Samrat Katwal ist Koordinator der Fastenaktion für die Projekte in NepalSamrat Katwal ist Koordinator der Fastenaktion für die Projekte in Nepal

Vor wenigen Wochen sah es in Nepal noch ganz aus, dass die Pandemie das Land nicht so hart treffen würde. Doch nun, Mitte Mai, erzählt Fastenaktion- Koordinator Samrat Katwal im Interview, wie schlimm das Virus mittlerweile wütet.

Wie präsentiert sich die Lage derzeit in Nepal?

Die zweite Welle hat das Land schwer erwischt. Am 12. April verzeichneten wir noch 303 neue Ansteckungen pro Tag, nun sind es täglich mehr als 9000. Über 4’000 Menschen haben ihr Leben verloren. Schätzungsweise 80’000 Menschen befinden sich in Quarantäne.  Experten warnen vor einem Anstieg der Todesfälle in den kommenden Wochen, da das Gesundheitssystem komplett überfordert ist. So ist in der Hauptstadt Kathmandu den meisten Krankenhäusern der Sauerstoff ausgegangen und Patienten werden abgewiesen. Mit dem Beginn des erneuten Lockdowns Ende April waren die Menschen gezwungen, in überfüllten Bussen zurück in ihre Dörfer fahren. Das leistet der Ausbreitung der Pandemie in abgelegenen Dörfer ohne medizinische Versorgung Vorschub.. Eine schnelle Besserung ist nicht in Sicht, da weniger als zwei Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft sind. Zudem wird das Land von einer politischen Krise erschüttert, nachdem der Premierminister Khadga Prasad Sharma Oli eine Vertrauensabstimmung im Repräsentantenhaus verloren hat und nur noch als Übergangspremier weiterregieren darf.

Gab es in Nepal je eine vergleichbare gesundheitliche Krise?

Zwar kennt fast jede Region Nepals Sagen über eine unbekannte Krankheit, die eine ganze Siedlung ausgelöschte. Und wir kennen Infektionskrankheiten wie Cholera, woran 2009 über 500 Menschen starben. Daneben  gibt es saisonale Ausbrüche von Magen-Darm-Infektionen, Typhus, Malaria, Grippe, Japanische Enzephalitis und Hepatitis A. Doch eine Pandemie in diesem Ausmass gab es in Nepal noch nie.

Kann die Projektarbeit unter diesen Umständen fortgesetzt werden?

Sowohl die Verantwortlichen der Projekte wie die Koordinationspersonen der Fastenaktion haben  enge Freunde oder Familienmitglieder, die an Covid-19 erkrankt sind. Glücklicherweise sind die meisten von ihnen bereits wieder auf dem Weg der Besserung.

Unsere Priorität bleibt die Sicherheit der Mitarbeitenden und der Menschen in den Projekten. Generell können wir jedoch feststellen, dass Projekte in den abgelegenen Teilen Nepals ihre Aktivitäten aufrechterhalten können unter Einhaltung der entsprechenden Vorsichtsmassnahmen. Nur die Partnerorganisationen in der Hauptstadt in der Hauptstadt müssen sich jedoch auf virtuelle Mittel beschränken.

In Regionen, die besonders von der Pandemie betroffen sind, arbeiten die Projekte eng mit den lokalen Behörden, um diese bei der Bewältigung der Pandemie zu unterstützen. Während der ersten Welle im vergangenen Jahr haben sie unter anderem telefonische Beratung für Opfer häuslicher Gewalt angeboten und die Menschen für die Hygienemassnahmen und das Maskentragen sensibilisiert. Dieses Jahr schlägt die Pandemie aber viel stärker zu und gleichzeitig müssen viele Gemeinden sparen, was die Partner mit ganz neuen Herausforderungen konfrontiert.

Sind Impfprogramme gestartet, sind diese ein Ausweg aus der Pandemie?

