Es gibt nur wenige Lichtblicke im neusten Ernährungsbericht der Vereinten Nationen. Zwar zeichnen sich Fortschritte in Lateinamerika und der Karibik ab, in Afrika jedoch nimmt der Hunger weiterhin zu. Das offizielle Ziel der Weltgemeinschaft, ihn bis 2030 global zu beseitigen, ist nicht mehr erreichbar.

Ein Text von Ralf Kaminski, Redaktor bei Fastenaktion 

Einer von elf Menschen auf der Welt litt 2023 unter Hunger, in Afrika traf es sogar jeden fünften. Während der Coronapandemie stieg die Zahl der Personen ohne genügend Nahrungsmittel steil an und stagnierte in den vergangenen Jahren auf diesem Niveau. Laut dem kürzlich veröffentlichten neusten Ernährungsbericht der Vereinten Nationen (UN) hatten 2023 weltweit rund 733 Millionen Menschen nicht genug zu essen

Ein Drittel der Weltbevölkerung hat keinen Zugang zu gesunder Nahrung

Erschwerend kommt hinzu, dass sich (Stand 2022) 2.8 Milliarden Menschen keine gesunde, ausgewogene Ernährung leisten konnten – also dem Risiko von Mangel– oder Unterernährung ausgesetzt waren. Dies entspricht einem Drittel der Weltbevölkerung und betrifft besonders Menschen in ländlichen Gebieten einkommensschwacher Länder, darunter vor allem Frauen, Jugendliche und Kinder sowie Indigene. Obwohl in Afrika prozentual mehr Menschen unter Ernährungsunsicherheit leiden als irgendwo sonst in der Welt (58 Prozent), lebt aktuell die Mehrheit der Personen ohne genug zu essen in Asien.  

Aufgrund all dieser Entwicklungen gehen die Vereinten Nationen davon aus, dass auch 2030 noch rund 582 Millionen Menschen chronisch unterernährt sein werden, dann jedoch mehr als die Hälfte davon in Afrika. Dabei hatte sich die Weltgemeinschaft in der Agenda 2030 eigentlich zum Ziel gesetzt, den Hunger bis dahin weltweit zu besiegen.

 

Konflikte, Ungleichheit, fehlender politischer Wille

Die Gründe für dieses Versagen sind vielfältig: gewalttätige Konflikte, Klimaerwärmung, wirtschaftliche Krisen und Ungleichheit, gestiegene Kosten für Lebensmittel, ein von wenigen mächtigen Agrarkonzernen kontrolliertes Produktions- und Ernährungssystem. Aber auch die fehlende politische Bereitschaft, genügend finanzielle Mittel einzusetzen, um das Problem systematisch anzugehen. 

Immerhin gibt es auch Lichtblicke. So hat sich die schwere und moderate Ernährungsunsicherheit in Lateinamerika und in der Karibik seit 2021 deutlich reduziert (von 34 auf 28 Prozent der Bevölkerung). Auch gibt es weltweit weniger Kinder unter fünf Jahren, die unter chronischer Unterernährung und einer deswegen beeinträchtigten Entwicklung leiden.

Der Zugang zu gesunder und ausgewogener Nahrung ist eine Grundvoraussetzung, um Hunger zu überwinden.

Immer mehr fehlernährte Übergewichtige

Auf der anderen Seite kann Mangelernährung auch zu Übergewicht führen, weil viele arme Familien sich nur billigen Fast Food leisten können, also kalorienreiche hochverarbeitete Produkte. Und die Zahl der stark Übergewichtigen hat deutlich zugenommen: 2012 galten 12,1 Prozent aller Erwachsenen als stark übergewichtig (591 Millionen Menschen), 2022 waren es 15,8 Prozent (881 Millionen). 2030 dürften es über 1.2 Milliarden sein. 

Der UN-Ernährungsbericht 2024 beschäftigt sich zudem ausführlich mit der Frage, wie sich der Kampf gegen Hunger und Mangelernährung besser finanzieren lässt. Er schätzt, dass dafür aktuell mehrere Billionen Dollar fehlen – und warnt, dass die sozialen und wirtschaftlichen Folgen dieses Defizits die Welt ebenfalls Billionen kosten werden. Es brauche neue, innovative Finanzierungsformen und ein gemeinsames, ganzheitliches Vorgehen.

