Verheerende Naturkatastrophen, problematische Einmischungen von aussen, krasse Korruption und eine tragische koloniale Historie: Die Gründe für die scheinbar endlose Krise auf Haiti sind vielfältig. Mehr Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft würde helfen – aber nur, wenn dabei das Wohl der Bevölkerung im Zentrum steht und nicht geschäftliche oder politische Interessen der unterstützenden Länder.

Text: Ralf Kaminski, Redaktor bei Fastenaktion

Die indigenen Ureinwohner der Karibikinsel, die Taino, nannten sie einst Kiskeya (wunderbares Land) oder Ayiti (gebirgiges Land). Aus letzterem entstand der Name Haiti. Doch die Tragödie der heute Hispaniola genannten Insel, die sich Haiti und die Dominikanische Republik teilen, begann bereits 1492 mit der Ankunft von Christoph Kolumbus. Mehrere 100‘000 Indigene sollen damals dort gelebt haben. Diese wurden zuerst von den eingeschleppten Seuchen der spanischen Eroberer dezimiert, ab 1503 dann zusätzlich von einem System sklavenartiger Zwangsarbeit.

Ende des 17. Jahrhunderts erkämpfte sich Frankreich den Westteil der Insel und führte ihn zu einer enormen wirtschaftlichen Blüte, die auf Plantagenanbau von Zuckerrohr und Kaffee beruhte. Saint-Domingue, wie Haiti damals hiess, galt für einige Jahrzehnte als Perle der Karibik und war die reichste Kolonie Frankreichs. In den 1780er-Jahren stammten etwa 40 Prozent des Zuckers und 60 Prozent des Kaffees, der in Europa konsumiert wurde, aus Haiti.

 

Revolution brachte Freiheit und neue Probleme

Dies funktionierte nur, weil jährlich Zehntausende Menschen aus Afrika dorthin verschleppt wurden und als Sklav:innen auf den Plantagen schufteten – unter so erbärmlichen Lebensumständen, dass viele nicht überlebten. Die fürstlichen Profite derweil landeten in Frankreich.

Im Nachgang der Französischen Revolution kam es 1791 zur Haitianischen Revolution, einem Aufstand der Sklavinnen und Sklaven, die zu der Zeit rund 90 Prozent der Bevölkerung ausmachten. In einem langen und brutalen Befreiungskrieg erkämpfte sich Haiti schliesslich 1804 als erste «schwarze Nation» seine Unabhängigkeit – misstrauisch beäugt von den benachbarten Sklavenhalternationen, die ein Überspringen befürchteten.  

Die Freude auf der Insel jedoch war von kurzer Dauer. Schon bald übernahm eine Elite von ehemaligen Freiheitskämpfern die Herrschaft und unterdrückte ihrerseits weite Teile der Bevölkerung. Zudem nahm Frankreich den Verlust seiner Kolonie nicht einfach so hin und drohte mit einem erneuten Krieg, falls keine Kompensationszahlungen geleistet würden.

 

Haitis Reichtum floss nach Frankreich

Ein Rechercheteam der «New York Times» kalkulierte 2022, dass Haiti durch diese Zahlungen an die früheren Kolonialherren insgesamt über 100 Milliarden US-Dollar im heutigen Wert verloren gingen – laut internationalen Historiker:innen «die wohl abscheulichste Staatsschuld der Geschichte». Das Fazit der Recherche: Wäre dieses Geld in Haiti geblieben und dort in die Entwicklung der Bevölkerung, der Wirtschaft und der Infrastruktur investiert worden, ginge es dem Land heute sehr viel besser, vergleichbar mit dem Inselnachbarn Dominikanische Republik.

Stattdessen musste Haiti seine Wirtschaft darauf ausrichten, horrende Beträge ins Ausland zu entrichten. Es fokussierte zuerst auf Kaffee, dann auf Tropenholz. In kurzer Zeit verlor das Land 90 Prozent seiner Waldbestände – mit dramatischen Folgen für die Landwirtschaft. Zudem musste sich Haiti anderswo im Ausland verschulden und wurde zwischenzeitlich noch zwei Jahrzehnte von den USA besetzt und ausgeplündert.