Nepal hat seine Impfkampagne am 27. Januar gestartet, mit dem von Indien hergestellten Impfstoff Covishield vom Typ AstraZeneca. Die Kampagne startete mit einer Million Impfdosen, die Indien zur Verfügung gestellt hatte. Kurz darauf wurden von der Regierung zwei weitere Millionen Dosen gekauft. Davon wurde eine Million geliefert und in alle Distrikte Nepals verteilt und verimpft. Doch nach dem rasanten Anstieg der Ansteckungen, hat Indien den Export von Covishield gestoppt. Es ist fast unmöglich, weiteren Impfstoff einzuführen. Die restlichen bezahlten Dosen wurden immer noch nicht geliefert. Das führt natürlich zu einer grossen Ungewissheit bei den Menschen und selbst die Regierung weiss nicht, wann für alle eine zweite Dosis erhältlich sein wird.

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Tobias Buser ist bei Fastenaktion verantwortlich für die Programme in Indien und Madagaskar.

Indien fehlt es an Sauerstoff, Krankenhausbetten und medizinischer Versorgung. Tausende Menschen sterben täglich. Die indische Corona-Variante ist hochansteckend. Unser Programmverantwortlicher Tobias Buser hat mit Menschen vor Ort gesprochen. 

Wie kommt ihr mit der Situation zurecht, wie geht es euch?

Da sich Indien in einem Zustand des totalen Chaos und der Angst befindet und verschiedene lokale Lockdowns verhängt wurden, fällt es uns allen schwer, uns von der allgemeinen Aufregung und der offensichtlichen Krise nicht anstecken zu lassen. Im Vergleich zur ersten Welle, bei der wir und unsere Familien keine Covid-19-Todesfälle zu beklagen hatten, sind jetzt Menschen aus dem Umfeld von Projektmitarbeitenden an der mutierten Virusvariante gestorben. Glücklicherweise haben sich die Mitarbeitenden selbst und die Gemeinschaften der Adivasi und Dalit, mit denen sie arbeiten, bis jetzt nicht angesteckt. Sie haben den Mut nicht verloren und Zähigkeit bewiesen, indem sie die Projektarbeit per Handy weiterführen, wo der direkte Kontakt aufgrund von Lockdowns nicht möglich ist.

Wie kann die Projektarbeit unter diesen Umständen fortgesetzt werden?

Aufgrund strenger Reisebeschränkungen konnten sich die Organisationen des Landesprogramms Indien nicht mehr auf regionaler Ebene  in Netzwerken von 20-30 Dörfern treffen. Die Projektverantwortlichen waren deshalb gezwungen, die Vernetzung der Solidaritätsorganisationen auf 5-10 Dörfern zu beschränken. Das erlaubt ihnen, die Arbeit innerhalb der behördlichen Richtlinien fortzusetzen. Diese kleinen Netzwerke, die im letzten Jahr während der ersten Pandemiewelle aus der Not heraus ins Leben gerufen wurde, arbeiten gut, und wir erreichen unsere Zielgruppen nach wie vor. Einfach weniger Personen aufs Mal. Trotz der absoluten Unsicherheit und des fragilen Gesundheitssystems im Land haben die Partnerorganisationen mutig weitergemacht. Da der Empowerment-Prozess, welcher die Netzwerke fördert und stärkt, hauptsächlich von Animatorinnen und Animatoren getragen wird, die entweder selber aus den Dalit- oder Adivasigemeinschaften kommen oder diese sehr gut kennen, wurde die Projektarbeit bisher kaum beeinträchtigt. Bereits vor der Pandemie haben wir uns darauf konzentriert, starke Führungspersonen direkt aus den Zielgruppen heraus aufzubauen. Und nun sind sie es, die im Landesprogramm für eine reibungslose Kontinuität der Projektarbeit auf Dorfebene sorgen.

Im globalen Norden ist die Impfung gegen Covid-19 das alles bestimmende Thema. Ist das bei den indigenen Gruppen der Adivasi und Dalit auch so?

Die Ungewissheit über die Nebenwirkungen und die öffentlich gewordenen Fälle über Komplikationen nach der Impfung führen unter den Partnerorganisationen und der Zielbevölkerung zu Skepsis. Abgesehen davon herrscht hier zurzeit Impfstoffknappheit, und es sieht nicht danach aus, als würde sich die Situation in absehbarer Zeit verbessern.

