Sandrine Cottier ist verantwortlich für die Programmentwicklung bei Fastenaktion. Kürzlich hat sie Projekte in Indien besucht – und staunte, wie sichtbar das gestärkte Selbstbewusstsein der Menschen ist.  

Was war der Anlass deiner Reise nach Indien?

Wir wollten sehen, was die Partnerorganisationen dort besonders gut machen und daher auch für die Arbeit in anderen Ländern spannend sein könnte. Zu diesem Zweck waren auch der Koordinator und die Programmverantwortliche für Nepal dabei.

 

Und habt ihr etwas gefunden?

Ja, vieles! Zum Beispiel die Fehlerkultur. Die Partnerorganisationen in Indien kommen regelmässig zusammen, um zu diskutieren, was gut läuft und was nicht. Fehler werden dabei offen angesprochen, ohne dass sich der oder die Betroffene deswegen schämen müsste. Denn alle können daraus lernen; es ist ein Prozess, der die Menschen und die Projektarbeit weiterbringt.

 

Was hat dich während des Besuchs besonders beeindruckt?

Wie sehr man es den Menschen an ihrem Gesichtsausdruck und Verhalten ansieht, ob sie noch in Schuldknechtschaft leben oder sich davon bereits befreien konnten. Die einen sind in sich gekehrt, schauen einem nicht in die Augen, reden leise und eher ängstlich. Die anderen, die sich schon befreit haben, sind selbstbewusst, schauen einen an, sprechen laut und bestimmt. Man sieht die Veränderung der Menschen von blossem Auge, das ist eindrücklich.

«Die Menschen überwinden ihre Angst, weil sie merken, dass da plötzlich eine starke Gemeinschaft ist, in der man sich gegenseitig unterstützt.»

Diese Adivasi-Frauen aus der Region Andhra haben sich mit der Unterstützung von Fastenaktion aus der Schuldknechtschaft befreit.

Wie kommt es zu dieser Schuldknechtschaft?

Wir arbeiten in Indien vor allem mit Angehörigen der indigenen Adivasi, Nachfahren der Ureinwohner:innen, die traditionell benachteiligt sind. Viele von ihnen sind an einen Grossgrundbesitzer gebunden, bei dem sie Geld ausgeliehen haben – im Gegenzug müssen sie sieben Tage die Woche von morgens bis abends für ihn schuften, bis die Schulden abgearbeitet sind. Das sind sie jedoch nie. Denn dadurch fehlt ihnen die Zeit, um Geld für ihren täglichen Bedarf zu verdienen dafür müssen sie sich wieder neu verschulden. Die Projektarbeit besteht darin, sie zu unterstützen, den Weg aus diesem Teufelskreis zu finden, um ein Leben in Würde führen zu können. Dies machen wir unter anderem mittels Solidaritätsgruppen, die zu einer Stärkung des Selbstbewusstseins führen. Die Menschen überwinden ihre Angst, weil sie merken, dass da plötzlich eine starke Gemeinschaft ist, in der man sich gegenseitig unterstützt. Schliesslich wagen sie es, dem Grossgrundbesitzer die Stirn zu bieten, denn eigentlich steht das Gesetz offiziell auf ihrer Seite. 

 

Wie wirkt sich dein Besuch auf die Programmentwicklung aus?

Es gibt in Indien eine enge Zusammenarbeit mit Landwirtschaftsbehörden und staatlichen Universitäten für die bäuerliche Lebensmittelproduktion mit agrarökologischen Verfahren. Einerseits sind die Wissensvermittlung und der Wissensaustausch enorm fruchtbar, andererseits muss darauf geachtet werden, dass den Bäuerinnen und Bauern kein hochgezüchtetes Saatgut angedreht wird, für das es dann auch Pestizide braucht. Denn dies führt zurück in die Verschuldung und Abhängigkeit. Von diesen Erfahrungen über Vorteile und Risiken solcher Kooperationen können wir auch in anderen Landesprogrammen profitieren.