Faktisch war die Entwicklung der haitianischen Wirtschaft über 125 Jahre gelähmt. Abbezahlt waren die Schulden an Frankreich erst 1950. Das Land weigert sich bis heute, diese historische Schuld an Haitis Misere angemessen zu kompensieren. Und während die normale Bevölkerung litt, führte eine kleine Elite Haitis weiterhin ein gutes Leben, dank diktatorischen Anführern und krasser Korruption.

In unseren Projekten unterstützen wir gemeinsam mit lokalen Partnerorganisationen Kleinbäuerinnen und Kleinbauern dabei, ihre Ernährung langfristig zu sichern.

Naturkatastrophen und politische Instabilität

Hinzu kommen schwere Naturkatastrophen. So wurde etwa die Hauptstadt Port-au-Prince am 12. Januar 2010 vom schwersten Erdbeben in der Geschichte Nord- und Südamerikas zerstört: Es gab 300’000 Tote, Hunderttausende Verletzte und 1.8 Millionen Obdachlose. Zudem erlebt Haiti immer wieder verheerende Wirbelstürme und Dürren. Allein zwischen 1998 und 2016 verursachten diverse Naturkatastrophen Schäden in Höhe von mehr als 12.5 Milliarden US-Dollar.

Auch die politische Situation bleibt seit dem Sturz der diktatorisch herrschenden, maximal korrupten Duvalier-Familie 1986 instabil. Und seit der Ermordung von Präsident Jovenel Moisé 2021 herrscht faktisch Anarchie. Weite Teile der Hauptstadt werden von kriminellen Banden kontrolliert, Entführungen und Morde sind an der Tagesordnung. Die Polizei ist komplett überfordert – und oft selbst korrupt. Wer kann, verlässt das Land. So gehen die gescheitesten Köpfe verloren, die Haiti so dringend brauchen würde.  

 

Ausbeutung statt Investitionen

Es gibt jedoch noch einen weiteren wichtigen Grund für die Missstände im Land: «Im Gegensatz zu anderen karibischen Ländern hat Haiti nie grosse internationale Investitionen angezogen, weder in die Zuckerindustrie noch in den Tourismus, der in der Karibik seit den 1970er-Jahren floriert», sagt der Koordinator von Fastenaktion auf Haiti. «Solche ausländischen Investitionen kurbeln nicht nur die Wirtschaft an, sie zwingen die Investoren auch, in diesen Ländern die richtigen Entscheide zu treffen, um ihre Investitionen zu schützen.»

Stattdessen unterstütze die internationale Gemeinschaft eine lokale korrupte Wirtschaftselite, die das schnelle Geld im Import-Export-Handel suche. «Natürlich trägt Haiti einen Teil der Verantwortung für die derzeitige Situation», sagt unser Koordinator, dessen Namen wir zu seiner eigenen Sicherheit nicht nennen. «Aber seit über 30 Jahren haben die verschiedenen Regierungen ihre strategischen Entscheidungen entweder in Komplizenschaft oder unter den Forderungen der internationalen Geberländer getroffen. Es gibt also eine gemeinsame Verantwortung.»

 

Ohne Hilfe von aussen geht es nicht

Dass die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft derzeit auf anderen Krisenherden liegt, erschwert die Situation zusätzlich. «Aber es überrascht hier niemanden», sagt unser Koordinator. «Die Konflikte um die Ukraine und in Gaza haben eine geostrategische Bedeutung, die in Haiti fehlt. Und die menschliche Tragödie scheint nicht auszureichen, um die notwendigen Ressourcen zu mobilisieren.»

Dabei bräuchte Haiti gerade jetzt Hilfe von aussen, auch wenn das Land in den letzten Jahrzehnten damit oft negative Erfahrungen gemacht hat. «Wichtig wäre, die Kompetenz der Haitianer:innen bei der Lösung der Herausforderungen einzubeziehen wie das etwa Fastenaktion mit ihrer Unterstützung von Partnerorganisationen vor Ort macht.»