Der Glaube der Adivasi und Dalit an die traditionelle Kräutermedizin und das Vertrauen in die traditionellen Heiler/innen führt aus ihrer Sicht zu einer Stärkung des Immunsystems und schützt sie so ausreichend vor dem Virus. Die Menschen in unseren Zielgruppen zeigen zum jetzigen Zeitpunkt wenig Bereitschaft, sich impfen zu lassen.

Was fehlt und was braucht es am dringendsten?

Der Zugang zur medizinischen Grundversorgung hat für sie oberste Priorität. Da das Gesundheitssystem aktuell völlig zusammengebrochen ist, sterben viele Menschen an eigentlich einfach zu behandelnden Krankheiten, weil sie keinen Zugang zu einer Behandlung oder zu Medikamenten haben. Zudem wäre es für Arbeit, die Schule und die Familie dringend nötig, dass die Bewegungsfreiheit wieder ausgedehnt wird.

Wie sieht es mit Nahrung und Arbeit aus? Wie können die Menschen ihren Lebensunterhalt in der Pandemie sichern?

Die Lockdowns und die Einschränkungen der Bewegungsfreiheit im ganzen Land haben die meisten Erwerbsmöglichkeiten für die Menschen, mit denen wir arbeiten, zum Erliegen gebracht – zum Beispiel staatliche Arbeitsbeschaffungsprogramme. Doch da wir den Fokus in den letzten Jahren konsequent auf die Landwirtschaft zur Selbstversorgung gelegt haben, kommt uns das nun zugute. Die Gemeinschaften konnten ihre grundlegende Ernährung während der Pandemie sicherstellen. Zudem haben die Partnerorganisationen in der Pandemie die Zusammenarbeit mit ihren jeweiligen Distrikt- und Gesundheitsverwaltungen verstärkt, um die Verteilung von Reis, Nahrungsmitteln, Masken und Medikamenten und anderen lebenswichtigen Dingen an die Gemeinschaften zu unterstützen.

Hat es in Indien schon einmal eine ähnliche Katastrophe im Bereich der öffentlichen Gesundheit gegeben?

Zwar gab es in der Vergangenheit Naturkatastrophen und Unglücke, aber eine landesweite Katastrophe in diesem Ausmass hat es in Indien seit der Unabhängigkeit noch nie gegeben.

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Corona hat die Sterblichkeit, das Leiden und die Ungerechtigkeit weltweit erhöht. Unterstützung, die schon vor Ausgangssperren, Schulschliessungen und anderen einschränkenden Massnahmen wichtig war, ist jetzt lebensnotwendig. Unsere Arbeit in den Projekten sowie die Solidarität sind wichtiger denn je.

Zahlreiche Probleme in Zeiten von Corona liegen auf der Hand, zum Beispiel die steigende Anzahl hungernder Menschen aufgrund erhöhter Lebensmittelpreise. Andere Hürden sind weniger transparent, jedoch nicht minder besorgniserregend. Mädchen, die nicht nur wegen ausfallender Schulstunden, sondern gleich noch mit einer frühen Schwangerschaft zu kämpfen haben oder Sans-papiers, welche trotz existenzbedrohender Lebensverhältnisse keinen Impftermin erhalten. Solche Geschichten drohen unterzugehen in den weltweiten Corona-Schlagzeilen zu Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Deshalb gibt Fastenaktion diesen Menschen eine Stimme und Perspektiven.

Wenn alle Stricke zu reissen drohen

In schwierigen Zeiten tendieren wir dazu, uns auf das Negative zu konzentrieren. Umso wichtiger ist es uns, auch die guten Erfahrungen und Hoffnungen unserer Projektpartner zu teilen. So haben kenyanische Frauen wegen der Corona-Ausnahmesituation von ihren Männern mehr Respekt für ihre Arbeit erhalten. Dies könnte den Weg ebnen zu mehr Geschlechtergerechtigkeit auch nach der Pandemie. Wo kein Verlass ins Gesundheitssystem ist, wird immerhin Vertrauen geschenkt:In den Philippinen, wo die Regierung versagt, bieten die Bischöfe moralische Unterstützung. In anderen Ländern wie Guatemala zeigt sich die Solidarität von innen – trotz Armut teilen die Indigenen mit den Bedürftigen, dies ist Teil ihrer Kultur. 

