Im Auftrag von Fastenaktion reiste die Kunststudentin Sofia Poku (24) im August 2023 drei Wochen durch den Senegal und hielt ihre Beobachtungen in Zeichnungen fest. Trotz Hitze und Magenproblemen hat sie viele positive Eindrücke von Land und Leuten mitgenommen. Klicken Sie auf «Eintreten», um die kreative Reise in den Senegal zu beginnen.

Eine Reise durch den Senegal in Zeichnungen
Kalebassen und Klimawandel
Eintreten
keywords

Im folgenden Interview mit unserem Redaktor Ralf Kaminski beantwortet Sofia Poku die spannendsten Fragen rund um ihre Reise in den Senegal und die Hintergründe ihrer Arbeit.

Wie kam es zu dieser Kooperation mit Fastenaktion?

Durch Zufall. Im Juni 2022 waren die Zeichnungen meiner Bachelorarbeit zu Felsbildern in Marokko an meiner Hochschule ausgestellt, und Vreni Jean-Richard, die Programmverantwortliche für den Senegal, lief wegen einer Weiterbildung zufälligerweise daran vorbei. Ihr gefielen die Bilder, und sie kontaktierte mich und fragte, ob ich sowas auch für den Senegal machen könnte. Ich fand: Warum nicht?

Was genau war dein «Auftrag»?

Die Arbeit der Solidaritätskalebassen aufzuzeigen, ausserdem die Auswirkungen der Klimaerwärmung auf Land und Leute. Die Idee war, die Zeichnungen bei Anlässen hier in der Schweiz zu verwenden, um auf diese Weise Eindrücke vom Senegal zu vermitteln. Aber Vreni liess mir für die Arbeit alle Freiheiten.

Warst du schon mal im Senegal?

Nein, das war das erste Mal. Zwar habe ich selbst westafrikanische Wurzeln – mein Vater kommt aus Ghana –, aber ich hatte diese Region Afrikas zuvor noch nie besucht. Deshalb hat mich dieses Projekt auch so gereizt. Ich reiste allein, betreut von AgriBio, dem langjährigen Koordinationsbüro von Fastenaktion im Senegal. Und ich war schon ein bisschen nervös, weil ich dort ja überhaupt niemanden kannte.

Wie hast du das Land und seine Menschen erlebt?

Ich habe gestaunt, wie gesprächig und kontaktfreudig die Menschen sind. Das fing schon an, als ich nach der Ankunft am Flughafen darauf wartete, von AgriBio abgeholt zu werden. Da kam plötzlich ein Soldat auf mich zu. Und ich befürchtete schon irgendwas Schlimmes, aber er wollte nur plaudern – ohne weitere Hintergedanken. So war es auf der ganzen Reise. Wenn ich beim Frühstück im Hotel allein sass, setzte sich sofort jemand dazu und fing an zu reden. (lacht) Die Menschen sind sehr herzlich. Und es gehört zur Gastfreundschaft in islamischen Ländern, dass man immer gleich Tee und Essen angeboten bekommt.

Du hast also viel gegessen?

Oh ja! Das Essen ist deftig, und die Leute servieren ihren Gästen Portionen, die locker für drei reichen würden – zum Beispiel ein ganzes Poulet. Und sie sind sehr enttäuscht, wenn man dann nicht alles aufisst. «Il faut bien manger», haben sie immer gesagt. Das gehört zur Gastfreundschaft, und dafür wird notfalls auch das «letzte Hemd» gegeben. Bei mir führte das viele Essen allerdings auch zu vielen Magenproblemen und Durchfall. Die hygienischen Verhältnisse sind halt schon sehr anders als in der Schweiz – und ich habe ohnehin einen empfindlichen Magen. Aber ich hatte eigentlich keine andere Wahl als trotzdem zu essen. (lacht) Irgendwann wurde es aber so schlimm, dass ich meinen Aufenthalt im Norden Senegals verkürzt habe und zurück in die Stadt Thiès in ein Hotel ging, um mich dort bei Klimaanlage und reduzierter Ernährung zu erholen. Ich hatte da etwa 40 Grad Fieber, also etwa gleich wie die Lufttemperatur. Im Süden war es nicht ganz so heiss, aber richtig gebessert hat sich meine Gesundheit erst in der Schweiz.

Im Norden hast du Projekte von Fastenaktion besucht?

Genau, ich verbrachte dort einige Tage bei einer grossen Gastfamilie, sah mich um, sammelte Eindrücke – begleitet und betreut vom senegalesischen Künstler Mahanta, der parallel zu mir ebenfalls Bilder malte.

Habt ihr euch ausgetauscht über eure Werke?

Schon ein bisschen, aber letztlich hat er seine Sachen gemacht und ich meine. Oft sind es die gleichen Themen, aber in einem anderen Stil und aus anderer Perspektive.

Sofia Poku gibt unserer senegalesischen Partnerorganisation AgriBio Services während ihrer Reise ein Interview.

Du hast Menschen, Tiere und Landschaften gezeichnet, ab und zu auch mal Leute mit Aussagen. Es hat auch viel Grün.

Ja, im August ist Regenzeit, aber es hat weniger geregnet als üblich, was eine Folge der Klimaerwärmung ist. Und man sieht auf den Zeichnungen, dass ich auch in sehr trockenen Regionen unterwegs war – je nördlicher, desto trockener und heisser. Wer kann, wäscht sich mehrmals am Tag, denn durch die Hitze schwitzt man extrem. In vielen Dörfern jedoch haben sie kein Wasser oder nur aus Ziehbrunnen.

Was war dein Eindruck von der Arbeit von Fastenaktion dort?

Ich habe einiges gesehen, die Landwirtschaft, die Solidaritätskalebassen, aber auch, wie gut die Partnerorganisationen ausgerüstet sind, um ihre Arbeit zu machen und deren Wirkung zu dokumentieren. Bei einem Kalebassen-Treffen versammelten sich ausschliesslich Frauen, sassen auf Stühlen um das Gefäss und redeten und redeten, begleitet von Animateur:innen. Mein Eindruck: Je lustiger es die Frauen haben, desto mehr zahlen sie in die Kasse ein. (lacht)

Und wie geht es den Menschen bei all dem?

Sie sind schon arm, aber die Arbeit von Fastenaktion bewirkt wirklich etwas. Auch deshalb, weil die Ansätze die Traditionen der Menschen berücksichtigen. Von den Frauen bei den Kalebassen habe ich einige Geschichten gehört, wie sie dank diesen finanziellen Mitteln Schwierigkeiten lösen konnten, die sonst ein Problem gewesen wären. Insbesondere können sie sich so eine gewisse Unabhängigkeit von ihren Männern verschaffen. Ich selbst habe trotz der Armut weder Obdachlose noch Bettler:innen gesehen, wohl auch weil es in der senegalesischen Kultur tief verankert ist, den Ärmsten zu helfen. Aber es hat überall wahnsinnig viel Abfall, ein Entsorgungssystem gibt es auch in den Städten nicht. Es riecht natürlich auch nicht besonders gut. Jemand sagte mir mal: «Armut stinkt» – und das hat wirklich was.

Das sieht man auf den Zeichnungen aber nie.

Stimmt, Abfall und Gerüche habe ich weggelassen, aber eigentlich gar nicht bewusst. Es ist mehr so passiert. Eigentlich wäre das ja noch wichtig, denn es ist eine Folge der Situation, in der die Menschen leben. Aber anderes hat bei mir schlicht mehr Eindruck hinterlassen.

Gab es neben den Magenproblemen andere schwierige Erlebnisse?