Für eine Besserung braucht es minimale politische Stabilität in Form einer Übergangsregierung sowie die Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung mit externer Hilfe. «Ausserdem freie Wahlen und eine funktionierende Regierung», sagt Benno Steffen, der bei Fastenaktion für das Landesprogramm Haiti zuständig ist. Er fürchtet, dass sich die prekäre Sicherheitslage ansonsten von den aktuellen Hotspots auf weitere Regionen ausbreiten könnte.

Fastenaktion leistet gezielte Nothilfe vor Ort, um die Ernährung der Menschen zu sichern. Erfahren Sie hier mehr darüber.

Haiti wird häufig von Wirbelstürmen heimgesucht. Sie hinterlassen eine Schneise der Verwüstung und zerstören wichtige Infrastrukturen.

In Haiti setzen multiple Krisen der Bevölkerung zu. Die Ernährung von mehr als 3,6 Millionen Menschen ist gefährdet. Erfahren Sie hier mehr über unseren Einsatz im Land.

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Kriminelle Banden auf der Karibikinsel haben sich zusammengeschlossen und kontrollieren nun etwa 80 Prozent der Hauptstadt Port-au-Prince. Die Regierung hat den Notstand ausgerufen, die internationalen Flughäfen sind geschlossen, ebenso die Grenze zur Dominikanischen Republik. Der Programmkoordinator von Fastenaktion sitzt in einem Vorort der Hauptstadt fest – vorerst mit ausreichend Vorräten. Unsere Arbeit im Landesprogramm geht dennoch weiter.

Text: Ralf Kaminski, Redaktor bei Fastenaktion

Die Sicherheitslage in Haiti ist schon seit Jahren prekär, doch in den letzten Tagen hat sie sich nochmals dramatisch verschärft. Normalerweise verfeindete kriminelle Banden haben sich zusammengeschlossen, einige Polizisten getötet und die Kontrolle über die Hauptstadt Port-au-Prince weitgehend übernommen. Rund 4000 zum Teil hoch gefährliche Häftlinge wurden aus zwei Gefängnissen befreit. Die Gangs fordern den Rücktritt von Premierminister Henry, der sich aktuell im Ausland befindet und nicht ins Land zurückkehren kann. Die internationalen Flughäfen in Port-au-Prince und Cap Haitien sind geschlossen, ebenso die Grenze zum Inselnachbarn, der Dominikanischen Republik.

Alle Botschaften geschlossen

Die haitianische Regierung hat den Notstand ausgerufen und nachts eine Ausgangssperre verhängt, die in der Hauptstadt aber kaum durchsetzbar sein dürfte. Die Schweiz hatte wie andere Länder ihre Botschaft bereits letztes Jahr geschlossen, nun sind auch die verbleibenden diplomatischen Vertretungen zu. Die USA haben ihre Bürger:innen dazu aufgerufen, Haiti umgehend zu verlassen, was derzeit allerdings kaum möglich ist.  

Der Programmkoordinator von Fastenaktion, dessen Namen wir zu seiner Sicherheit nicht nennen, lebt in einem Vorort von Port-au-Prince und arbeitet von zu Hause aus. Derzeit sind sämtliche Strassen aus seinem Quartier raus blockiert, weshalb er es nicht verlassen kann. Er hat jedoch genügend Wasser und Vorräte im Haus, um einige Zeit ausharren zu können.

Die Mehrheit unserer Partnerorganisationen auf Haiti arbeitet auf dem Land.

Fastenaktion vor allem auf dem Land aktiv

Die Mehrheit unserer Partnerorganisationen auf Haiti arbeitet auf dem Land, wo die Gangs bisher nur eingeschränkt aktiv sind. Die meisten Projektaktivitäten können deshalb trotz der Eskalation weitergehen. Dies sichert für die Menschen eine Versorgung mit lokalen Nahrungsmitteln.

Allerdings ist der Zugang zu Banken, die sich alle in Städten befinden, noch schwieriger als sonst. Zudem ist zu befürchten, dass einige der entflohenen Kriminellen in ihre Heimatregionen zurückkehren, was auch auf dem Land zu einer Destabilisierung führen könnte. Und die Versorgungslage wird generell immer prekärer. In einem der ärmsten Länder der Erde erhöht dies das Risiko, dass schon bald noch mehr Menschen hungern als zuvor.


