Abschlusskommentar von David Knecht, Fachverantwortlicher für Klima- und Energiegerechtigkeit bei Fastenaktion. David Knecht verfolgte die COP27 in den letzten zwei Wochen vor Ort.

Die Welt hat im ägyptischen Sharm-El-Sheikh getagt. Eine absurde Stadt für eine Monsterkonferenz – mit über 30’000 Teilnehmenden. Da kommt ab und an das Gefühl auf, dass das Konferenzgelände mit dem Menschengewimmel einem arabischen Basar gleicht. Nur das hier das drängendste aller globaler Themen verhandelt wird. Die Begrenzung der Klimaerhitzung.

Sharm-El-Sheik – Inbegriff des Massentourismus. Bekannt für wunderschöne Korallenriffe, welche durch den Klimawandel akut bedroht sind. Expert:innen gehen davon aus, dass bis zu 99 Prozent der Korallenriffe zerstört werden, wenn die Klimaerhitzung zwei Grad Celsius erreicht.[1]

Klimaerwärmung wartet nicht – die Ärmsten leiden
Präsidenten und Premierminister:innen aller Nationen haben sich die Türklinke in die Hand gedrückt. Sie haben in Reden betont, wie wichtig es ist, die Klimaerhitzung zu begrenzen. Diesem Treiben haben über 600 Fossilenergie Lobbyisten nickend zugeschaut und eifrig dafür gesorgt, dass der Abschlusstext der COP27 keinen Ausstieg aus den fossilen Energien fordert.[2] Sie sagen, das wäre angesichts der weltweiten Energiekrise zu viel des Guten, das brauche mehr Zeit, müsse sorgfältig geplant werden. Fossil is King. Die Klimaerwärmung aber wartet nicht. Sie schreitet Tag für Tag weiter voran. Gerade die ärmsten Menschen unseres Planeten leiden am meisten unter der Erwärmung. Sie haben nicht die Mittel, sich den Auswirkungen anzupassen.

Eine indonesische Delegation über die Folgen der Klimaerhitzung.

Fonds für Klimagerechtigkeit
Wenn Anpassung nicht mehr möglich ist, weil die Klimaerwärmung irreparable Schäden verursacht, werden Kompensationszahlungen nötig. Deshalb ist es so wichtig, dass ein spezifischer Fonds für diese Zahlungen aufgebaut wird. Verluste und Schäden müssen ausgeglichen werden. In der moralischen Pflicht stehen die historischen Verursacher der Klimaerwärmung. Viele Südländer, Inselstaaten und tausende zivilgesellschaftliche Vertreter:innen aus der ganzen Welt, darunter Fastenaktion, haben sich für einen solchen Fonds eingesetzt. Blockiert wurde dieses Vorhaben in den vergangenen Jahren vom globalen Norden. Nach einem langen Seilziehen konnten sich die Staaten schliesslich dazu einigen, Fonds für klimabedingte Schäden und Verluste zu schaffen. Das ist ein grosser Erfolg und ein bedeutsamer Schritt in Richtung Klimagerechtigkeit!

Solidarität zeigen
Aber Kompensationszahlungen sind nur ein Teil der Gleichung. Wichtig ist, dass die Klimaerhitzung gar nicht voranschreitet. Die Klimaerhitzung soll möglichst auf 1.5 Grad Celsius begrenzt werden. Dafür müssen wir unsere Treibhausgasemissionen global drastisch reduzieren. Die UNO hat im Oktober veröffentlicht, dass die weltweiten Klimaschutzpläne zu einer Erhitzung von über 2.4 Grad Celsius führen würden.[3] Es braucht dringend schnelle und ambitioniertere Emissionsreduktionsprogramme. An der COP27 haben die Länder deshalb ein Arbeitsprogramm zur Emissionsminderung beraten und verabschiedet – ein weiterer Schritt in die richtige Richtung. Wichtig ist, dass diese Massnahmen mit den entsprechenden Finanzzahlungen ergänzt werden, damit finanzschwache Länder ebenfalls die nötigen Klimaprogramme durchführen können. Solidarität und die Anerkennung der historischen Verantwortung durch den globalen Norden ist hierfür zentral.