 

Wirkungsvoller Einsatz von Fastenaktion

Fastenaktion engagiert sich mit seinen Partnerorganisationen im Globalen Süden seit Jahrzehnten im Kampf gegen den Hunger – und kann dabei lokal auch auf viele Erfolge verweisen. Unter anderem dank der Arbeit mit Solidaritätsgruppen und lokal angepassten agrarökologischen Techniken. Wir leiten zudem das Projekt RAISE, eine internationale Kooperation mehrerer Entwicklungsorganisationen, die sich für die Verwirklichung bäuerlicher Rechte einsetzen, um die Ernährungssicherheit zu verbessern. 

RAISE hat sich mit lokaler Sensibilisierungs- und internationaler Lobbyarbeit dafür engagiert, einen Überwachungsmechanismus für bäuerliche Rechte zu schaffen. Dieses Jahr nun hat der Uno-Menschenrechtsrat eine Gruppe von Expert:innen eingesetzt, welche die Umsetzung seiner Bauernrechtsdeklaration UNDROP von 2018 weltweit kontrollieren und fördern soll – ein wichtiger Meilenstein für RAISE, das eng mit dieser Gruppe zusammenarbeiten wird. So können sich Bäuerinnen und Bauern auf internationaler Ebene Gehör verschaffen. Auch dies trägt dazu bei, Hunger zu reduzieren und gesunde Ernährung zu fördern. 

Sie finden hier die Zusammenfassung des UN-Ernährungsberichts 2024 auf Englisch.

Unsere Projekte sind wirksam und reduzieren den Hunger vor Ort, wie das Beispiel der kenianischen Bäuerin Mary Injendi zeigt.

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Der Ständerat hat am 3. Juni kurzerhand beschlossen, Gelder von der Internationalen Zusammenarbeit (IZA) zum Militär umzuleiten. Vom IZABudget der Jahre 2025-2028 sollen zwei von elf Milliarden gestrichen und der Armee zur Verfügung gestellt werden. Fastenaktion spricht sich entschieden gegen diese weitere Schwächung der langfristigen, nachhaltigen Entwicklungszusammenarbeit aus. Nationalrat und Bundesrat müssen diesen Entscheid korrigieren.

Text: Mischa von Arb, Abteilungsleiter Medien, Information und Campaigning bei Fastenaktion

Mit den Kürzungen der Gelder für die Schweizer IZA würden Zehntausende von Kindern im Stich und Tausende von Kleinbauernfamilien auf dem Weg zu einer guten Eigenversorgung fallen gelassen. Auch die Programmarbeit von Fastenaktion droht, von diesen Kürzungen betroffen zu sein. In Haiti, wo Banden das Land terrorisieren, müssten wir die Unterstützung für tausende Menschen einstellen, in Burkina Faso, wo Terrorgruppen Familien bedrohen und von ihrem Land vertreiben, könnten wir vielen nicht mehr helfen, für ihre eigene Ernährung zu sorgen. Es gäbe noch viele weitere Beispiele, denn die Zahl der vergessenen Krisen und Konflikten auf der Welt ist enorm.

Durch unsere Arbeit verbessern wir direkt das Leben von über 600‘000 Menschen – indirekt sogar von über 2.5 Millionen. Die drohenden Kürzungen würden unsere Programme in Afrika, Asien und Lateinamerika betreffen. Wirkungsvolle Arbeit in den ärmsten Ländern würde erschwert. Ohnehin stehen von den rund 11 Milliarden Franken der staatlichen IZA nur rund 5 Prozent für die Finanzierung von Entwicklungsprogrammen durch Schweizer Hilfswerke zur Verfügung. Dieser Anteil würde durch die Kürzungen wahrscheinlich weiter reduziert werden. Der grösste Teil fliesst in die bilaterale und multinationale Entwicklungszusammenarbeit, in die Friedensförderung und in die Humanitäre Nothilfe.

Der Ständerat will die Gelder für die langfristige Entwicklungszusammenarbeit wie in Kenia streichen. Das geht zu Lasten der ärmsten Menschen.