Banden als neue politische Akteure

Doch was ist das Ziel dieser Eskalation seitens der kriminellen Banden? Benno Steffen, der bei Fastenaktion in Luzern für das Programm in Haiti verantwortlich ist, hat mit unserem Koordinator gesprochen. «Die Gangs wollen sich auf diese Weise wohl als politisch anerkannte Akteure positionieren», sagt Steffen. Es sei ja geplant, dass schon bald ausländische Polizeikräfte mit Uno-Mandat bei der Stabilisierung der Lage auf der Karibikinsel helfen sollen. «Es wird vermutet, dass die Banden sich im Vorfeld eine gute Verhandlungsposition sichern wollen, um später Straffreiheit auszuhandeln, so ähnlich wie dies schon in anderen lateinamerikanischen Ländern passiert ist.»

Die meisten Projektaktivitäten können deshalb trotz der Eskalation weitergehen.

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Viele Menschen unterstützten die katholische Kirche weiterhin, weil sie noch immer viel Gutes tue, nicht zuletzt durch Fastenaktion, sagt Weihbischof Josef Stübi, der neue Stiftungsratspräsident der Organisation. Zur christlichen Kernbotschaft der Nächstenliebe gehöre auch, ein Bewusstsein für die vielfältige Not und ihre Ursachen zu schaffen.

Text: Ralf Kaminski, Redaktor bei Fastenaktion

Wie wurden Sie zum Nachfolger von Felix Gmür? Haben Sie sich bei der Bischofskonferenz beworben, hatten Sie gar Konkurrenz?

Nein, weder habe ich mich beworben, noch gab es Konkurrenten. Es brauchte einen Nachfolger aus der Bischofskonferenz, und das Gremium fragte mich an. Ich sagte nach kurzer Bedenkzeit zu, auch weil ich die Arbeit von Fastenaktion gut und wichtig finde.

Haben Sie sich denn zuvor schon mit internationaler Entwicklungszusammenarbeit beschäftigt?

Nicht in der Intensität und Komplexität, wie dies bei Fastenaktion geschieht. Aber in meiner 30-jährigen Zeit als Pfarrer habe ich immer wieder Gemeinschaften im Süden besucht, um Projekte ideell oder finanziell zu unterstützen. In Indien zum Beispiel hat die lokale Ordensgemeinschaft in Kerala zwölf Wohnhäuser finanziert, für Menschen, die zuvor in einem Slum gelebt haben. Auf der Insel Flores in Indonesien ging es darum, eine Handwerkerschule für junge Leute aufzubauen, die heute erfolgreich läuft. Ausserdem haben wir in meiner Zeit als Stadtpfarrer von Baden jedes Jahr einen Basar veranstaltet, an dem für ein soziales Projekt gesammelt wurde, immer wieder auch für Projekte im Süden.

Wissen Sie noch, wie Sie Fastenaktion ursprünglich kennengelernt haben?

Aber sicher: bereits als Kind. Wir hatten daheim in Dietwil (AG) immer ein Fastenopfer-Säckchen zu Hause, in dem über die Zeit von der ganzen Familie ein gewisser Batzen zusammenkam. Den haben wir dann am Fastenopfersonntag in die Kirche mitgenommen.

Welche Aspekte unserer Arbeit finden Sie besonders wichtig?

Ich lerne all die Details ja erst noch richtig kennen. Aber auf jeden Fall ist mir die diakonische, soziale Arbeit wichtig, die Fastenaktion macht. Dazu gehört auch die politische Bildung, also dass wir bei den Menschen ein Bewusstsein für die vielfältige Not schaffen und die Ursachen und Zusammenhänge gut verständlich darstellen. Dass wir zeigen, wofür wir stehen. Und da kommt für mich auch die christliche Kernbotschaft ins Spiel: die Nächstenliebe, der Auftrag an uns Christinnen und Christen, unseren Mitmenschen in Not zu helfen. Auch die katholische Soziallehre mit ihren Prinzipien von Solidarität und Gemeinwohl spielt eine Rolle – da gibt es direkte Bezüge zu den Menschenrechten, die heute vielerorts unter Druck stehen.

Was sehen Sie als wichtigste Aufgabe in Ihrem neuen Amt? Worauf freuen Sie sich?