Die Armut führt dazu, dass viele mehr oder weniger diskret nach Unterstützung fragen. Selten auch mal direkt nach Geld, vor allem aber um Hilfe, irgendwie in die Schweiz zu kommen. Sie sehen das als einmalige Chance, mit jemandem direkt zu tun zu haben, der aus einem wohlhabenden Land kommt. Da entstanden schon ab und zu unangenehme Situationen, aber mir fällt es nicht schwer, solche Bitten freundlich zu verneinen und eine gewisse Distanz zu wahren. Vielleicht weil ich das von meinem Vater kenne, der seiner Familie in Ghana zwar hilft, aber auch regelmässig mehr Anfragen bekommt, als er erfüllen kann.

Wie und wo entstanden deine Zeichnungen?

Es gab Tage, an denen ich gar nicht gezeichnet habe, besonders im Norden, als ich gesundheitliche Probleme hatte. Es war mir dort auch zu heiss und manchmal etwas zu laut. So richtig losgelegt habe ich erst im letzten Teil im Hotel in der Stadt, aus dem Gedächtnis oder auf Basis meiner Fotos. Mehr als die Hälfte entstanden aber erst, als ich zurück in der Schweiz war. Die Eindrücke mussten sich erst etwas setzen.

Weshalb hast du manchmal in Farbe und manchmal schwarzweiss gezeichnet?

Die Bleistiftskizzen machte ich ganz am Anfang, als ich noch nicht so recht wusste, wie ich mit den Farben umgehen soll. Die farbigen Bilder entstanden mit Farb- und Filzstiften sowie Neocolor. Und die reinen Farbmuster digital am Computer.

Was soll das Publikum aus deinen Zeichnungen mitnehmen?

Dass der Senegal ein sehr lebendiges, pulsierendes, buntes Land ist, in dem es nicht einfach allen Leuten nur furchtbar geht. Auch dass die Menschen stolz sind auf ihre Kultur und ihre Traditionen. Ich möchte zeigen, wie vielschichtig und reich das Land ist. Senegal hat Potenzial! Da ist eine Basis, auf der man aufbauen kann.

Sofia Poku mit Mitgliedern unserer Partnerorganisation, die sich für eine nachhaltige Landwirtschaft einsetzt.

Zur Person

Sofia Poku (24) macht ein Masterstudium in Kunstvermittlung mit Vertiefung Kunstpädagogik an der Zürcher Hochschule der Künste in Zürich. Sie lebt in einer WG in Winterthur und bei ihren Eltern in Rebstein SG. Ihre berufliche Zukunft sieht Sofia entweder als Gymnasiallehrerin oder im sozialen Bereich.

Diese Website verwendet Cookies, die die Funktionalität der Website ermöglichen. Sie helfen uns dabei, die Interessen unserer Nutzer:innen zu analysieren. Damit optimieren wir für Sie unserer Inhalte und Ihre Spendenmöglichkeiten. Die gesammelten Daten werden weder durch uns noch durch unsere Partner verwendet, um Sie zu identifizieren oder zu kontaktieren. Mehr erfahren

Verheerende Naturkatastrophen, problematische Einmischungen von aussen, krasse Korruption und eine tragische koloniale Historie: Die Gründe für die scheinbar endlose Krise auf Haiti sind vielfältig. Mehr Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft würde helfen – aber nur, wenn dabei das Wohl der Bevölkerung im Zentrum steht und nicht geschäftliche oder politische Interessen der unterstützenden Länder.

Text: Ralf Kaminski, Redaktor bei Fastenaktion

Die indigenen Ureinwohner der Karibikinsel, die Taino, nannten sie einst Kiskeya (wunderbares Land) oder Ayiti (gebirgiges Land). Aus letzterem entstand der Name Haiti. Doch die Tragödie der heute Hispaniola genannten Insel, die sich Haiti und die Dominikanische Republik teilen, begann bereits 1492 mit der Ankunft von Christoph Kolumbus. Mehrere 100‘000 Indigene sollen damals dort gelebt haben. Diese wurden zuerst von den eingeschleppten Seuchen der spanischen Eroberer dezimiert, ab 1503 dann zusätzlich von einem System sklavenartiger Zwangsarbeit.

Ende des 17. Jahrhunderts erkämpfte sich Frankreich den Westteil der Insel und führte ihn zu einer enormen wirtschaftlichen Blüte, die auf Plantagenanbau von Zuckerrohr und Kaffee beruhte. Saint-Domingue, wie Haiti damals hiess, galt für einige Jahrzehnte als Perle der Karibik und war die reichste Kolonie Frankreichs. In den 1780er-Jahren stammten etwa 40 Prozent des Zuckers und 60 Prozent des Kaffees, der in Europa konsumiert wurde, aus Haiti.

 

Revolution brachte Freiheit und neue Probleme

Dies funktionierte nur, weil jährlich Zehntausende Menschen aus Afrika dorthin verschleppt wurden und als Sklav:innen auf den Plantagen schufteten – unter so erbärmlichen Lebensumständen, dass viele nicht überlebten. Die fürstlichen Profite derweil landeten in Frankreich.

Im Nachgang der Französischen Revolution kam es 1791 zur Haitianischen Revolution, einem Aufstand der Sklavinnen und Sklaven, die zu der Zeit rund 90 Prozent der Bevölkerung ausmachten. In einem langen und brutalen Befreiungskrieg erkämpfte sich Haiti schliesslich 1804 als erste «schwarze Nation» seine Unabhängigkeit – misstrauisch beäugt von den benachbarten Sklavenhalternationen, die ein Überspringen befürchteten.  

Die Freude auf der Insel jedoch war von kurzer Dauer. Schon bald übernahm eine Elite von ehemaligen Freiheitskämpfern die Herrschaft und unterdrückte ihrerseits weite Teile der Bevölkerung. Zudem nahm Frankreich den Verlust seiner Kolonie nicht einfach so hin und drohte mit einem erneuten Krieg, falls keine Kompensationszahlungen geleistet würden.

 

Haitis Reichtum floss nach Frankreich

Ein Rechercheteam der «New York Times» kalkulierte 2022, dass Haiti durch diese Zahlungen an die früheren Kolonialherren insgesamt über 100 Milliarden US-Dollar im heutigen Wert verloren gingen – laut internationalen Historiker:innen «die wohl abscheulichste Staatsschuld der Geschichte». Das Fazit der Recherche: Wäre dieses Geld in Haiti geblieben und dort in die Entwicklung der Bevölkerung, der Wirtschaft und der Infrastruktur investiert worden, ginge es dem Land heute sehr viel besser, vergleichbar mit dem Inselnachbarn Dominikanische Republik.

Stattdessen musste Haiti seine Wirtschaft darauf ausrichten, horrende Beträge ins Ausland zu entrichten. Es fokussierte zuerst auf Kaffee, dann auf Tropenholz. In kurzer Zeit verlor das Land 90 Prozent seiner Waldbestände – mit dramatischen Folgen für die Landwirtschaft. Zudem musste sich Haiti anderswo im Ausland verschulden und wurde zwischenzeitlich noch zwei Jahrzehnte von den USA besetzt und ausgeplündert.

Faktisch war die Entwicklung der haitianischen Wirtschaft über 125 Jahre gelähmt. Abbezahlt waren die Schulden an Frankreich erst 1950. Das Land weigert sich bis heute, diese historische Schuld an Haitis Misere angemessen zu kompensieren. Und während die normale Bevölkerung litt, führte eine kleine Elite Haitis weiterhin ein gutes Leben, dank diktatorischen Anführern und krasser Korruption.

In unseren Projekten unterstützen wir gemeinsam mit lokalen Partnerorganisationen Kleinbäuerinnen und Kleinbauern dabei, ihre Ernährung langfristig zu sichern.