 

Wir lassen regelmässig Evaluationen durchführen. Wie wirken sie sich auf die Programme aus?

Viele Empfehlungen sind stark auf das jeweilige Land bezogen und lassen sich nur teilweise übertragen. Generell gilt: Je stärker der Evaluationsprozess die Menschen in den Projekten einbezieht, desto eher führt er zu hilfreichen Erkenntnissen und nützlichen Anpassungen. Denn im Vordergrund steht nicht die Beurteilung der Arbeit, sondern das Auslösen eines Reflektionsprozesses bei den Beteiligten

Erfahren Sie hier mehr über unsere Projekte in Indien.

Sandrine Cottier gemeinsam mit Koordinatorinnen unserer Partnerorganisationen in der Region Tamil Nadu.

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Über 40 Prozent der weltweiten Reisexporte stammen aus Indien. Das von der Regierung im Juli verhängte Reisausfuhrverbot macht die Situation für arme Länder wie Nepal oder Senegal noch prekärer. Sie litten schon zuvor unter stark gestiegenen Preisen für Grundnahrungsmittel. 

Wegen verspätetem oder zu heftigem Monsunregen erwartet Indien dieses Jahr eine schlechte Reiseernte. Die Regierung hat deshalb am 20. Juli beschlossen, bestimmte Reissorten nicht mehr zu exportieren, um die schon zuvor gestiegenen Preise im Land zu stabilisieren. Der Entscheid ist vor allem innenpolitisch begründet, um die vielen Armen wohlwollend zu stimmen, die bei den anstehenden Wahlen 2024 eine wichtige Rolle spielen. 

Reispreise nun noch höher 

Reis ist ein Grundnahrungsmittel für mehr als drei Milliarden Menschen. 2022 exportierte Indien über zehn Millionen Tonnen von den vom Ausfuhrverbot betroffenen Reissorten – insbesondere an afrikanische Länder wie Benin, Senegal, Elfenbeinküste und Togo, aber auch an Nachbarstaaten wie China, Bangladesch oder Nepal. Für die ärmere Bevölkerung dieser Länder, die wegen unberechenbaren Wetterextremen und dem russischen Angriff auf die Ukraine ohnehin schon mit höheren Preisen für Grundnahrungsmittel konfrontiert ist, wird die Lage nun noch prekärer. 

Nepal etwa ist nach Benin der zweitgrösste Importeur dieser indischen Reissorten und leidet dieses Jahr zudem wegen unzuverlässiger Regenfälle unter Ernteausfällen – die Reispreise sind deswegen bereits gestiegen.

Eine trägt einen 30 Kilogramm schweren Reisbeutel auf ihrer Schulter.
Nepal ist stark vom Import indischer Reissorten abhängig.

Hoffnung kommt auf 

«Es zeichnet sich jedoch ab, dass sich Nepal durch Verhandlungen mit Indien mindestens einen Teil der üblichen Exporte auch für dieses Jahr sichern kann», sagt Samrat Katwal, der die Ernährungsprojekte von Fastenaktion in Nepal koordiniert. Somit bestehe Hoffnung, dass das Exportverbot die Lage nicht allzu sehr verschärfe. 

Dennoch bleibt die Ernährungssituation für viele Menschen in ärmeren Verhältnissen schwierig. «Bei höheren Preisen müssen sie sich weiter verschulden und verstärken so ihre Abhängigkeit. Dies stützt die bestehenden Machtstrukturen, die die Schwächsten der Gesellschaft in einem Teufelskreis der Armut gefangen halten.» 

Agrarökologie ist Teil der Lösung 

Dagegen hilft unter anderem eine Umstellung der Landwirtschaft nach den Grundlagen der Agrarökologie, wie sie Fastenaktion in Nepal, Senegal und weiteren Projektländern unterstützt. Dabei handelt es sich um eine lokal angepasste und umweltschonende Landwirtschaft, die zudem die Widerstandskraft gegenüber den Folgen der Klimaerwärmung erhöht. «Mögliche Antworten auf diese schwierigen Zeiten finden sich in traditionellen landwirtschaftlichen Praktiken», sagt Samrat Katwal. «In den Weisheiten der Ahnen liegt grosses Potenzial, heutige Probleme anzugehen.»  