Schweiz kommt ihrer Verpflichtung nicht nach

2011 legte das Schweizer Parlament fest, dass 0.5 Prozent des Bruttonationaleinkommens für die öffentliche Entwicklungsfinanzierung aufgewendet werden soll. Das halbe Prozent wird bereits mit dem vom Bundesrat vorgeschlagenen Budget für 2025-2028 nicht erreicht. Im Rahmen der Agenda 2030 der UNO hat die Schweiz gar 0.7 Prozent versprochen. Der Bundesrat möchte zudem 1,5 Milliarden aus dem Budget für die Ukraine aufwenden, weitere 1,6 Mrd. sind zur Deckung internationaler Klimaverpflichtungen vorgesehen. Die nun vom Ständerat verabschiedete Kürzung von zusätzlichen 2 Milliarden ist ein regelrechter Kahlschlag für die internationale Hilfe aus der Schweiz. Für die ordentliche Entwicklungszusammenarbeit würde faktisch nur noch rund die Hälfte der bisherigen Gelder zur Verfügung stehen. Dies gefährdet die Existenzgrundlage der Armuts- und Hungerbekämpfung, der humanitären Hilfe und der internationalen Zusammenarbeit zur Erreichung vereinbarter Entwicklungsziele, zu welcher sich die Schweiz verpflichtet hat.

 

Entwicklungszusammenarbeit im Interesse der Schweiz

In der Strategie der Internationalen Zusammenarbeit 2025-2028 benennt der Bundesrat entwicklungspolitische Ziele: Diese sind auch im unmittelbaren Interesse der Schweiz etwa bezüglich der globalen Gesundheit oder der Migration, aber auch im Hinblick auf Frieden, Demokratie oder den Erhalt natürlicher Lebensgrundlagen. Diese Ziele können nur verfolgt und erreicht werden, wenn ausreichend Mittel zur Verfügung stehen. Mit einer zusätzlichen Kürzung um 2 Milliarden Franken wie sie der Ständerat vorschlägt, würde die Umsetzung der Strategie verhindert, bevor sie startet. Deshalb setzen sich Fastenaktion und weitere Schweizer Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit dafür ein, dass diese Gelder nicht gekürzt werden. 

Wir setzen uns im Rahmen von Alliance Sud mit der Kampagne «Mehr Solidarität» für eine nachhaltige und stabile Finanzierung der Entwicklungszusammenarbeit ein. Mehr über die Kampagne erfahren Sie hier.

Die Lage in Haiti bleibt dramatisch: Zwar ist sind inzwischen ein neuer Premierminister und ein Übergangsrat im Amt, doch die Hauptstadt Port-au-Prince ist weiterhin unter Kontrolle von kriminellen Banden. Die Versorgungslage auf der Karibikinsel wird derweil immer prekärer. Fastenaktion hat deshalb beschlossen, die Menschen in unseren Projekten gezielt mit Nothilfe zu unterstützen, um ihre Ernährungssituation zu verbessern.

Text: Ralf Kaminski, Redaktor bei Fastenaktion

Die Partnerorganisationen von Fastenaktion arbeiten mehrheitlich im ländlichen Raum im Nordwesten Haitis. Die Menschen dort leben oft in prekären Verhältnissen und betreiben Landwirtschaft für den Eigenbedarf. Zwar sind sie vom Terror der kriminellen Banden bisher nicht direkt betroffen, jedoch bekommen auch sie die dadurch ausgelösten Versorgungsengpässe zu spüren: Die Banden blockieren den Hafen der Hauptstadt Port-au-Prince und wichtige Überlandstrassen. Ausserdem hat der Inselnachbar, die Dominikanische Republik, die Grenzen geschlossen – viele Güter des täglichen Bedarfs sind dadurch blockiert. Zudem hat sich auch das lokal hergestellte Saatgut erheblich verteuert.

Die Folgen: eine galoppierende Inflation und eine rapide Zunahme von Armut und Hunger. Fastenaktion unterstützt deshalb vier Partnerorganisationen auf Haiti bei gezielter Nothilfe für die Ärmsten in unseren Projekten. Die Hilfe besteht aus zwei Elementen: Einerseits verteilen die Partnerorganisationen Saatgut, etwa für Bohnen, Erbsen oder Yams, damit die Menschen trotz der Krise anpflanzen und später ernten können.