Naturkatastrophen und politische Instabilität

Hinzu kommen schwere Naturkatastrophen. So wurde etwa die Hauptstadt Port-au-Prince am 12. Januar 2010 vom schwersten Erdbeben in der Geschichte Nord- und Südamerikas zerstört: Es gab 300’000 Tote, Hunderttausende Verletzte und 1.8 Millionen Obdachlose. Zudem erlebt Haiti immer wieder verheerende Wirbelstürme und Dürren. Allein zwischen 1998 und 2016 verursachten diverse Naturkatastrophen Schäden in Höhe von mehr als 12.5 Milliarden US-Dollar.

Auch die politische Situation bleibt seit dem Sturz der diktatorisch herrschenden, maximal korrupten Duvalier-Familie 1986 instabil. Und seit der Ermordung von Präsident Jovenel Moisé 2021 herrscht faktisch Anarchie. Weite Teile der Hauptstadt werden von kriminellen Banden kontrolliert, Entführungen und Morde sind an der Tagesordnung. Die Polizei ist komplett überfordert – und oft selbst korrupt. Wer kann, verlässt das Land. So gehen die gescheitesten Köpfe verloren, die Haiti so dringend brauchen würde.  

 

Ausbeutung statt Investitionen

Es gibt jedoch noch einen weiteren wichtigen Grund für die Missstände im Land: «Im Gegensatz zu anderen karibischen Ländern hat Haiti nie grosse internationale Investitionen angezogen, weder in die Zuckerindustrie noch in den Tourismus, der in der Karibik seit den 1970er-Jahren floriert», sagt der Koordinator von Fastenaktion auf Haiti. «Solche ausländischen Investitionen kurbeln nicht nur die Wirtschaft an, sie zwingen die Investoren auch, in diesen Ländern die richtigen Entscheide zu treffen, um ihre Investitionen zu schützen.»

Stattdessen unterstütze die internationale Gemeinschaft eine lokale korrupte Wirtschaftselite, die das schnelle Geld im Import-Export-Handel suche. «Natürlich trägt Haiti einen Teil der Verantwortung für die derzeitige Situation», sagt unser Koordinator, dessen Namen wir zu seiner eigenen Sicherheit nicht nennen. «Aber seit über 30 Jahren haben die verschiedenen Regierungen ihre strategischen Entscheidungen entweder in Komplizenschaft oder unter den Forderungen der internationalen Geberländer getroffen. Es gibt also eine gemeinsame Verantwortung.»

 

Ohne Hilfe von aussen geht es nicht

Dass die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft derzeit auf anderen Krisenherden liegt, erschwert die Situation zusätzlich. «Aber es überrascht hier niemanden», sagt unser Koordinator. «Die Konflikte um die Ukraine und in Gaza haben eine geostrategische Bedeutung, die in Haiti fehlt. Und die menschliche Tragödie scheint nicht auszureichen, um die notwendigen Ressourcen zu mobilisieren.»

Dabei bräuchte Haiti gerade jetzt Hilfe von aussen, auch wenn das Land in den letzten Jahrzehnten damit oft negative Erfahrungen gemacht hat. «Wichtig wäre, die Kompetenz der Haitianer:innen bei der Lösung der Herausforderungen einzubeziehen wie das etwa Fastenaktion mit ihrer Unterstützung von Partnerorganisationen vor Ort macht.»

Für eine Besserung braucht es minimale politische Stabilität in Form einer Übergangsregierung sowie die Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung mit externer Hilfe. «Ausserdem freie Wahlen und eine funktionierende Regierung», sagt Benno Steffen, der bei Fastenaktion für das Landesprogramm Haiti zuständig ist. Er fürchtet, dass sich die prekäre Sicherheitslage ansonsten von den aktuellen Hotspots auf weitere Regionen ausbreiten könnte.

Fastenaktion leistet gezielte Nothilfe vor Ort, um die Ernährung der Menschen zu sichern. Erfahren Sie hier mehr darüber.

Haiti wird häufig von Wirbelstürmen heimgesucht. Sie hinterlassen eine Schneise der Verwüstung und zerstören wichtige Infrastrukturen.

In Haiti setzen multiple Krisen der Bevölkerung zu. Die Ernährung von mehr als 3,6 Millionen Menschen ist gefährdet. Erfahren Sie hier mehr über unseren Einsatz im Land.

Unterstützen Sie unseren Einsatz für eine gerechte Welt ohne Hunger

Wählen Sie hier die Summe, die Sie spenden möchten

Kriminelle Banden auf der Karibikinsel haben sich zusammengeschlossen und kontrollieren nun etwa 80 Prozent der Hauptstadt Port-au-Prince. Die Regierung hat den Notstand ausgerufen, die internationalen Flughäfen sind geschlossen, ebenso die Grenze zur Dominikanischen Republik. Der Programmkoordinator von Fastenaktion sitzt in einem Vorort der Hauptstadt fest – vorerst mit ausreichend Vorräten. Unsere Arbeit im Landesprogramm geht dennoch weiter.

Text: Ralf Kaminski, Redaktor bei Fastenaktion

Die Sicherheitslage in Haiti ist schon seit Jahren prekär, doch in den letzten Tagen hat sie sich nochmals dramatisch verschärft. Normalerweise verfeindete kriminelle Banden haben sich zusammengeschlossen, einige Polizisten getötet und die Kontrolle über die Hauptstadt Port-au-Prince weitgehend übernommen. Rund 4000 zum Teil hoch gefährliche Häftlinge wurden aus zwei Gefängnissen befreit. Die Gangs fordern den Rücktritt von Premierminister Henry, der sich aktuell im Ausland befindet und nicht ins Land zurückkehren kann. Die internationalen Flughäfen in Port-au-Prince und Cap Haitien sind geschlossen, ebenso die Grenze zum Inselnachbarn, der Dominikanischen Republik.

Alle Botschaften geschlossen

Die haitianische Regierung hat den Notstand ausgerufen und nachts eine Ausgangssperre verhängt, die in der Hauptstadt aber kaum durchsetzbar sein dürfte. Die Schweiz hatte wie andere Länder ihre Botschaft bereits letztes Jahr geschlossen, nun sind auch die verbleibenden diplomatischen Vertretungen zu. Die USA haben ihre Bürger:innen dazu aufgerufen, Haiti umgehend zu verlassen, was derzeit allerdings kaum möglich ist.  

Der Programmkoordinator von Fastenaktion, dessen Namen wir zu seiner Sicherheit nicht nennen, lebt in einem Vorort von Port-au-Prince und arbeitet von zu Hause aus. Derzeit sind sämtliche Strassen aus seinem Quartier raus blockiert, weshalb er es nicht verlassen kann. Er hat jedoch genügend Wasser und Vorräte im Haus, um einige Zeit ausharren zu können.

Die Mehrheit unserer Partnerorganisationen auf Haiti arbeitet auf dem Land.

Fastenaktion vor allem auf dem Land aktiv

Die Mehrheit unserer Partnerorganisationen auf Haiti arbeitet auf dem Land, wo die Gangs bisher nur eingeschränkt aktiv sind. Die meisten Projektaktivitäten können deshalb trotz der Eskalation weitergehen. Dies sichert für die Menschen eine Versorgung mit lokalen Nahrungsmitteln.

Allerdings ist der Zugang zu Banken, die sich alle in Städten befinden, noch schwieriger als sonst. Zudem ist zu befürchten, dass einige der entflohenen Kriminellen in ihre Heimatregionen zurückkehren, was auch auf dem Land zu einer Destabilisierung führen könnte. Und die Versorgungslage wird generell immer prekärer. In einem der ärmsten Länder der Erde erhöht dies das Risiko, dass schon bald noch mehr Menschen hungern als zuvor.


