieren sollen. Ich bin sehr gespannt auf die Workshops – und finde auch den feministischen Ansatz vielversprechend, den Lucrezia angesprochen hat. Beim Thema Geschlechtergerechtigkeit hat Fastenaktion viel Erfahrung aus der Arbeit im Süden. 

Lucrezia
: Auch dort ist die Rolle der Frau wichtig. Egal, ob bei Ernährung, Bildung, Gesundheit, Kampf gegen die Armut – ein Grossteil der Alltagsarbeit in diesen Bereichen wird von Frauen gestemmt. Ein Fokus hier könnte Frauen an der Basis verstärkt ansprechen, gerade auch angesichts der Kirchenkrise.  

 

Welche weiteren Ansätze seht ihr, um kirchennahe Menschen anzusprechen?

Bernd: Neben den schon bisher treuen Unterstützer:innen sehe ich bei zwei Gruppen Potenzial: Einerseits bei Leuten, die sich entschieden haben, eine gewisse Distanz zur Kirche einzunehmen, die jedoch die gleichen Werte vertreten wie wir und unsere Arbeit hoffentlich weiter unterstützen. Andererseits bei Menschen mit Migrationshintergrund, die häufig auf eine andere Art Kirche leben und sich in ihren Herkunftsländern engagieren, Fastenaktion jedoch teils gar nicht kennen. Meine muslimische Zahnärztin zum Beispiel findet, wir sollten mit unseren Spendenaufrufen und guten Projekten unbedingt stärker auch auf Menschen ihrer Religion zugehen. Unsere Zielgruppe könnte künftig also diverser werden.

 

Unser Ziel ist die Beseitigung des Hungers – der global jedoch zugenommen hat in den letzten Jahren. Können wir überhaupt etwas ausrichten angesichts all der geopolitischen Krisen?

Lucrezia: Wir sind zwar klein, bewirken vor Ort jedoch viel für die Ernährungssicherheit und die Stärkung von Gemeinschaften. Damit leisten wir einen relevanten Beitrag zur Besserung. 

Bernd
: Wir dürfen uns nicht lähmen lassen von den vielen schrecklichen globalen Zahlen. Richtig, es gibt mehr Hunger, mehr Armut, mehr Krisen. Aber genau deshalb braucht es unsere Arbeit. So haben wir mit unseren Partnerorganisationen zum Beispiel über zwei Millionen Menschen geholfen, trotz der Krisen nicht hungern zu müssen. Denn unsere agrarökologischen Techniken führen zu einer anderen Landwirtschaft, die auch dann funktioniert, wenn es auf dem Weltmarkt kriselt. Wir hoffen sehr, dass die Teilnehmenden am Aktionsforum motiviert sind, sich mit uns zu engagieren. Der Einsatz lohnt sich. 

Lucrezia Meier-Schatz ist Präsidentin des Stiftungsforums von Fastenaktion.

Unterstützen Sie den Einsatz von Fastenaktion für eine Welt ohne Hunger

Wählen Sie hier den Betrag, den Sie spenden möchten