 

Die Bevölkerung braucht Hilfe

Andererseits organisieren sie bezahlte Gemeinschaftsarbeit zur Verbesserung der Infrastruktur, etwa die Reparatur eines Bewässerungskanals, der Erosionsschutz bei Feldern oder die Wiederaufforstung. So kommen die Menschen kurzfristig zu Bargeld, das sie normalerweise mit dem Verkauf von landwirtschaftlicher Überproduktion verdienen würden. Doch dieser Verkauf wird derzeit durch Strassenblockaden massiv erschwert.  

Das verteilte Saatgut stammt aus der Region selbst  und kann deshalb ohne grössere Einschränkungen zu den betroffenen Bäuerinnen und Bauern transportiert werden. Eine direkte Lebensmittelhilfe mit Produkten von ausserhalb wäre hingegen logistisch derzeit schwierig.

In Haiti ernähren sich die Menschen hauptsächlich von ihren eigenen landwirtschaftlichen Erträgen.

Übergangsrat soll Wahlen aufgleisen

Die Sicherheitslage im Land bleibt derweil dramatisch. Zwar ist seit Ende April ein neunköpfiger Übergangsrat im Amt, der den bisherigen Interimspremier Ariel Henry offiziell abgelöst hat. Doch die Einschwörungszeremonie in Port-au-Prince fand im Geheimen statt, aus Angst vor Angriffen der kriminellen Banden, welche die Hauptstadt faktisch weiterhin kontrollieren.

Der Übergangsrat – eine Frau und acht Männer – repräsentiert Haitis wichtigste politische Parteien sowie die Zivilgesellschaft und Glaubensgemeinschaften. Er wird auch von den USA und der karibischen Gemeinschaft Caricom gestützt und soll ein Kabinett ernennen und Wahlen aufgleisen. Bereits ernannt hat der Rat einen neuen Premierminister, den Entwicklungsexperten und früheren Unicef-Regionaldirektor für Lateinamerika Garry Conille. Vergangene Woche kam auch eine Delegation aus Kenia auf Haiti an, die den Einsatz einer kenianisch geführten Uno-Sicherheitsmission vorbereitet. Bis zu 1000 Polizisten sollen dabei helfen, die Banden zu bekämpfen und die Sicherheitslage im Land zu stabilisieren.

«Es ist weiterhin zu gefährlich, Port-au-Prince zu verlassen», sagt der Koordinator von Fastenaktion.

Tote, Verletzte und Hungernde

Haitis Situation ist seit der Ermordung von Präsident Jovenel Moïse 2021 noch chaotischer als ohnehin schon. Ende Februar jedoch eskalierte die Lage, als bewaffnete Banden die Macht in der Hauptstadt übernahmen. Ausländische Regierungen haben seither Hunderte ihrer Bürger evakuiert. Allein dieses Jahr wurden 2500 Menschen getötet oder verletzt, rund 1.6 Millionen droht eine Hungersnot.

«Es ist weiterhin zu gefährlich, Port-au-Prince zu verlassen», sagt der Koordinator von Fastenaktion, der in einem Vorort der Hauptstadt lebt und seit Wochen von zu Hause aus arbeitet. Er ist jedoch zuversichtlich, dass sich die Sicherheitslage noch dieses Jahr bessern wird . «Voraussetzung dafür ist, dass der Übergangsrat für Sicherheit im Land sorgt und transparente Wahlen organisieren kann.» Ausserdem werde es substanzielle Wirtschaftshilfe von aussen brauchen – und eine Perspektive für die Menschen. «Die Entscheidungsprozesse im Rat werden sicherlich länger dauern. Aber da alle wichtigen politischen Kräfte darin vertreten sind, besteht Hoffnung, dass bisherige Blockaden überwunden werden können.» 

Erfahren Sie hier im Hintergrundtext mehr über die vielfältigen Hintergründe der Dauerkrise in Haiti.

Zwei Bewohnerinnen in einem Dorf in Haiti.
Die Menschen in Haiti hoffen auf eine baldige Verbesserung der Sicherheitslage und eine friedliche Zukunft.

Fastenaktion setzt knapp 80 000 Franken für die Nothilfe in Haiti ein. Aus diesem Anlass rufen wir zu Spenden auf. Jeder Beitrag zählt, um die betroffenen Menschen zu unterstützen. Klicken Sie hier, um zu spenden.