Die Partnerorganisationen von Fastenaktion in Asien, Afrika und Lateinamerika setzen sich für agrarökologische Ansätze ein. Erfahren Sie hier mehr über das Thema.

Ein agrarökologisches Feld in einem nepalesischen Dorf.
Fastenaktion setzt in Projekten auf eine lokal angepasste und umweltschonende Landwirtschaft, um den Hunger langfristig zu vermindern.

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S. L. Venkatesh setzt alles daran, um das Leben der Urgemeinschaften zu verbessern.

Die Nachfahren der ersten Menschen Indiens – die Adivasi – haben im ganzen Land unter Landenteignung und Vertreibung zu leiden. S. L. Venkatesh, Koordinator der Partnerorganisation, erzählt, wie sie im Süden Indiens die Situation verbessern.

«Die Adivasi-Gemeinschaften leben traditionell vom Wald und betreiben nachhaltige Landwirtschaft. Doch mit der Einrichtung von Schutzgebieten für Wildtiere und Tigerreservaten wurden die Adivasi im indischen Bundesstaat Karnataka aus ihrem angestammten Lebensraum vertrieben. Sie wurden der engen Verbundenheit zu Land, Kultur und Spiritualität beraubt. Um zu überleben, migrieren sie in die Städte. Damit Vertreibung und Leid ein Ende finden, haben wir von SPEDS (Samatha Peoples Education for Development Society) uns das Ziel gesetzt, ihre Menschenrechte zu sichern und sie dabei zu unterstützen, eine funktionierende Infrastruktur aufzubauen. Dazu gehört in erster Linie die Sicherung ihrer Landrechte ohne Wenn und Aber. Wichtig ist zudem, dass sie sich aus der Schuldknechtschaft befreien können. Viele mussten sich verschulden, um überhaupt überleben zu können.

Fortschritt dank Gemeinschaft

Ist ihr Zugang zu Land gesichert, können sie ihre Lebensumstände verbessern. Um sich gegenseitig zu stärken und zu unterstützen, organisieren sich die Menschen in Gruppen. Sie legen gemeinsam Getreide-, Saatgut- und Sparbanken an, denn das macht sie unabhängig. Einen besonderen Fokus legen wir auf die Gleichstellung von Frau und Mann. Zudem setzen wir uns dafür ein, dass möglichst alle Kinder von Schulbildung profitieren können. Mittlerweile besuchen 1270 Mädchen und 1143 Jungen die Schule. Wir unterstützen die Gemeinschaften auch dabei, ihre kulturellen und spirituellen Traditionen wiederzubeleben.

Durch die Anwendung dieser verschiedenen Massnahmen haben die Gemeinschaften bereits viel erreicht. Mittlerweile existieren 90 Männer- und Frauengruppen, insgesamt 1434 Familien, die sich von ihren Schulden befreien konnten. Zudem haben 3018 Menschen das Wahlrecht erlangt, und 18 wurden in die örtlichen Panchayats (Räte) gewählt und können sich auf politischer Ebene für die Interessen ihrer Gemeinschaft einsetzen.

Klimawandel erfordert Innovationen

Angesichts der dramatischen Folgen des Klimawandels setzen wir den Schwerpunkt seit zwei Jahren auf das Erlernen von agrarökologischen Anbaumethoden. Dazu gehört die Ausweitung des Anbaus von Hirse und Linsen. Da die Gemeinschaften nur Zugang zu bereits verkümmertem traditionellem Saatgut und keine wissenschaftliche Perspektive für die Landwirtschaft hatten, haben wir die Zusammenarbeit mit staatlichen wissenschaftlichen Forschungs- und Beratungseinrichtungen wie Krishi Vigyan Kendra und Zonal Agricultural Research Station verstärkt. Doch auch die Wiederbelebung von Wissen der Vorfahren unterstützen wir. So können die Adivasi im Bundesstaat Karnataka ihre Lebenssituation nachhaltig verbessern und eine Zukunftsperspektive entwickeln. Mit all diesen Massnahmen haben wir die Abwanderung von 2307 Familien verhindert.»