Schweiz muss Verantwortung übernehmen
Aber die Welt hinkt den eigenen Versprechen hinterher. 2009 versprachen die Industrieländer jährlich 100 Milliarden USD, doch bislang wurden davon nur 83 mobilisiert.[4] Und auch dies ist gemäss dem Weltklimarat noch zu wenig, es braucht Billionen.[5] Zur Finanzierungslücke hat die Klimakonferenz keine zufriedenstellenden Antworten geliefert. Das ist frustrierend, gerade in einem Jahr wo die Mineralöl- und Energiekonzerne BP, ExxonMobil, Chevron, Shell und TotalEnergies zusammen allein im zweiten Quartal 55 Milliarden Gewinn verbuchten. Dieses Ungleichgewicht muss dringend aufgelöst werden.  Die Schweiz ist ein reiches Land und trägt als Drehscheibe des internationalen Rohstoffhandels dabei eine besondere Verantwortung.

Fastenaktion setzt sich für Ernährungssicherheit ein
Wenn die Staatengemeinschaft dabei scheitert, können die Pariser Klimaziele nicht erreicht werden, was insbesondere für die ärmsten Menschen katastrophale Folgen hätte. Denn die Klimaerhitzung wirkt sich direkt auf die Ernährungssicherheit dieser Menschen aus. Verstärkte Dürren und Überschwemmungen sind direkte folgen der Klimaerhitzung. Und sie nehmen zu, in Stärke und Häufigkeit. Die Ernährungssicherheit von Millionen von Menschen steht auf dem Spiel. Fastenaktion setzte sich deshalb zusammen mit der CIDSE an der COP für die Verankerung der Agrarökologie als ein tragendes Element der landwirtschaftlichen Lösungen ein. Die Forderung hatte an der COP27 einen schweren Stand und deren Erwähnung wurde weggestrichen. Der Druck der industriellen Landwirtschaft ist zu gross.

Das CIDSE-Team an der Weltklimakonferenz.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass an der COP27 mit Fonds für klimabedingte Schäden und Verlustes sowie dem Programm zur Abschwächung der Klimakrise (Mitigation) wichtige Schritte in die richtige Richtung gemacht worden sind. Dass aber der Staatenbund sich nicht auf ein Aussteigen aus fossilen Energien einigen konnte, zeigt, dass der Einfluss der Lobby für fossile Energien sehr stark ist. Das zudem keine konkreten Pläne zur Schliessung der Finanzierungslücke verabschiedet wurden bestätigt, dass das dringend notwendige Umdenken noch nicht stattgefunden hat. So werden wir das globale 1.5 Grad Celsius Ziel nicht erreichen. Und das Fenster dazu schliesst sich mit rasendem Tempo.

Fastenaktion begleitete eine Delegation aus dem Amazonas.

Partner von Fastenaktion zeigen Lösungen
In Sharm El Sheikh hat sich Fastenaktion mit Partnerorganisationen aus Kolumbien und Brasilien aktiv für eine rasche und sozialgerechte Umsetzung der Pariser Klimaziele eingesetzt. Zudem wurden Menschen- und Indigene Rechte sowie das wichtige Prinzip der Transparenz in Berichterstattungen in die Verhandlungen eingebracht. In einem offiziellen COP-Event haben wir mit unseren Partnern gezeigt, dass es in vielen Ländern hapert mit der Transparenz. Unsere Partner haben aufgezeigt, dass dezentralisierte, gemeinschaftliche Energielösungen ein wichtiger Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels sind. Gleichzeitig stärken sie die Ernährungssicherheit der Menschen. Gemeinsam mit unseren Partnern wird sich Fastenaktion auch im kommenden Jahr für eine rasche und sozialgerechte Umsetzung der Pariser Verträge einsetzen, um dem Hunger auf der Welt entgegenzuwirken.