Fastenaktion unterstützt die Ärmsten in 14 Ländern des globalen Südens. Doch in einigen wird dies durch Konflikte, Terror oder politische Unruhen zusätzlich erschwert. Darunter sind auch langjährige Krisen, welche die Öffentlichkeit kaum mehr beachtet.

Text: Ralf Kaminski, Redaktor bei Fastenaktion

Die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit für Krisen, Kriege und Konflikte ist begrenzt. Der Fokus liegt aktuell vor allem auf der Ukraine und Gaza, doch es gibt noch Dutzende weitere Konfliktregionen, über die in unseren Medien kaum je berichtet wird. 

Zum Beispiel die Demokratische Republik Kongo, in der Fastenaktion in 13 Projekten die Ernährungssituation von rund 16‘000 Menschen verbessert. Der zweitgrösste Staat Afrikas (56-mal die Fläche der Schweiz) gehört trotz enormen Rohstoffreichtums zu den ärmsten Ländern der Welt. Knapp 7 Millionen Menschen sind landesintern auf der Flucht, insbesondere im Osten.

Seit bald 30 Jahren Gewalt im Kongo

Rund 200 bewaffnete Gruppen kämpfen im Kongo um territoriale Machtansprüche – und letztlich um die Kontrolle über natürliche Ressourcen. Es herrscht Willkür und Gewalt, täglich sterben Menschen. Hinzu kommt weitverbreiteter Hunger.  

Seit bald 30 Jahren folgen in der DR Kongo Konflikte und Bürgerkriege aufeinander. Die Welt hat sich daran gewöhnt, das Leid, so furchtbar es ist, ist nicht mehr newswürdig. Diese Mauer der Gleichgültigkeit hat Haiti im März für kurze Zeit durchbrochen – im karibischen Inselstaat löst seit Jahrzehnten eine Krise die nächste ab. 

 

Anarchie auf Haiti

Fastenaktion stabilisiert dort in 10 Projekten die Ernährungssicherheit von rund 8000 Menschen. Der Staat, der seit langem zu den ärmsten der Welt gehört, steht derzeit ohne funktionsfähige Regierung oder Behörden da; es herrscht faktisch Anarchie. Die Hauptstadt Port-au-Prince wird weitgehend von bewaffneten Banden kontrolliert, die im März den Rücktritt des interimistischen Premierministers erzwungen haben. Was dem Land einen kurzen Augenblick öffentlicher Aufmerksamkeit bescherte. 

Die erhält es sonst nicht, obwohl allein 2023 knapp 5000 Menschen durch Bandengewalt ums Leben kamen und knapp 3000 entführt wurden. Schon 314‘000 Menschen wurden durch Gewalt und Plünderungen aus ihren Wohnorten vertrieben. 43 Prozent der Bevölkerung (mehr als vier Millionen Menschen) sind auf humanitäre Hilfe angewiesen.

Der Kongo ist reich an wertvollen Rohstoffen wie Kobalt. Verschiedene Interessengruppen kämpfen um die Kontrolle der seltenen Erden.

Wirksame Arbeit trotz Terror und Korruption

Ähnliche vergessene Konflikte gibt es auch noch in anderen unserer Programmländer: Burkina Faso leidet unter jihadistischem Terror, in Teilen der Philippinen kämpfen muslimische Gruppierungen seit Jahrzehnten mit Waffengewalt um mehr Autonomie oder Unabhängigkeit, in Kolumbien herrscht erst seit Kurzem ein fragiler Friede zwischen einer der Guerillagruppen und der Regierung, dafür üben andere bewaffnete Gruppen, Dissidenten sowie kriminelle Banden vermehrt Gewalt aus. Der Norden Kenias beherbergt die zwei grössten Flüchtlingslager der Welt, mit über 600‘000 Vertriebenen aus diversen Konflikten der Region.  

Und gleich mehrere Länder, in denen Fastenaktion aktiv ist, leiden seit Jahrzehnten unter mehr oder weniger korrupten Regierungen und einer kleinen Oberschicht, die sich nicht um die Leiden der Bevölkerung schert – und die teils äusserst lukrativen Einnahmen aus natürlichen Ressourcen in ihre eigenen Taschen leitet. Trotz dieser erschwerten Bedingungen gelingt es Fastenaktion und ihren Partnerorganisationen in diesen Ländern wirksame Arbeit zu leisten und die Ernährungssituation der Ärmsten zu verbessern. 