Banden als neue politische Akteure

Doch was ist das Ziel dieser Eskalation seitens der kriminellen Banden? Benno Steffen, der bei Fastenaktion in Luzern für das Programm in Haiti verantwortlich ist, hat mit unserem Koordinator gesprochen. «Die Gangs wollen sich auf diese Weise wohl als politisch anerkannte Akteure positionieren», sagt Steffen. Es sei ja geplant, dass schon bald ausländische Polizeikräfte mit Uno-Mandat bei der Stabilisierung der Lage auf der Karibikinsel helfen sollen. «Es wird vermutet, dass die Banden sich im Vorfeld eine gute Verhandlungsposition sichern wollen, um später Straffreiheit auszuhandeln, so ähnlich wie dies schon in anderen lateinamerikanischen Ländern passiert ist.»

Die meisten Projektaktivitäten können deshalb trotz der Eskalation weitergehen.

In Haiti setzen multiple Krisen der Bevölkerung zu. Die Ernährung von mehr als 3,6 Millionen Menschen ist gefährdet. Erfahren Sie hier mehr über unsere wirksamen Projekte im Land.

Unterstützen Sie unseren Einsatz gegen Hunger und Armut in Haiti

Wählen Sie hier die Summe, die Sie spenden möchten

Viele Menschen unterstützten die katholische Kirche weiterhin, weil sie noch immer viel Gutes tue, nicht zuletzt durch Fastenaktion, sagt Weihbischof Josef Stübi, der neue Stiftungsratspräsident der Organisation. Zur christlichen Kernbotschaft der Nächstenliebe gehöre auch, ein Bewusstsein für die vielfältige Not und ihre Ursachen zu schaffen.

Text: Ralf Kaminski, Redaktor bei Fastenaktion

Wie wurden Sie zum Nachfolger von Felix Gmür? Haben Sie sich bei der Bischofskonferenz beworben, hatten Sie gar Konkurrenz?

Nein, weder habe ich mich beworben, noch gab es Konkurrenten. Es brauchte einen Nachfolger aus der Bischofskonferenz, und das Gremium fragte mich an. Ich sagte nach kurzer Bedenkzeit zu, auch weil ich die Arbeit von Fastenaktion gut und wichtig finde.

Haben Sie sich denn zuvor schon mit internationaler Entwicklungszusammenarbeit beschäftigt?

Nicht in der Intensität und Komplexität, wie dies bei Fastenaktion geschieht. Aber in meiner 30-jährigen Zeit als Pfarrer habe ich immer wieder Gemeinschaften im Süden besucht, um Projekte ideell oder finanziell zu unterstützen. In Indien zum Beispiel hat die lokale Ordensgemeinschaft in Kerala zwölf Wohnhäuser finanziert, für Menschen, die zuvor in einem Slum gelebt haben. Auf der Insel Flores in Indonesien ging es darum, eine Handwerkerschule für junge Leute aufzubauen, die heute erfolgreich läuft. Ausserdem haben wir in meiner Zeit als Stadtpfarrer von Baden jedes Jahr einen Basar veranstaltet, an dem für ein soziales Projekt gesammelt wurde, immer wieder auch für Projekte im Süden.

Wissen Sie noch, wie Sie Fastenaktion ursprünglich kennengelernt haben?

Aber sicher: bereits als Kind. Wir hatten daheim in Dietwil (AG) immer ein Fastenopfer-Säckchen zu Hause, in dem über die Zeit von der ganzen Familie ein gewisser Batzen zusammenkam. Den haben wir dann am Fastenopfersonntag in die Kirche mitgenommen.

Welche Aspekte unserer Arbeit finden Sie besonders wichtig?

Ich lerne all die Details ja erst noch richtig kennen. Aber auf jeden Fall ist mir die diakonische, soziale Arbeit wichtig, die Fastenaktion macht. Dazu gehört auch die politische Bildung, also dass wir bei den Menschen ein Bewusstsein für die vielfältige Not schaffen und die Ursachen und Zusammenhänge gut verständlich darstellen. Dass wir zeigen, wofür wir stehen. Und da kommt für mich auch die christliche Kernbotschaft ins Spiel: die Nächstenliebe, der Auftrag an uns Christinnen und Christen, unseren Mitmenschen in Not zu helfen. Auch die katholische Soziallehre mit ihren Prinzipien von Solidarität und Gemeinwohl spielt eine Rolle – da gibt es direkte Bezüge zu den Menschenrechten, die heute vielerorts unter Druck stehen.

Was sehen Sie als wichtigste Aufgabe in Ihrem neuen Amt? Worauf freuen Sie sich?

Ich sehe mich als Teil dieses Gemeinschaftswerks und freue mich, die Arbeit von Fastenaktion im Rahmen meiner Möglichkeiten zu unterstützen, sie mitzugestalten und dabei neue Menschen kennenzulernen. Vielleicht kann ich mit meiner langjährigen Erfahrung in den Pfarreien auch dazu beitragen, diese traditionell so wichtige Verbindung wieder ein wenig zu stärken. Es gibt dort weiterhin viele Menschen, die offen sind, für Fastenaktion zu spenden. 

Ist die Organisation gut aufgestellt für die Ziele, die sie erreichen möchte?

Dazu kann ich noch nicht viel sagen, ich muss mich erst noch einarbeiten. Aber mir scheint, dass Fastenaktion auf einer guten, stabilen Basis steht.

Die Spendeneinnahmen aus der kirchlichen Welt nehmen schon seit Jahren ab, wohl auch wegen der Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche. Wie sollte sich Fastenaktion in diesem heiklen Umfeld positionieren, um nicht noch mehr Spender:innen aus der katholischen Welt zu verlieren?

Mein Eindruck ist, dass die Gläubigen durchaus differenzieren zwischen diesen Vorfällen und der sozialen Arbeit der Kirche. Ich denke, wenn wir glaubwürdig und transparent handeln und dies gut kommunizieren, dann bleibt die katholische Welt eine gute Basis zur Finanzierung von Fastenaktion. Die Zahl der Katholik:innen nimmt ab, aber sie unterstützen uns auch deshalb noch immer, weil wir viel Gutes tun. Fastenaktion ist diesbezüglich ein Leuchtturm der Kirche. Die Missbrauchsskandale sind furchtbar, ich will das in keiner Weise kleinreden. Gleichzeitig sollten wir engagiert weiterarbeiten und eine neue Wirklichkeit von Kirche anstreben. Ich bin auch durchaus optimistisch, dass dies gelingt.

Sollten wir dennoch versuchen, neue Spender:innen auch aus säkularen Kreisen zu gewinnen?

Das passiert ja bereits, und das ist auch richtig und legitim. Wir dürfen einfach nicht vergessen, woher wir kommen: unser christlicher Hintergrund. Umso mehr als uns das auch auszeichnet.

Was erhoffen Sie sich persönlich von Ihrem neuen Engagement?

Dass ich den Anforderungen der Aufgabe gerecht werde. Und da bin ich auch froh um die Menschen, die mit mir gemeinsam diesen Weg gehen. Wichtig ist mir ausserdem, dass bei all dem die Freude nicht zu kurz kommt, auch wenn es zwischendurch mal schwierig sein kann.

Josef Stübi ist seit Anfang Februar Stiftungsratspräsident von Fastenaktion.

Zur Person

Josef Stübi (62) ist seit Anfang Februar Stiftungsratspräsident von Fastenaktion. Der Weihbischof der Diözese Basel war viele Jahre Stadtpfarrer von Baden (AG) und ist schon seit 1987 als Seelsorger tätig. Er wohnt in Solothurn. Weihbischöfe gibt es in Diözesen, in denen die Aufgaben wegen ihrer Grösse nicht vom Diözesanbischof allein erfüllt werden können. Der Weihbischof vertritt ihn unter anderem bei Weihehandlungen und in manchen Gremien.

Trotz der teils prekären Sicherheitslage in Haiti ist Fastenaktion dort weiterhin im Einsatz. Die Projektarbeit sei gerade deswegen besonders wertvoll, sagt unser lokaler Koordinator vor Ort.