Ich sehe mich als Teil dieses Gemeinschaftswerks und freue mich, die Arbeit von Fastenaktion im Rahmen meiner Möglichkeiten zu unterstützen, sie mitzugestalten und dabei neue Menschen kennenzulernen. Vielleicht kann ich mit meiner langjährigen Erfahrung in den Pfarreien auch dazu beitragen, diese traditionell so wichtige Verbindung wieder ein wenig zu stärken. Es gibt dort weiterhin viele Menschen, die offen sind, für Fastenaktion zu spenden. 

Ist die Organisation gut aufgestellt für die Ziele, die sie erreichen möchte?

Dazu kann ich noch nicht viel sagen, ich muss mich erst noch einarbeiten. Aber mir scheint, dass Fastenaktion auf einer guten, stabilen Basis steht.

Die Spendeneinnahmen aus der kirchlichen Welt nehmen schon seit Jahren ab, wohl auch wegen der Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche. Wie sollte sich Fastenaktion in diesem heiklen Umfeld positionieren, um nicht noch mehr Spender:innen aus der katholischen Welt zu verlieren?

Mein Eindruck ist, dass die Gläubigen durchaus differenzieren zwischen diesen Vorfällen und der sozialen Arbeit der Kirche. Ich denke, wenn wir glaubwürdig und transparent handeln und dies gut kommunizieren, dann bleibt die katholische Welt eine gute Basis zur Finanzierung von Fastenaktion. Die Zahl der Katholik:innen nimmt ab, aber sie unterstützen uns auch deshalb noch immer, weil wir viel Gutes tun. Fastenaktion ist diesbezüglich ein Leuchtturm der Kirche. Die Missbrauchsskandale sind furchtbar, ich will das in keiner Weise kleinreden. Gleichzeitig sollten wir engagiert weiterarbeiten und eine neue Wirklichkeit von Kirche anstreben. Ich bin auch durchaus optimistisch, dass dies gelingt.

Sollten wir dennoch versuchen, neue Spender:innen auch aus säkularen Kreisen zu gewinnen?

Das passiert ja bereits, und das ist auch richtig und legitim. Wir dürfen einfach nicht vergessen, woher wir kommen: unser christlicher Hintergrund. Umso mehr als uns das auch auszeichnet.

Was erhoffen Sie sich persönlich von Ihrem neuen Engagement?

Dass ich den Anforderungen der Aufgabe gerecht werde. Und da bin ich auch froh um die Menschen, die mit mir gemeinsam diesen Weg gehen. Wichtig ist mir ausserdem, dass bei all dem die Freude nicht zu kurz kommt, auch wenn es zwischendurch mal schwierig sein kann.

Josef Stübi ist seit Anfang Februar Stiftungsratspräsident von Fastenaktion.

Zur Person

Josef Stübi (62) ist seit Anfang Februar Stiftungsratspräsident von Fastenaktion. Der Weihbischof der Diözese Basel war viele Jahre Stadtpfarrer von Baden (AG) und ist schon seit 1987 als Seelsorger tätig. Er wohnt in Solothurn. Weihbischöfe gibt es in Diözesen, in denen die Aufgaben wegen ihrer Grösse nicht vom Diözesanbischof allein erfüllt werden können. Der Weihbischof vertritt ihn unter anderem bei Weihehandlungen und in manchen Gremien.

Trotz der teils prekären Sicherheitslage in Haiti ist Fastenaktion dort weiterhin im Einsatz. Die Projektarbeit sei gerade deswegen besonders wertvoll, sagt unser lokaler Koordinator vor Ort.

Ein Interview mit J. V.*, Koordinator in Haiti bei Fastenaktion
Text: Ralf Kaminski, Redaktor bei Fastenaktion

Wie kommen die Projekte von Fastenaktion auf Haiti voran?

So weit gut. Mit den agrarökologischen Techniken und den Solidaritätsgruppen stärken wir die Ernährungssicherheit, die finanzielle Situation und das Selbstbewusstsein der dörflichen Gemeinschaften. Davon profitieren insgesamt mehr als 20 000 Menschen. Das funktioniert aber nur, weil die Sicherheitslage in den ländlichen Gebieten noch einigermassen okay ist.