Erfahren Sie hier mehr über unsere Projekte in Indien.

Unterstützen Sie die Adivasi in Indien, um ihre Lebenssituation zu verbessern

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1,3 Milliarden Inderinnen und Inder stehen unter Ausgangssperre. Für die arme Bevölkerung ist dies eine grössere Bedrohung als die Krankheit selbst.

1,3 Milliarden Inderinnen und Inder stehen wegen dem Virus bis zum 31. März unter Ausgangssperre. Für die Männer und Frauen im informellen Sektor ist das Leben dadurch momentan stärker bedroht, als durch die Krankheit selbst.

Alle Projekte von Fastenaktion sind mit neuen, zusätzlichen Herausforderungen konfrontiert. Besonders drastisch zeigt sich das in Indien. Tobias Buser, Programmverantwortlicher für das Programm der Fastenaktion in Indien sagt:

Die Situation ist schwierig und verschlimmert sich laufend, weil niemand Zeit hatte, sich auf die Ausgangssperre vorzubereiten. Das gilt vor allem für jene, die im informellen Sektor arbeiten und für die Armen auf dem Land. Überall kommt es zu Aufständen und zu Hunger als Resultat der plötzlichen Arbeitslosigkeit der vielen Tagelöhner und Tagelöhnerinnen aufgrund der strikten Ausgangssperre. Weil sich diese von einem Tag auf den anderen keine Unterkunft und kein Essen mehr leisten können, versuchen sie trotz fehlender Transportmittel in ihre Herkunftsorte zurückgelangen. Das führt zu riesigen Fluchtbewegungen zu Fuss. Und natürlich trägt es zur Verbreitung des Virus bei.

Es ist sehr schwierig geworden, sich mit Nahrungsmitteln zu versorgen oder medizinische Hilfe zu erhalten, denn wer sich nicht an das Ausgehverbot hält, wird von der Polizei brutal behandelt.

 

Tobias Buser, Programmverantwortlicher Indien und Madagaskar

Wie geht es weiter im Indienprogramm?

Wie geht es weiter im Indienprogramm?

Eines kann Tobias Buser bereits jetzt klar sagen:

Wir arbeiten in unserem Programm in Indien mit stark benachteiligten, landlosen Adivasi-Gruppen, die sich Zugang zu Waldland sichern und sich in agrarökologischer Landwirtschaft weiterbilden. Diese Strategie–– erweist sich auch jetzt als sehr hilfreich. Dadurch haben die Leute in den Projekten eigene Nahrungsmittel zur Verfügung – und das in der schlimmsten aller bisherigen schlechten Zeiten!

Fastenaktion plant, seine Partnerorganisationen in den 14 Ländern weiter im gleichen Umfang unterstützen, damit sie nicht gezwungen sind, Mitarbeitende zu entlassen und ihre Arbeit den Umständen anpassen können. Bereits versorgen einige Organisationen die Leute mit kurzen Videos über WhatsApp, mit Infos, wie sie sich vor dem Virus schützen können. Sie planen Radiosendungen zum Thema – auch um über schädliche Fake News aufzuklären. Es ist vielerorts möglich, die Menschen in den Projekten über Mobiltelefone zu beraten – zum Beispiel zu Landwirtschaftsfragen – und so mit ihnen in Kontakt zu bleiben. In Ausnahmefällen ist es auch möglich, für hungernde Familien Nothilfe zu leisten.

Um diese Arbeit halten und weiterführen zu können, sind wir froh um jede Spende. Hier erfahren Sie mehr über das Indienprogramm allgemein.

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