Ein Interview mit J. V.*, Koordinator in Haiti bei Fastenaktion
Text: Ralf Kaminski, Redaktor bei Fastenaktion

Wie kommen die Projekte von Fastenaktion auf Haiti voran?

So weit gut. Mit den agrarökologischen Techniken und den Solidaritätsgruppen stärken wir die Ernährungssicherheit, die finanzielle Situation und das Selbstbewusstsein der dörflichen Gemeinschaften. Davon profitieren insgesamt mehr als 20 000 Menschen. Das funktioniert aber nur, weil die Sicherheitslage in den ländlichen Gebieten noch einigermassen okay ist.

Das ist sie sonst nicht?

Nein. Seit ich 2019 mitten in einer politischen Krise mit dieser Arbeit begonnen habe, ist es eher schlechter geworden.

Was sind die Ursachen dieser Krise?

Die aktuelle begann mit einem Volksaufstand gegen die korrupte Regierung. Doch inzwischen haben schwer bewaffnete Banden die Demonstrationen gestoppt und überziehen den Grossraum Port-au-Prince ungestört mit ihrem Terror, was ernste Folgen für die Mobilität hat.

Zum Beispiel?

Man sollte die Stadt nicht verlassen, ohne die aktuelle Sicherheitslage am Zielort und auf dem Weg dorthin abzuklären. Ich halte mich über diverse WhatsApp-Gruppen auf dem Laufenden, telefoniere mit Leuten vor Ort, höre Radio. Und es kommt immer wieder vor, dass ich auf Besuche verzichte, weil die Lage zu gefährlich ist. Oft ist die Lösung, eine Teilstrecke zu fliegen und dann mit dem Auto weiterzufahren.

Was tun denn diese Banden?

Sie errichten Strassenblockaden und fordern Geld für die Weiterfahrt. Es kommt auch regelmässig zu Entführungen, 2023 gab es allein bis September mehr als 900, wobei 63 Ausländer:innen betrafen. Darüber hinaus plündern die Banden ganze Stadtviertel und verjagen deren Bewohner:innen. Zehntausende wurden so schon vertrieben.

Eine Bäuerin bewirtschaftet ihr agrarökologisches Feld.
Die meisten Fastenaktion-Projekte in Haiti befinden sich in ländlichen Regionen. Dort ist die Sicherheitslage weniger angespannt.

Ist auch der Zugang zu unseren Projekten beeinträchtigt?

Die meisten befinden sich in ungefährlicheren ländlichen Regionen. Aber zwei Partnerorganisationen im Departement Artibonite habe ich aus Sicherheitsgründen schon seit zwei Jahren nicht besucht. Doch diese Krisensituation macht unsere Arbeit umso wertvoller: Die Agrarökologie hilft den Menschen, die benötigten Nahrungsmittel selbst anzubauen. Und die Solidaritätsgruppen geben ihnen Zugang zu Kleinkrediten. Schwierig hingegen sind alle Aktivitäten, die einen funktionierenden Staat voraussetzen.

Es sollen nun ein Jahr lang 1000 ausländische Polizisten unter Uno-Aufsicht beim Kampf gegen die Banden helfen. Wird das etwas ändern?

Die letzte vergleichbare Mission endete vor fünf Jahren und brachte offensichtlich nicht viel. Entsprechend skeptisch ist die Bevölkerung. Klar ist: Die bewaffnete Unterstützung ist nötig, Haiti hat keine Armee und weniger als 10 000 Polizisten auf 12 Millionen Einwohner:innen.

Die Lage in Haiti ist seit Jahrzehnten schwierig, wo liegt das Problem?

Der schwache Staat ist eine Folge von historischen Entwicklungen und fehlenden Strukturen. Die korrupte Elite presst Haiti aus wie eine Zitrone und zeigt kein Interesse, ihren Nachkommen ein funktionierendes Land zu hinterlassen. Und die Geberländer sorgen sich stets, dass die Lage komplett ausser Kontrolle gerät, weshalb sie selbst sehr korrupte Regierungen stützen. Ein grosses Problem ist zudem der Braindrain: Über 80 Prozent der Haitianer:innen mit Uni-Abschluss leben im Ausland.

*Aufgrund der angespannten Sicherheitslage in Haiti verzichten wir auf eine namentliche Nennung.

Agrarökologischer Anbau ermöglicht eine unabhängige Nahrungsmittelversorgung.
Dank agrarökologischer Techniken können Bäuerinnen und Bauern unabhängig Nahrungsmittel anbauen.

In Haiti setzen multiple Krisen der Bevölkerung zu. Die Ernährung von mehr als 3,6 Millionen Menschen ist gefährdet. Erfahren Sie hier mehr über unsere wirksamen Projekte im Land.

Unterstützen Sie unseren Einsatz gegen Hunger und Armut in Haiti

Wählen Sie hier die Summe, die Sie spenden möchten

Der Uno-Menschenrechtsrat setzt im Frühling 2024 eine neue Expertengruppe ein, die für die Förderung und Überwachung der Rechte von Bäuerinnen und Bauern verantwortlich ist. Dies erleichtert die weltweite Sensibilisierung von Behörden und Zivilgesellschaft für die Herausforderungen der kleinbäuerlichen Nahrungsmittelproduktion. 

Obwohl Bäuerinnen und Bauern, Viehzüchter:innen und andere Menschen, die im ländlichen Raum arbeiten, eine tragende Rolle spielen, um die weltweite Ernährungssicherheit zu gewährleisten, erhalten sie in vielen Ländern kaum Unterstützung. Im Gegenteil: Durch die verstärkte Industrialisierung der Landwirtschaft und politische Konflikte wird ihnen der Zugang zu Land, Wasser oder traditionellem Saatgut erschwert oder gar entzogen. Zudem sind sie den Folgen der Klimaerwärmung besonders stark ausgesetzt. 

Damit den Worten Taten folgen 

Um diese Menschen besser zu schützen, verabschiedete die Uno 2018 die «Erklärung für die Rechte von Kleinbauern und anderen Menschen, die in ländlichen Regionen arbeiten» (UNDROP), in der unter anderem das Recht auf Land, Wasser, Saatgut und agrarökologische Produktionsformen festgelegt ist. Aber auch das Recht, selbstbestimmt über die eigenen wirtschaftlichen Ziele und Ernährungsweisen bestimmen zu können. 

Nun hat der Uno-Menschenrechtsrat in Genf diese Rechte vergangene Woche nochmals gestärkt: Eine fünfköpfige Expertengruppe soll ab Frühling 2024 sicherstellen, dass den Worten auch wirklich Taten folgen. So erhalten nun weltweit Bäuerinnen und Bauern die Möglichkeit, auf missachtete Rechte hinzuweisen und die Umsetzung der Deklaration in ihrem Land voranzubringen. Das Gremium soll zudem den Erfahrungsaustausch und die Zusammenarbeit fördern, Länderbesuche durchführen und auf Rechtsverstösse aufmerksam machen.

Politisches und rechtliches Instrument 

Fastenaktion steht für das Recht auf Nahrung ein und fördert die Rechte der Bäuerinnen und Bauern als Mitglied der Koalition «Friends of the Declaration» und durch das internationale Projekt RAISE («Rights-based and Agroecological Initiatives for Sustainability and Equity»). Dieses hat sich stark für die Bildung einer solchen Expertensruppe eingesetzt und sieht den Entscheid als grossen Fortschritt. «Das ist ein wichtiges politisches und rechtliches Instrument zur Förderung kleinbäuerlicher Rechte», sagt Christa Suter, Expertin für Ernährungssysteme bei Fastenaktion. «Der mit grosser Mehrheit gefallene Uno-Entscheid illustriert zudem die wachsende internationale Anerkennung der zentralen Rolle, die kleinbäuerliche Familien bei der Nahrungsmittelproduktion und beim Schutz von Umwelt und Biodiversität spielen 

Die Arbeitsgruppe besteht aus Expert:innen von fünf Kontinenten, die im März 2024 gewählt werden. RAISE hat angekündigt, eng mit dem neuen Gremium zusammenzuarbeiten, um seinen Erfolg zu unterstützen. Die Stärkung bäuerlicher Rechte ist ein zentraler Pfeiler, um dem Hunger entgegenzuwirken. 