Das ist sie sonst nicht?

Nein. Seit ich 2019 mitten in einer politischen Krise mit dieser Arbeit begonnen habe, ist es eher schlechter geworden.

Was sind die Ursachen dieser Krise?

Die aktuelle begann mit einem Volksaufstand gegen die korrupte Regierung. Doch inzwischen haben schwer bewaffnete Banden die Demonstrationen gestoppt und überziehen den Grossraum Port-au-Prince ungestört mit ihrem Terror, was ernste Folgen für die Mobilität hat.

Zum Beispiel?

Man sollte die Stadt nicht verlassen, ohne die aktuelle Sicherheitslage am Zielort und auf dem Weg dorthin abzuklären. Ich halte mich über diverse WhatsApp-Gruppen auf dem Laufenden, telefoniere mit Leuten vor Ort, höre Radio. Und es kommt immer wieder vor, dass ich auf Besuche verzichte, weil die Lage zu gefährlich ist. Oft ist die Lösung, eine Teilstrecke zu fliegen und dann mit dem Auto weiterzufahren.

Was tun denn diese Banden?

Sie errichten Strassenblockaden und fordern Geld für die Weiterfahrt. Es kommt auch regelmässig zu Entführungen, 2023 gab es allein bis September mehr als 900, wobei 63 Ausländer:innen betrafen. Darüber hinaus plündern die Banden ganze Stadtviertel und verjagen deren Bewohner:innen. Zehntausende wurden so schon vertrieben.

Eine Bäuerin bewirtschaftet ihr agrarökologisches Feld.
Die meisten Fastenaktion-Projekte in Haiti befinden sich in ländlichen Regionen. Dort ist die Sicherheitslage weniger angespannt.

Ist auch der Zugang zu unseren Projekten beeinträchtigt?

Die meisten befinden sich in ungefährlicheren ländlichen Regionen. Aber zwei Partnerorganisationen im Departement Artibonite habe ich aus Sicherheitsgründen schon seit zwei Jahren nicht besucht. Doch diese Krisensituation macht unsere Arbeit umso wertvoller: Die Agrarökologie hilft den Menschen, die benötigten Nahrungsmittel selbst anzubauen. Und die Solidaritätsgruppen geben ihnen Zugang zu Kleinkrediten. Schwierig hingegen sind alle Aktivitäten, die einen funktionierenden Staat voraussetzen.

Es sollen nun ein Jahr lang 1000 ausländische Polizisten unter Uno-Aufsicht beim Kampf gegen die Banden helfen. Wird das etwas ändern?

Die letzte vergleichbare Mission endete vor fünf Jahren und brachte offensichtlich nicht viel. Entsprechend skeptisch ist die Bevölkerung. Klar ist: Die bewaffnete Unterstützung ist nötig, Haiti hat keine Armee und weniger als 10 000 Polizisten auf 12 Millionen Einwohner:innen.

Die Lage in Haiti ist seit Jahrzehnten schwierig, wo liegt das Problem?

Der schwache Staat ist eine Folge von historischen Entwicklungen und fehlenden Strukturen. Die korrupte Elite presst Haiti aus wie eine Zitrone und zeigt kein Interesse, ihren Nachkommen ein funktionierendes Land zu hinterlassen. Und die Geberländer sorgen sich stets, dass die Lage komplett ausser Kontrolle gerät, weshalb sie selbst sehr korrupte Regierungen stützen. Ein grosses Problem ist zudem der Braindrain: Über 80 Prozent der Haitianer:innen mit Uni-Abschluss leben im Ausland.

*Aufgrund der angespannten Sicherheitslage in Haiti verzichten wir auf eine namentliche Nennung.

Agrarökologischer Anbau ermöglicht eine unabhängige Nahrungsmittelversorgung.
Dank agrarökologischer Techniken können Bäuerinnen und Bauern unabhängig Nahrungsmittel anbauen.

In Haiti setzen multiple Krisen der Bevölkerung zu. Die Ernährung von mehr als 3,6 Millionen Menschen ist gefährdet. Erfahren Sie hier mehr über unsere wirksamen Projekte im Land.

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