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«Jeder kann es sehen, aber alle sehen weg», singt Reinhard Mey im Lied Narrenschiff, welches volle Fahrt mit Kurs aufs Riff steuert. Es beschreibt bildlich unser individuelles Verhalten in der Klimakrise. Gleichzeitig hoffen viele Menschen auf die Beschlüsse an der Klimakonferenz in Ägypten. Morgen beginnt die 27. Weltklimakonferenz (COP27). Ambitionierte Beschlüsse braucht es mehr denn je.

Kommentar von Stefan Salzmann, Fachexperte für Energie- und Klimagerechtigkeit bei Fastenaktion

Hitzewellen, Dürre, Wasserknappheit. Was in Partnerländern von Fastenaktion seit Jahren Alltag ist, kommt auch auf die Schweiz und Europa zu. Was wir im Sommer 2022 erlebt haben, ist ein bitterer Vorgeschmack auf das, was der Weltklimarat voraussagt. Die Zunahme von Wetterextremen aufgrund der Klimaerhitzung. Überall, auch in der Schweiz.

Kurs aufs Riff
Trotzdem tun wir uns schwer, unser individuelles Handeln anzupassen. Tanks werden vor dem Winter mit frischem Heizöl aufgefüllt. Eine Nachbarin erzählt mir im Vorbeigehen, wie sehr sie sich auf einen dreitägigen Trip nach Ibiza freut. Viele Mitmenschen, die sich über die Hitze im Sommer beklagt hatten, ärgern sich über hohe Energiepreise und kaufen billiges Fleisch. Als gäbe es keinen Zusammenhang. Unser Schiff steuert auf das Riff zu, wir wissen es. Und machen weiter wie gewohnt. Den Preis dafür zahlen viele in Armut lebende Menschen auf der ganzen Welt.

Und die Politik?
Bis 2050 sollen die schweizerischen Treibhausgasemissionen bei null ankommen – für die Menschen in vielen Weltregionen viel zu spät. Sie leiden schon heute, haben das Problem aber nicht verursacht. Teile der schweizerischen Politik nimmt die Dringlichkeit nicht ernst. Gegen den indirekten Gegenvorschlag der Gletscher-Initiative wurde das Referendum ergriffen. Dabei ist das neue Klimagesetz nur ein erster Schritt in die richtige Richtung. Gerade deshalb ist das Ja zur Gletscherinitiative ein absolutes Minimum, wenn wir zu globaler Klimagerechtigkeit einen Beitrag leisten wollen. Eine weitere Verzögerung ist keine Option.

Sharm el Sheikh
Am 6. November beginnt die 27. Klimakonferenz in Ägypten. Viele wichtige Punkte werden verhandelt. Die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens von 2015 ist weiterhin das Hauptziel. Dieses will die Erderwärmung bei 2 Grad Celsius, wenn möglich 1.5 Grad Celsius begrenzen. Gemäss Climate Action Tracker steuern wir aber auf eine Erderwärmung von 2.7 Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit zu. Konkret soll in Ägypten ein Arbeitsprogramm verabschiedet werden, um die Ambitionen zur Minderung von Emissionen schneller und wirksamer zu reduzieren (Mitigation Work Programme). Neben Minderung geht es auch um Anpassungen an die Klimaerwärmung. Darum sind Einigungen zu höheren Beiträgen zur Klimafinanzierung ein dringendes Ziel.

Viele reiche Länder blockieren die Verhandlungen zu Schäden und Verlusten (Loss and Damage). Es geht um die Entschädigung für irreversible Schäden als Folge der Klimaerhitzung. Was dies bedeutet, hat die Flutkatastrophe 2022 in Pakistan gezeigt. Tausende Menschen sind gestorben. Millionen von Menschen haben durch den extremen Monsunregen ihre Lebensgrundlagen verloren. Sie haben keine Perspektiven mehr. Gerade arme Menschen sind auf die Unterstützung der reichen Länder angewiesen. Globaler Klimaschutz und Klimagerechtigkeit bedingen Solidarität zur Bekämpfung der Klimakrise.

Fastenaktion setzt sich für eine ambitionierte Klimapolitik in der Schweiz ein. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung ist die Gletscher-Initiative.
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