Die Medienmitteilung von RAISE finden Sie hier.

Sie möchten mehr über RAISE erfahren? Weitere Informationen zum Projekt finden Sie hier.

Eine Kleinbäuerin in Südafrika kontrolliert ihr Feld. Sie wird von der «Rural Women’s Assembly» unterstützt, einer Partnerorganisation von Fastenaktion, die auch Teil des Projekts RAISE ist.

Unterstützen Sie unseren Einsatz für die Rechte von Bäuerinnen und Bauern

Wählen Sie hier die Summe, die Sie spenden möchten

Christa Suter ist Expertin für Ernährungssysteme und kümmert sich bei Fastenaktion um das Landesprogramm in Kenia. Im Gespräch zum Welthungertag erklärt sie, weshalb so viele Menschen unter Hunger leiden und welche Ansätze trotz allem Hoffnung schaffen.

Text von Manolito Steffen, OnlineRedaktor bei Fastenaktion

Jeder zehnte Mensch auf der Welt hat nicht genug zu essen. Weshalb sind es noch immer so viele? 

In jeder Region gibt es unterschiedliche Gründe für Hunger. Die klimatischen Veränderungen wirken sich jedoch weltweit auf die Landwirtschaft aus und vermindern die Erträge. Hinzu kommen häufig politische und wirtschaftliche Faktoren: Wer hat Zugang zu ausreichend gesunder Nahrung? Und wer kann sich welche Nahrung leisten? Vielerorts ist das Preisniveau für Getreide und andere Nahrungsmittel geradezu explodiert, weil auch die Benzin- und Energiekosten steigen. Die Inflation in den Projektländern von Fastenaktion ist um einiges höher als in der Schweiz. Wer schon in extremer Armut lebt, kann sich diese Preise schlicht nicht leisten. 

«Die Hungersituation in vielen Ländern gibt weiterhin Anlass zu grosser Sorge»

Immerhin hungern knapp 100 Millionen Menschen weniger als im vergangenen Jahr, rund 700 Millionen insgesamt. Zeichnet sich also eine Verbesserung der Situation ab? 

Nur unwesentlich, die Lage ist immer noch höchst dramatisch. Während der Hunger seit dem Jahr 2000 schrittweise zurück ging, erleben wir seit 2015, dass die Fortschritte stagnieren, respektive sich der Hunger während der Corona-Pandemie nochmals verschärft hat. Erfolge gibt es punktuell, aber die Hungersituation in vielen Ländern gibt weiterhin Anlass zu grosser Sorge. Denn hinter jedem Menschen steht ein persönliches Schicksal. Und Hunger wirkt sich ein Leben lang aus, besonders die Entwicklung von Kindern wird beeinträchtigt. Aber auch Frauen sind stark betroffen: Sie sind es häufig, die verzichten, wenn das Essen nicht für die ganze Familie reicht.  

 

Hätten wir denn grundsätzlich genug Nahrung, um weltweit alle zu ernähren? 

Ja, eigentlich gäbe es genügend Essen für alle Menschen. Neben der grossen Menge Nahrungsmittel, die weggeworfen werden, ist aber insbesondere die Verteilung ungerecht. Sowohl zwischen dem globalen Süden und Norden als auch in den Ländern selbst. Letztlich ist es eine moralisch-ethische Frage, ob wir als globale Gemeinschaft bereit sind, diesen ungerechten Zustand zu verändern oder nicht. 

Die kenianische Bäuerin Faith Wanjiru schneidet eine Frucht, die sie zuvor aus ihrem Garten geerntet hat. Der Welthunger kann durch agrarökologische Anbaumethoden gebremst werden.
Umso mehr Nahrungsmittel eigenhändig produziert werden, desto unabhängiger sind die Menschen von den hohen Marktpreisen.

Du bist auch für das Landesprogramm von Fastenaktion in Kenia verantwortlich. Wie ist dort die Lage? 

Im westlichen Kenia konnten die Bäuerinnen und Bauern ernten, jedoch folgte eine Trockenheit. In der zweiten Anbausaison hat es wieder geregnet. Allerdings waren die Niederschläge so heftig, dass es vielerorts Überschwemmungen gab. Die Menschen im Südosten des Landes warten hingegen immer noch auf Regen. Die Bäuerinnen und Bauern haben keine Bewässerungssysteme und sind der Dürre ausgeliefert. Gleichzeitig spitzt sich in Kenia die Not wegen der allgemeinen Teuerung zu.

«Ein wichtiger Ansatz ist, die Vernetzung unter den Bäuerinnen und Bauern zu fördern»

Was unternimmt Fastenaktion, um dem Hunger dort entgegenzuwirken? 

Wir befähigen Bäuerinnen und Bauern, unabhängig und eigenständig lokale Ernährungssysteme aufzubauen, die unter anderem gegenüber Dürren widerstandsfähiger sind. Der Fachbegriff dafür heisst Agrarökologie und umfasst eine lokal angepasste und umweltschonende Landwirtschaft. Ein wichtiger Ansatz ist, die Vernetzung unter den Bäuerinnen und Bauern zu fördern. Sie schliessen sich in Solidaritätsgruppen zusammen und bestärken sich so gegenseitig. Mittlerweile sind in den kenianischen Projekten von Fastenaktion 545 Solidaritätsgruppen mit knapp zehntausend Mitgliedern aktiv, drei Viertel davon Frauen. Sie können mit agrarökologischen Anbaumethoden ausreichend gesunde Nahrungsmittel für ihre Familien produzieren und ihre Widerstandskraft gegen Klimaveränderungen wie Dürren stärken.  

Die kenianische Bäuerin Faith Wanjiru ist einem Fastenaktion-Projekt aktiv. Klicken Sie hier, um in ihre multimedial erzählte Geschichte «Von der Dürre zur Ernte» einzutauchen.

Die kenianische Bäuerin Faith Wanjiru arbeitet auf ihrem Feld mit agrarökologischen Methoden. Dieser Ansatz ist zentral, um dem Welthunger entgegenzuwirken.
Dank agrarökologischer Anbaumethoden können trotz Dürre ausreichend gesunde Nahrungsmittel produziert werden.

Wir schaffen Hoffnung – helfen Sie uns dabei?

Unterstützen Sie unseren Einsatz für eine gerechte Welt ohne Hunger.

Die Klimaerwärmung trifft die verletzlichsten Gruppen am stärksten, so auch die Bevölkerung in Senegal. Aboubarcry Sall ist Koordinator unseres Projekts Bamtaree-Podor und erzählt, welche Folgen die Klimakrise mit sich bringt und welche Massnahmen getroffen werden.

 

«Verantwortlich für die Dürre und den Wassermangel in der Region Fouta im Norden Senegals ist die Klimaerwärmung, die zu einem massiven Verschwinden von Pflanzen- und Tierarten führt und zu einer immer grösseren Ernährungsunsicherheit der lokalen Bevölkerung und des Viehs beiträgt. Weideflächen und Wasser fehlen. Dies gerade auch, weil wasserintensive Bewässerungskulturen für den Reisanbau mit dem Missbrauch von chemischen Düngemitteln und Pestiziden negative Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung haben. Die Viehzüchter sind auf der Suche nach Weideland gezwungen, sich für eine lange Zeit weit weg von ihrem angestammten Zuhause zu bewegen. Zieht die ganze Familie mit, wirkt sich das nachteilig auf die Schulbildung der Kinder aus.