Wir möchten, exemplarisch für die verschiedenen vergessenen Konflikte, einen genaueren Blick auf die Lage in Haiti und in der Demokratischen Republik Kongo werfen, die Hintergründe dieser Krisen erklären und zeigen, wie es unseren Partnerorganisationen dennoch gelingt, vor Ort erfolgreich zu arbeiten.

In Haiti sichern unsere Projekte trotz der schwierigen Situation die Ernährung von 8000 Menschen.

Seit dem Beginn der Kämpfe 1996 starben in der Demokratischen Republik Kongo rund sechs Millionen Menschen. Auslöser des bis heute andauernden Konflikts war der Völkermord im Nachbarland Ruanda 1994. Inzwischen befeuern ihn jedoch vor allem wirtschaftliche Interessen – und mangelndes Engagement der internationalen Gemeinschaft.

Text: Ralf Kaminski, Redaktor bei Fastenaktion

Seit bald 30 Jahren bekämpfen sich im Osten der Demokratischen Republik Kongo (DR Kongo) verschiedene Gruppen aus unterschiedlichen Gründen. Die Folgen: Rund sechs Millionen Tote und über 6,5 Millionen Vertriebene innerhalb des Landes – eine halbe Million allein 2023. Ein Viertel der Bevölkerung von rund 100 Millionen leidet unter Hunger und Unterernährung.  

Die aktuellen Ursachen der Krise sind vielfältig. «Im Osten des Landes gibt es viele wirtschaftlich wichtige Mineralien, die Begehrlichkeiten von aussen wecken», sagt Germain Nyembo, Koordinator von Fastenaktion in der DR Kongo, der zudem seit mehreren Jahren an Friedensprojekten im Ost-Kongo arbeitet. «Hinzu kommen schlechte Regierungsführung, institutionalisierte Korruption, verschiedene Diskriminierungen, Gewalt sowie das Fehlen eines offenen Dialogs mit Nachbarländern, die sich Ressourcen aus unserem Land aneignen und dabei bewaffnete Gruppen unterstützen.»

In der Provinzhauptstadt Goma leben Hunderttausende Vertriebene in Zeltlagern.

Rivalitäten zwischen Hutu und Tutsi

Die historischen Wurzeln der Krise hingegen liegen in den Rivalitäten zwischen den Ethnien der Hutu und der Tutsi. Während der besonders fürchterlichen belgischen Kolonialisierung wurden nicht nur über 10 Millionen Menschen getötet. Die Kolonialherren schürten zudem die Rivalitäten zwischen den beiden Ethnien, indem sie den Tutsi Leitungsaufgaben zusprachen. Im Jahr 1994 kam es schliesslich im östlichen Nachbarland Ruanda zu einem Völkermord, bei dem extremistische Hutu innert drei Monaten über 800‘000 Tutsi und moderate Hutu umbrachten. Knapp zwei Millionen Hutu flüchteten über die Grenze in die Republik Zaire (wie DR Kongo damals noch hiess) und siedelten sich in Flüchtlingscamps in Nord- und Süd-Kivu an.

Dadurch weitete der Konflikt in Ruanda sich auf das Nachbarland aus, was zu zwei grossen Kriegen führte, in denen einige Nachbarländer die DR Kongo unterstützen, einige die neue ruandische Regierung unter Präsident Paul Kagame. Dieser argumentierte stets, seinem Land drohe weiterhin Gefahr seitens extremistischer Hutu-Milizen im Osten Kongos.

Obwohl der Zweite Kongo-Krieg 2002 mit einem Friedensabkommen beendet wurde, blieb der Osten des Landes unruhig. Schon bald bildeten sich neue Rebellengruppen – die bekannteste heisst M23, besteht primär aus ethnischen Tutsis und erlangte ab 2012 machtpolitische Bedeutung. Weil M23 laut Uno-Analysen von der ruandischen Regierung unterstützt wird, bleibt das Verhältnis zwischen den beiden Ländern bis heute schwierig.