Erfahren Sie mehr zu Corona in unseren Projekten.

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Zwei Mitarbeitende der Organisation Tzuul Taq'a verteilten gleichzeitig Informationen zu Covid und dringend benötigte Nahrungsmittel.Zwei Mitarbeitende der Organisation Tzuul Taq'a verteilten gleichzeitig Informationen zu Covid und dringend benötigte Nahrungsmittel.

In allen Programmländern der Fastenaktion gab es ab März 2020 Ausgangssperren. Das stürzte die arme Bevölkerung unmittelbar in grosse Not. Flexibilität und Kreativität waren gefragt. Doch je länger die Corona-Krise in manchen Ländern andauert, desto mehr Menschen sind auf externe Hilfe angewiesen. Hunger wird erneut zu einer grossen Herausforderung.

Die Krise war – und ist – dort am grössten, wo die Regierungen versagen. In Brasilien und Indien gibt es vergleichsweise viele Ansteckungen und Todesfälle. Hingegen blieb die befürchtete Katastrophe Afrika bisher aus. Das hat unter anderem mit der jungen Bevölkerung zu tun – aber auch mit Regierungen, welche  aufgrund von vergangenen Epidemien rasch und gut reagiert haben. Am meisten unter den Lockdowns gelitten hat die arme Bevölkerung in den Städten: Damit die Familien etwas zu essen haben, müssen sie täglich ihrer informellen Arbeit als Tagelöhner oder Strassenverkäuferinnen nachgehen. Wenn dies nicht möglich ist, führt es rasch zu Hunger. Dazu kommt, dass die Wohnverhältnisse oft sehr eng sind und sich die Leute nicht vor Ansteckungen schützen können.

Widerstandsfähig: Landwirtschaftliche Projekte 

In der Mehrheit der Fastenaktion-Projekte können die Solidaritätsgruppen oder die landwirtschaftlichen Initiativen erfolgreich weiterarbeiten – selbst wenn deren Begleitung durch die Partnerorganisationen erschwert ist. Beinahe unmöglich geworden sind jedoch Protestaktionen der Partnerorganisationen, die sich für bessere Lebensumstände einsetzen. In den Philippinen oder in Guatemala zum Beispiel nutzten die Regierungen den Lockdown, um Gesetze zu verabschieden, welche die arme Bevölkerung weiter benachteiligen.

Gefragt: Flexibilität und Kreativität

Fastenaktion diskutiert mit seinen Projektpartnern und gewährt ihnen die notwendige Flexibilität: Budgets werden ebenso angepasst wie Arbeitsweisen: So tragen Projekte in mehreren Ländern dazu bei, die Bevölkerung über die Ansteckungsgefahr zu informieren. Sie drucken Flugblätter, kommunizieren über WhatsApp wo es möglich ist und produzieren kurze Info-Videos für die Mobiltelefone.

Grösstes Problem: Hunger

In den 690 Millionen Menschen litten Anfang Jahr unter Nahrungsknappheit. Die FAO befürchtet, dass durch Corona bis zu 130 Millionen Menschen zusätzlich in eine akute Hungersnot geraten könnten. Bereits im Mai mussten erste Projekte von Fastenaktion in Guatemala Nothilfe mit Nahrungsmitteln leisten. In mehreren Ländern unterstützten Projekte mit ihrem lokalen Wissen und ihrem Personal Verteilaktionen anderer Organisationen.

Kurz: Fastenaktion unterstützt im Moment seine Projekte dabei, die Krise zu überstehen, von der wir alle nicht wissen, wie lange sie noch dauern wird. Wir garantieren, dass die Spenden bei unseren Partnerorganisationen ankommen und dass damit die ärmste Bevölkerung unterstützt wird. Bei Nahrungsmittelknappheit werden wir weiterhin flexibel mit Nothilfe reagieren. Denn für Fastenaktion ist klar: Wir lassen unsere langjährigen Partner in dieser schwierigen Zeit nicht im Stich.

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