Unregelmässiger Niederschlag

Seit mehr als drei Jahrzehnten stellen wir eine zunehmende Unregelmässigkeit des Wetters fest, verbunden mit der Abnahme von Regenfällen. Früher dauerte die Regenzeit von Mai bis Oktober, also sechs Monate mit 400 bis 500 mm Wasser. In den letzten zwanzig Jahren dauerte sie jedoch nur von August bis Oktober, das bedeutet weniger als 250 mm Wasser. Dafür haben wir in regenreichen Jahren mit Überschwemmungen zu kämpfen.

Anpassungen an die Klimaerwärmung

Dennoch sind die Menschen widerstandsfähig. Sie entwickeln gemeinsam Strategien, um sich an die Umstände anzupassen. Um den Zugang zu Wasser zu sichern, bohren sie nach Brunnen und legen Teiche an. Für die Landwirtschaft nutzen sie dürreresistentes lokales Saatgut für den Getreide- und Gemüseanbau auf Familien- oder Gemeinschaftsfeldern. Sie bilden Solidaritätsgruppen, um sich in Zeiten des Mangels gegenseitig unterstützen zu können.»

Der Ansatz der Solidaritätsgruppen stammt aus Senegal, welcher ein zentraler Pfeiler in der Arbeit von Fastenaktion ist. Erfahren Sie hier mehr über die Solidaritätsgruppen.

Die anhaltende Trockenheit lässt Menschen und Tiere in Senegal leiden.
Die anhaltende Trockenheit lässt Menschen und Tiere in Senegal leiden.

Unterstützen Sie die Menschen in Senegal bei ihrem Recht auf Nahrung

Wählen Sie hier die Summe, die Sie spenden möchten

In Madagaskar zeichnet sich die Klimakrise mit ihren schweren Folgen ab. Abwechselnde Trockenperioden treffen auf übermässige Regenfälle und Wirbelstürme. Dies führt zu Ernteausfällen in der Landwirtschaft, wie unsere Programmkoordinatorin in Madagaskar, Diary Ratsimanarihaja, erklärt.

«Nach drei aufeinanderfolgenden Jahren ohne Regen zogen im Februar 2022 zwei Wirbelstürme (Batsirai und Emnati) über den Süden des Landes hinweg. Im Bezirk Betioky hat es im Februar und März dieses Jahres endlich wieder geregnet. Die Bewohnerinnen und Bewohner sind froh darüber. Aber die Auswirkungen sind nicht so, wie sie es sich erhofft haben. Die starken Regenfälle, vor allem während der Wirbelstürme, haben Schäden an den Kulturen verursacht. Die wichtigste Kulturpflanze in der Region, der Maniok, bildete keine Knollen aus, und Stecklinge verfaulten aufgrund des übermässigen Wassers. Die Gemüsesamen, die sie während der langen Dürreperiode nicht aussäen konnten, keimten nicht mehr, als sie sie in die Erde brachten. Diese zunehmende Trockenheit ist auf die Klimaerwärmung zurückzuführen. Der Süden Madagaskars hat ein semiarides Klima. Regen fällt dort schon in «normalen Zeiten» spärlich. Nach einer langen Phase des Regenmangels hat sie sich noch nicht erholt. Die diesjährige landwirtschaftliche Produktion ist aufgrund von Problemen mit dem Saatgut noch nicht ausreichend. Bleibt der Regen auch in der nächsten Anbauperiode aus, besteht die Gefahr einer weiteren Hungersnot für die Menschen in der Region.

Solidaritätsgruppen und Agrarökologie als Ansätze

Angesichts dieser Situation ist die Stärkung von Solidaritätsgruppen wichtig, um wieder gemeinsame Ersparnisse anzulegen, um so Notlagen vorzubeugen. Die Vermittlung von nachhaltigen landwirtschaftlichen Anbaumethoden ist ein integraler Bestandteil des Projekts Tsinjo Aina von Fastenaktion. Um die Widerstandsfähigkeit der landwirtschaftlichen Kulturen sowie der Menschen gegenüber der Klimaerwärmung zu verbessern, sind agrarökologische Techniken unsere Verbündeten: Förderung der Diversifizierung und Kombination von Kulturen, um die Schäden durch Schädlinge zu minimieren und eine Vielfalt an Nahrungsmitteln für die Männer und Frauen, die das Land bearbeiten, aber auch für ihre Kinder zu gewährleisten.

Wasser als unabdingbares Gut

Der Ausdruck «Wasser, Quelle des Lebens» ist in dieser Region wirklich gerechtfertigt. Wasser ist eine wertvolle Ressource, die für die Landwirtschaft unerlässlich ist. Dank dem Rano-Aina Projekt verfügen einige Dörfer über Brunnen und Bohrungen, die es den Bewohnern ermöglichen, agrarökologische Techniken in Gemeinschaftsgärten in der Nähe der Pumpen zu erlernen und zu praktizieren. Diese Gärten tragen sowohl zur Nahrungsmittelproduktion als auch zur Saatgutproduktion bei und stellen eine zusätzliche Einkommensquelle für die Mitglieder der Solidaritätsgruppen dar. In mehreren Dörfern sind die Brunnen jedoch veraltet und beschädigt. Die Instandsetzung der Pumpen würde sich enorm auf die Verbesserung der Widerstandsfähigkeit der Bauern und Bäuerinnen auswirken. Sie sind bereit, ihren Teil beizutragen, wie beispielsweise durch die Bereitstellung von Arbeitskräften und die Lieferung von Sand und Kies.»

Seit über 20 Jahren stehen im Mittelpunkt der Arbeit von Fastenaktion und seinen Partnerorganisationen Solidaritätsgruppen. Dank des Ansatzes wird der Hunger nachhaltig und langfristig reduziert. Erfahren Sie hier mehr darüber.

Etahery, Familienvater und Mitglied der Solidaritätsgruppe, hat das verfügbare Regenwasser genutzt, um ein wenig Reis, verschiedene Gemüsesorten und die Mischkulturen Maniok, Mais und Süsskartoffeln anzubauen.
Der Familienvater Etahery ist Mitglied einer Solidaritätsgruppe. Er hat agrarökologische Anbaumethoden angewendet, um verschiedene Gemüsesorten anzubauen.

Unterstützen Sie die Menschen in unseren Madagaskar-Projekten

Wählen Sie hier die Summe, die Sie spenden möchten

Die Folgen der Klimakrise machen sich in Nepal stark bemerkbar. Die Monsunregenfälle werden immer unregelmässiger, was schwere Folgen für die Landwirtschaft hat. Samrat Katwal ist unser Programmkoordinator in Nepal und berichtet über die Auswirkungen für die Bevölkerung im Land.

 

«Ungefähr zwei Drittel der nepalesischen landwirtschaftlichen Betriebe werden von Regenwasser gespeist und sind grösstenteils von den Monsunregenfällen abhängig. Obwohl die Landwirtschaft nur ein Viertel der Wirtschaftsleistung ausmacht, ernährt sie mehr als die Hälfte der Bevölkerung. Unsere Wirtschaft hängt von der Landwirtschaft und die Landwirtschaft von den Klimaschwankungen ab. Doch leider können unsere Bäuerinnen und Bauern das Klimageschehen nicht steuern, denn es hängt von der Lebensweise von Millionen Menschen weltweit und der Politik von Dutzenden anderer Länder ab. In vielen Teilen Nepals war der Winter trocken, das beeinträchtigte die Weizenproduktion. Darauf folgte eine weitere Welle von Trockenheit im Frühjahr, die sich auf die Maisproduktion auswirkte. Für viele Nepali sind Weizen und Mais die wichtigsten Grundnahrungsmittel – vor allem für die Menschen in den abgelegenen Gebieten, in denen kein Reis angebaut werden kann. Um den Beginn des Monsunregens herum, der von Juni bis September dauert, waren die Wasserquellen versiegt.