Gier nach wertvollen Rohstoffen

Ergänzend zu dieser komplexen politischen Gemengelage gewannen wirtschaftliche Interessen ab den 2000er-Jahren immer mehr an Bedeutung und verschärften die Krise. Im Boden der DR Kongo lagern die grössten Reserven der Welt an seltenen Erden und Metallen, die für die Produktion von Smartphones, Computern und Elektroautos zwingend notwendig sind: etwa Kobalt, Coltan, Kupfer, Uran oder Zink. Diese wertvollen natürlichen Ressourcen befinden sich zu grossen Teilen im Osten des Landes. Und zu den diversen lokalen Interessensgruppen, die davon profitieren wollen, kommen noch internationale Geschäftsinteressen hinzu.

Zu Beginn waren vor allem amerikanische Konzerne im Besitz der Minen, heute haben chinesische Firmen weitgehend übernommen. Aber auch die Schweizer Firma Glencore betreibt noch zwei grosse Minen im Land. Die kongolesische Armee kam schon mehrfach zum Einsatz, um chinesische Geschäftsinteressen zu schützen. China wiederum hilft der kongolesischen Regierung mit Drohnen und anderen Waffen, die lokalen Rebellengruppen zu bekämpfen. Hinzu kommen Korruptionsvorwürfe, etwa dass die Chinesen sich die Schürfrechte im Kongo dank Schmiergeld an die Kabila-Regierung sicherten.

Ende 2021 flammte der Konflikt mit Ruanda erneut auf, als die M23-Gruppe nach einigen Jahren Ruhe die Kontrolle über weite Teile von Nord-Kivu erkämpfte – laut der kongolesischen Regierung und der Uno mit finanzieller und logistischer Unterstützung von Ruanda. Dessen Regierung der DR Kongo wiederum vorwirft, erneut extremistische Hutu zu stärken. Gleichzeitig haben Ruanda und andere Nachbarländer, die Milizen im Kongo unterstützen, finanzielle Anteile an den Minen dort. 

Germain Nyembo: «Wir empfinden dies als sehr ungerecht!»

Der Kongo ist reich an wertvollen Rohstoffen wie Kobalt oder Zink, die für die Energiewende benötigt werden.

Wo bleibt die internationale Gemeinschaft?

Mittlerweile mischt auch der Islamische Staat im Ost-Kongo mit, und bisher sind alle Versuche gescheitert, die rivalisierenden Gruppen zu einer anhaltenden Waffenruhe zu bewegen. Germain Nyembo hofft dennoch auf Besserung. «Es gibt einige diplomatische Bemühungen auf regionaler und internationaler Ebene, die Krise zu lösen. Zentral dafür wäre ein aufrichtiger Dialog mit Ruanda und Uganda unter Einbezug der internationalen Gemeinschaft.» Deren Aufmerksamkeit wird jedoch von anderen Krisen absorbiert, wie den Kriegen in der Ukraine und im Nahen Osten.

«Wir empfinden dies als sehr ungerecht», sagt Germain. «Während die ganze Welt den russischen Angriff auf die Ukraine anprangert, scheint sich niemand für die vielen Toten, Vertriebenen und vergewaltigten Frauen im Ost-Kongo zu interessieren. Wird hier mit zweierlei Ellen gemessen?» Er fürchtet gar ein Komplott zur Aufspaltung des Landes. Teile der internationalen Gemeinschaft würden davon profitieren, darunter auch multinationale Konzerne, die von Ruanda und Uganda aus operierten.

«Vor allem aber fehlt der politische Wille der Machthaber», hält Germain fest. «Sie alle führen antidemokratische Regimes, gieren nach Macht und den Einnahmen aus den natürlichen Ressourcen im Kongo. Stattdessen müssten sie den Dialog und ein friedliches Zusammenleben zwischen unseren Ländern fördern. Mehr internationale Solidarität wäre dafür enorm hilfreich, denn letztlich kann nur eine politische Lösung zu einer dauerhaften Beruhigung führen.» 

Erfahren Sie mehr über die Auswirkungen der Krisen im Kongo.

Fastenaktion arbeitet im Kongo mit lokalen Partnerorganisationen zusammen, um den Hunger langfristig zu mindern. In unseren innovativen Projekten sichern wir so die Ernährung von 16’000 Kongolesinnen und Kongolesen. Möchten Sie uns mit einer Spende helfen, noch mehr Menschen im Kongo zu erreichen? 

Germain Nyembo, lokaler Koordinator von Fastenaktion im Kongo, wünscht sich mehr internationale Solidarität.