Agrarökologie als Lösungsansatz

Trockenperioden gehören in Nepal zur Landwirtschaft. Die Menschen haben sich entsprechend angepasst. Was Wissenschaft und Landwirtschaft jedoch gleichermassen beunruhigt, ist die anhaltende Trockenheit in Zeiten, in denen es eigentlich regnen sollte, und die zu einer Dürre führt. Der Aufbau eines widerstandsfähigen Ernährungssystems durch die Anpassung der Landwirtschaft an die lokalen Ökologie – und sozialen Sicherheitsnetze – durch soziale und kulturelle Solidarität sind der Schlüssel. In Krisenzeiten bekommt die Erkenntnis, dass die Agrarökologie die Widerstandsfähigkeit stärkt, noch mehr Bedeutung. Viele Antworten auf das Problem der Dürre finden sich in traditionellen landwirtschaftlichen Praktiken: der Anbau von traditionellen Wurzelsorten, Hirse, Brennnesseln als Gemüse. Wenn man solche Ernährungspraktiken genau beobachtet, kann man die Weisheit der Vorfahren entdecken. Diese Weisheit wird derzeit vernachlässigt und muss wiederbelebt werden. Dennoch ist die Agrarökologie kein Traum, der sofort in Erfüllung geht. Sie erfordert Geduld und Schweiss. Bis dahin müssen die Menschen überleben, und wenn dieses Überleben eine vorübergehende Nahrungsmittelhilfe bedeutet, muss auch diese geleistet werden.»

Die Partnerorganisationen von Fastenaktion in Asien, Afrika und Lateinamerika setzen sich für agrarökologische Ansätze ein. Erfahren Sie hier mehr über das Thema.

Bauer Sete Budha arbeitet auf seinem Feld nach agrarökologischen Anbaumethoden.
Bauer Sete Budha hat im Fastenaktion-Projekt gelernt, agrarökologische Anbaumethoden anzuwenden.

Unterstützen Sie Menschen in Nepal in ihrem Recht auf Nahrung

Wählen Sie hier die Summe, die Sie spenden möchten

Unsere Kollegin Daria Lepori ist vor kurzem aus Kolumbien zurückgekehrt. Sie besuchte Fastenaktion-Projekte, die eine nachhaltige Landwirtschaft fördern, und hat daran beteiligte Personen getroffen. Hier erzählt sie, was sie besonders beeindruckt hat.

Ein Interview mit Daria Lepori, Sensibilisierung und Ökumenische Kampagne in der italienischen Schweiz

Unter welchen Bedingungen leben die Menschen, die du besucht hast?

Sie leben wirklich bescheiden. Unter anderem haben wir zwei Bauernhöfe in Morales besucht, im Departement Cauca im Westen Kolumbiens. Dort bauen etwa neun von zehn Menschen Kokapflanzen an. Dies ist nicht nur illegal, sondern wegen der vielen verwendeten Düngemittel und Pestizide auch umweltschädlich. Politisch möchte man diesen Anbau unterbinden, doch der Verzicht auf den Kokaanbau erfordert Mut und Entschlossenheit von den Bauernfamilien. Für eine Umstellung auf eine nachhaltige Landwirtschaft zur Selbstversorgung braucht es zudem Unterstützung von aussen, wie sie unser Programm in diesem Land bietet. Heute ist der Kokaanbau für viele die einzige Einkommensquelle, und es gibt erheblichen Druck durch die Drogenhändler. Ausserdem sind viele Bauernfamilien verschuldet, denn die verwendeten Düngemittel sind sehr teuer, und die Geldverleiher verlangen für ihre Kredite hohen Zinsen, die sie jeden Tag zurückzahlen müssen – ein System, das «gota a gota» (Tropfen für Tropfen) genannt wird.


Wie engagiert sich unsere Partnerorganisation vor Ort?

Die Organisation Semillas de Agua betreibt Projekte in verschiedenen Departementen Kolumbiens und beschäftigt sich vor allem mit der Bodensanierung. Ihr Leiter David Diaz, ein ausgebildeter Agronom, vermittelt den Bauernfamilien die Bedeutung eines fruchtbaren Bodens, der Qualitätsprodukte für eine gesunde Ernährung und ein gesundes Leben hervorbringt. Er bringt ihnen bei, wie man mit agrarökologischen Methoden durch Pestizide vergiftete Böden in fruchtbare, produktive Böden verwandelt, die auch CO2 binden können. In Kolumbien ist der Boden eine stetige Quelle von Konflikten: Die einen wollen ihn für die Gewinnung von Rohstoffen ausbeuten, die anderen für den Anbau von Kokapflanzen nutzen.


Was hat
dich an den Menschen besonders beeindruckt, die an den von Fastenaktion unterstützten Projekten teilnehmen?

Ihre Entschlossenheit und ihr Enthusiasmus. Umso mehr sie durch den Entscheid für ein anderes Leben hohem psychologischen Druck ausgesetzt sind, wo doch alle um sie herum weiterhin Koka anbauen. Doch der Ansatz von Fastenaktion dort verändert ihr Leben wirklich zum Besseren. Inzwischen können die Projektteilnehmenden viele selbst produzierte Lebensmittel wie Kaffee oder Papayas für sich nutzen. 

Zwei Begünstigte aus einem Projekt in Kolumbien zeigen zufrieden ihren Garten.
Während der Projektreise besuchte Daria Lepori Begünstigte der Projekte.

Wie wirkt sich das Projekt sonst noch auf das Leben der Beteiligten aus?

Sie lernen, einen kritischen Blick auf das zu werfen, was bisher getan wurde, und erkennen die positiven Auswirkungen einer anderen Landwirtschaft für die Menschen und die Umwelt. Ein junger Landwirt berichtete, dass sich dank der agrarökologischen Landwirtschaft nicht nur seine Ernteerträge erhöht haben, sondern sich durch die gesündere Ernährung auch der Gesundheitszustand seines kranken Vaters verbessert hat. Die Menschen lernen zudem, mit weniger Holz zu kochen und Fische in Teichen zu züchten, die mit Hilfe solarbetriebener Pumpen mit Wasser aus nahegelegenen Bächen gespeist werden. Dies bereichert einerseits ihre Ernährung, andererseits können sie die Fische, die sich nicht selbst essen, auf dem Markt verkaufen, so dass sie ein kleines Einkommen haben. Und die Fische werden in solarbetriebenen Kühlschränken gelagert.


Gibt es etwas, das dich besonders beeindruckt hat?

Was ich überall besonders stark wahrgenommen habe, ist die Einheit zwischen Menschen, Land und Umwelt – wenn man so will der Ort, an dem sich Mensch und Gott treffen. Man kann die Mutter Erde wirklich wahrnehmen, die zum Beispiel den Kaffee nährt und produziert, den ich seit Jahren trinke und nie habe wachsen sehen. Allerdings sind mir bei den Besuchen anderer Projekte auch die tiefen Wunden aufgefallen, die die Jahre des Bürgerkriegs bei der Bevölkerung hinterlassen haben, mit Zwangsumsiedlungen, Morden und dem Verschwinden von Menschen.

Fastenaktion setzt sich in Kolumbien für das Recht auf Nahrung der Bevölkerung ein. Eine nachhaltige Landwirtschaft spielt dabei eine zentrale Rolle. Erfahren Sie hier mehr über das Landesprogramm in Kolumbien.

Ein Fischteich, der im Rahmen eines Fastenaktion-Projekts entstanden ist und die Ernährungssicherheit erhöht.
In den Projekten werden unter anderem Fischteiche angelegt, die Ernährungssicherheit schaffen.

Unterstützen Sie die Menschen in Kolumbien in ihrem Recht auf Nahrung

Wählen Sie hier die Summe, die Sie spenden möchten